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Paralympics Barrieren in den Köpfen

Am Mittwoch beginnen die Paralympics in London. 150 deutsche Sportler nehmen teil. Der Deutsche Behindertensportverband hofft auf mehr Aufmerksamkeit. An der Basis funktioniert die Integration längst noch nicht.

28.08.2012 11:03
Ronny Blaschke
Luftgewehrschützin: Manuela Schmermund Foto: dpa

Friedhelm Julius Beucher ist Politiker durch und durch. Vor wenigen Tagen saß er beim Tag der offenen Tür im Kanzleramt auf einer Bühne und streichelte eine einäugige Plüschfigur, das Maskottchen der Paralympics. Der Moderator fragte ihn nach Medaillenchancen deutscher Behindertensportler, Beucher ging kurz darauf ein und spannte dann einen größeren Bogen: „In einem Land, das weitgehend nicht barrierefrei ist, müssen wir dazu beitragen, dass die Barrierefreiheit in den Köpfen erst mal geschaffen wird.“ Soll heißen: Was nützen Medaillen, wenn behinderte Menschen woanders ausgegrenzt werden?

Am Mittwoch beginnen die 14. Sommer-Paralympics in London, mit 4200 Athleten aus 166 Ländern, aus Deutschland werden 150 Sportler teilnehmen. Traditionell hat der Deutsche Behindertensportverband, der DBS, knapp zwei Wochen Zeit, um seine Wunschbotschaften unters Volk zu bringen: mehr Aufmerksamkeit, mehr Sponsoren, mehr Respekt.

Ungleichheit in den Strukturen

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Friedhelm Julius Beucher, der dem DBS seit 2009 als Präsident vorsteht, möchte die klassischen Themen um eine politische Frage erweitern: Wie sehr symbolisiert die kleine paralympische Elite die Basis des Sports, und vor allem: die Integration von behinderten Menschen?

In Deutschland leben 13 Millionen mit einer Einschränkung. Ginge es nach den Vereinten Nationen, so müssten Sportler mit und ohne Behinderung in denselben Verbänden und Vereinen organisiert sein, denn die UN fordert statt Integration mittlerweile Inklusion: eine Veränderung des Systems, die eine volle Teilhabe für alle möglich macht. In Deutschland trat dieses Übereinkommen 2009 in Kraft. Und wie sieht die Wirklichkeit aus? „Wir haben heute noch Hallen und Plätze, wo unsere Sportlerinnen und Sportler die Barrieren nicht überwinden können“, sagt Beucher. „Das gilt für viele öffentliche Bereiche.“ Die Mehrheit der 620.000 Mitglieder des DBS in 5800 Vereinen nutzt Sport für Rehabilitation. Die Gesellschaft wird älter, und so dürften diese Zahl weiter steigen.

In Großbritannien oder Kanada werden behinderte und nichtbehinderte Sportler von denselben Trainern betreut, sie unterliegen der gleichen Förderung. In Deutschland hat ein Paralympics-Sieger von der Stiftung Deutsche Sporthilfe bislang eine Prämie von 4?500 Euro erhalten, für Olympia-Gold ohne Handicap war die Auszahlung mehr als dreimal so hoch. Der DBS und die Stiftung haben eine Angleichung diskutiert, doch selbst wenn an diesem Dienstag eine finanzielle Gleichstellung verkündet werden sollte: Die Ungleichheit bleibt tief in den Strukturen verankert.

Fehlende Bereitschaft der Fachverbände

„Viele Nichtbehinderte haben nie gelernt, mit behinderten Menschen umzugehen“, sagt Hubert Hüppe, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. „Das liegt daran, dass man sich nie begegnet. Weil wir gesonderte Sportarten, gesonderte Arbeitsbereiche, gesonderte Wohnbereiche haben.“

Inklusion scheitert im Sport oft an fehlender Bereitschaft der Fachverbände. Mit wenigen Ausnahmen: Die Rollstuhlfahrerin Manuela Schmermund darf sich in der Bundesliga mit Schützen ohne Behinderung messen. Die paralympischen Schwimmer Berlins trainieren am Olympiastützpunkt mit nichtbehinderten Athleten. Beim Rollstuhlbasketballclub Köln spielen auch Nichtbehinderte, um Klischees abzubauen.

In Deutschland ist die sportliche Trennung ein Spiegel des Schulsystems, das nach der Verfolgung von behinderten Menschen im Dritten Reich stark auf Sonderpädagogik und Spezialisierung gesetzt hat. Weniger als zehn Prozent der fast 500.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden heute an Regelschulen unterrichtet – in Schweden, Norwegen oder Portugal sind es mehr als neunzig Prozent. „Es ist schwierig, unserer Gesellschaft zu vermitteln, dass auch an Regelschulen eine angemessene Förderung möglich ist“, sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Willibald Weichert. „Dass vor allem die Nichtbehinderten lernen, mit Behinderten umzugehen.“

Der inklusive Nachholbedarf erfordere hohe Investitionen. Deshalb ist sich Friedhelm Julius Beucher bewusst, dass Inklusion im Sport vorerst ein Wunsch bleiben wird und auch nicht überall sinnvoll wäre. Er hält das Ziel, Olympia und Paralympics zusammenzulegen, für logistisch unmöglich: „Wir sollten erst mal an der Basis die Lücken füllen.“

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