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Polen EM 2012 Die Harmonie war nur gespielt

Jakub Blaszczykowski spricht nach dem EM-Aus der Polen Klartext: Der Kapitän der polnischen Nationalelf weist auf einen schon länger schwelenden Konflikt zwischen den Spielern und dem Verband hin. Zudem greift "Kuba" Blaszczykowski den Verbands-Präsidenten Grzegorz Lato an.

17.06.2012 16:14
Paul Linke
Ernüchtert; Polnische Fußball-Fans. Foto: dpa

Ob Sportler auch tatsächlich die Produkte nutzen, für die sie im Fernsehen werben, das lässt sich schwer beweisen. Im Fall von Robert Lewandowski wäre der Sponsor jedenfalls nicht erfreut gewesen, hätte die Kamera all die kleinen Schnittwunden herangezoomt, die sich der polnische Stürmer an Hals und Kinn zugezogen hat. Lewandowski macht Werbung für eine Firma, die Rasierapparate herstellt. Und die garantiert eine glatte Rasur. Keine blutige.

Für die roten Striemen in Lewandowskis Gesicht, die man auch ohne Zoom sehen konnte, war keine stumpfe Klinge verantwortlich. Die hatten ihm die tschechischen Abwehrspieler am Samstagabend in Breslau zugefügt. In den vielen Kopfballduellen, die Lewandowski führen musste, weil ihn kaum mal ein Flachpass erreichte.

Polen war zu leicht auszurechnen

Weil das polnische Offensivspiel nach einer halben Stunde nicht mehr funktionierte. Und weil die Tschechen sich in der restlichen Spielstunde bis in den letzten Fingernagel darauf eingestellt hatten, dass ihre Gegner nur über rechts, über ihre Dortmunder Schokoladenseite mit Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski, angreifen können.

Die leicht auszurechnenden Polen haben im letzten Gruppenspiel 0:1 (0:0) gegen Tschechien verloren. Sie hätten gewinnen müssen, um das Viertelfinale zu erreichen. Die Europameisterschaft geht mit einem Gastgeber weiter. Vorerst.

Lewandowski irritiert durch Ahnungslosigkeit

Als Lewandowski, der dritte Spieler von Borussia Dortmunder im Team, sich kurz nach Mitternacht den Fragen stellte, die eine ganze Nation bewegen, irritierte er durch Ahnungslosigkeit. Er trug einen grauen Anzug, schwarze Lederschuhe, unter dem rechten Arm klemmte ein Kulturbeutelchen, der Bus zum Flughafen und das Flugzeug nach Warschau warteten schon. Nein, sagte Lewandowski, er habe während des Spiels nicht gewusst, dass die parallel in Warschau spielenden Griechen gegen Russland führten. Und nein: „Ich weiß nichts davon, dass unser Trainer aufhören wird.“

Diese beiden Informationen waren an diesem Abend nicht unerheblich für die polnische Mannschaft. Sie hätte, erstens, mit einem Sieg Gruppenerster werden können, weil die Griechen ihre Führung bis zum Abpfiff verteidigten. Sie wird, zweitens, den Qualifikationsweg zur nächsten Weltmeisterschaft in Brasilien ohne Franciszek Smuda gehen müssen. Sein Vertrag ist mit dem Ausscheiden abgelaufen.

Keine Impulse von der Bank

„Ich muss nicht mal kündigen“, sagte Smuda. Und fügte an: „Ich hinterlasse keine verbrannte Erde.“ Daran darf man inzwischen zweifeln.

Blaszczykowski kam als Letzter aus der Kabine. Er würde besser in einen Werbespot für Rasierer passen. Der Kapitän wollte zunächst klarstellen, dass die Mannschaft alles gegeben hat und dass es ihm leidtut für die polnischen Fans. Einmal sprach er sogar das Wort Entschuldigung aus. Sehr staatstragend klang das alles. Doch dann sagte er, dass nicht alles so war, wie es hätte sein sollen bei diesem Turnier.

Blaszczykowski meinte nicht etwa die Tatsache, dass seine Mannschaft in drei Gruppenspielen mit drei verschiedenen Aufstellungen gespielt hat, die Taktik aber nur jeweils eine Halbzeit lang aufging. Er meinte auch nicht den Umstand, dass von der polnischen Ersatzbank keine Impulse ausgingen, um die Präzision im Spielaufbau ein komplettes Spiel lang durchzuhalten.

Gespielte Harmonie

Die Polen hatten bis Sonntag laut Statistik nicht nur die meisten Fouls begangen, sondern auch die meisten Fehlpässe im Turnier gespielt. Blaszczykowski meinte die Tickets. Und die Prämien. Und noch mehr, das wohl erst in der nächsten Zeit publik werden wird. Schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass die Harmonie zwischen Mannschaft und Trainer und Verband gespielt war.

Jede Mannschaft habe problemlos Eintrittskarten für die ihre Familien bekommen, sagte Blaszczykowski. Die Polen nicht, die mussten vor jedem Spiel darum betteln. Das habe den Spielern, die nicht wussten, ob ihre Frauen oder Kinder rechtzeitig im Stadion sein werden, die Konzentration geraubt.

Schuld daran sei der Präsident des Polnischen Fußballverbandes, Grzegorz Lato. Blaszczykowski: „Jedes Mal, wenn wir mit ihm eine Vereinbarung treffen, hält er sich nicht daran. Viele Dinge haben nicht in den Medien stattgefunden, um die Stimmung vor der Europameisterschaft nicht zu stören.“

Im Vorfeld waren keine Prämien ausgehandelt worden. Nun ist es der schnelle Rückzug des Trainers, der den Spielern aufstößt. „Wenn es nach mir gehen würde, dann sollte Smuda bleiben“, sagte Blaszczykowski.

Eine Handvoll enttäuschter Fans

Er war als Letzter aus der Kabine gekommen, weil er das alles loswerden wollte in einem Gespräch mit Lato. Der Präsident hatte stets behauptet, er habe ein "gutes Verhältnis zur Mannschaft.“

Blaszczykowski sagt: „Das ist mir nicht aufgefallen.“ Und: „Ich übernehme die Verantwortung für meine Worte.“

Kurz vor eins wartete draußen vor dem Stadion noch eine Handvoll Fans auf den Teambus, als der – begleitet von einer Polizeieskorte – vom Gelände rollte. Fans, die während des Spiels gerufen hatten, dass sie ein Tor sehen wollen, das war am Anfang, dass sie zu ihrer Mannschaft stehen, das war in der Mitte, und am Ende, dass alles noch zu schaffen ist, riefen nun, dass doch nichts passiert sei. Polacy! Nic sie nie stalo!

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