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Radsport Französisch wird erste Fremdsprache

Tour-Veranstalter ASO übernimmt den Frankfurter Frühjahrsklassiker und baut damit sein Engagement in Deutschland weiter aus. Die Deutschland-Zentrale zieht nach Bad Soden.

05.01.2017 15:47
Das Ziel am 1. Mai: Radprofis passieren die Alte Oper in der Frankfurter City. Foto: Joachim Storch

Am Donnerstag ist Bernd Moos-Achenbach eilig nach Münster gefahren. Auf seinem Laufzettel: die Präsentation des deutschen Teams Sunweb um Tour-Etappensieger Simon Geschke. Das ist nichts Ungewöhnliches. Der 64 Jahre alte Moos-Achenbach ist schließlich Organisator des Traditionsrennens „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“. Gute Kontakte zu Teamleitern und Radprofis sind wichtig. Gestern allerdings standen nicht allein die drahtigen Jungs in ihren kurzen Hosen im Mittelpunkt des medialen Interesses. In die Vorstellung des World-Tour-Teams platzte die Nachricht, dass die Gesellschaft zur Förderung des Radsports mit ihrem Klassiker am 1. Mai seit Jahresanfang eine hundertprozentige Tochter der Amaury Sport Organisation (ASO) geworden ist. Für den gelernten Koch Moos-Achenbach „eine wichtige und zukunftsweisende Entscheidung“, die den Fortbestand des vor 55 Jahren ins Leben gerufenen Traditionsrennens – 2017 erstmals mit World-Tour-Status – sichern hilft.

Ganz so überraschend kommt die Übernahme durch den mächtigsten Radrennveranstalter der Welt (Tour de France, Paris–Roubaix, Lüttich–Bastogne–Lüttich) aber nicht. Die ASO war in den zurückliegenden Jahren ein gerngesehener Gast in Frankfurt und Eschborn. „Sie haben sich unser Rennen 2015 und 2016 ganz genau angesehen“, so Moos-Achenbach. Erste Gerüchte, die ASO habe sich das Rennen von Eschborn nach Frankfurt bereits einverleibt, kursierten schon vor der Straßenrad-WM in Doha im September des vergangenen Jahres. Endgültig überzeugt, den richtigen Schritt zu gehen, war Moos-Achenbach nach eigener Auskunft im November nach einem Mittagessen mit den ASO-Bossen am Rande der Präsentation der Rallye Dakar: „Die Köpfe haben einfach gepasst. Wir waren voneinander beeindruckt.“ Das bestätigt auch ASO-Generaldirektor Yann Le Moenner: „Wir sind begeistert vom ausgezeichneten Standard der Veranstaltung. Und zwar in allen Belangen.“

Für die ASO ist die Übernahme der nächste logische und daher konsequente Schritt, um auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Nicht ganz zufällig startet die Tour de France in diesem Sommer in Düsseldorf. Die Vergabe des Grand Départ in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt unterstreicht die strategische Ausrichtung der Franzosen gen Osten. Die ASO hat Deutschland längst als Wachstumsmarkt detektiert. Aus diesem Grund wird Amaury 2018 gemeinsam mit dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) auch die Deutschland-Tour unter der Marke „Deutschland. Deine Tour“ wiederbeleben.

Stellt sich die Frage, was sich unter dem Einfluss der Franzosen ändern wird? Nicht viel, glaubt man Moos-Achenbach. „Es geht weiter wie bisher“, versichert er. „Die wollen die Welt nicht neu erfinden.“ Mit anderen Worten, die ASO wird gewachsene Strukturen nicht mutwillig zerbrechen. „Unser Team hat mehr als 50 Ausgaben des Rennens auf höchstem Niveau veranstaltet“, sagt Moos-Achenbach, aber natürlich „können auch wir von den Erfahrungen der ASO und ihren Mitarbeitern profitieren“.

Zunächst steht ein räumlicher Umzug an. Von Sulzbach nach Bad Soden. Kein wirklicher Quantensprung. Moos-Achenbachs Team wird mit dem Deutschland-Büro der ASO zusammengelegt. „Von dort aus werden dann alle ASO-Veranstaltungen in Deutschland geplant und organisiert. Die Räume würden gerade für die Bedürfnisse des neuen Teams hergerichtet, erzählt Moos-Achenbach. Der Einzug ist bereits für den 15. Januar geplant.

Planungssicherheit herrscht auch weiter an der Spitze der jüngsten ASO-Tochter. „In den kommenden zwei, drei Jahren bleibe ich auf jeden Fall dabei“, sagt Moos-Achenbach, dessen Vater Hermann und Onkel Erwin das Rennen 1962 erstmals starteten. „Rund um den Henninger-Turm“ hieß es seinerzeit noch. Das blieb auch noch bis 2008 so. Nach dem Rückzug des Hauptsponsors im selben Jahr und den Dopingenthüllungen im deutschen Radsport stand das Rennen auf der Kippe. Moos-Achenbach hielt durch, fand neue Geldgeber: Eschborn und Frankfurt tragen seither die finanzielle Hauptlast des Million-Euro-Budgets.

„Herr Moos-Achenbach geht mit dem Thema ja schon seit zwei Jahren schwanger“, sagt der Frankfurter Stadtrat und Sportdezernent Markus Frank (CDU) und sicherte bereits weitere Unterstützung zu. Die Anforderungen seien in den vergangenen Jahren weiter gewachsen, „vor allem was die Sicherheit solcher Großveranstaltungen anbelangt“, so Frank. 2015 war das Rennen am Abend des 30. April nach Hinweisen auf einen mutmaßlichen Terroranschlag abgesagt worden. Das finanzielle Risiko lag ganz bei Moos-Achenbach und seiner Gesellschaft. „Wir sind damals mit einem blauen Auge davongekommen.“ Das könne er so aber kein zweites Mal mehr leisten. Auch deshalb ist sich Moos-Achenbach sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Egal“, sagte er gestern Mittag in Münster, „wen ich gesprochen habe, jeder hat mit gratuliert.“

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