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Eiskunstlauf Die ganz spezielle Paarlaufchemie

Aljona Savchenko will nach zweimal Bronze mit Bruni Massot endlich Olympiagold.

Aljona Savchenko und Bruno Massot
Kraftpaket und Federgewicht: Aljona Savchenko und Bruno Massot. Foto: rtr

Aljona Savchenko und Bruno Massot waren nicht dabei, als fünf Eiskunstlauf-Paare gestern im Teamwettbewerb um die Medaillen kämpften. Deutschland war schon nach dem Kurzprogramm ausgeschieden. So richtig schmerzt das im Verband aber niemanden. Die Anerkennung für den Teamwettbewerb, der nach der Premiere in Sotschi erst zum zweiten Mal in der Geschichte Olympischer Spiele ausgetragen wurde, hält sich in Grenzen. Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), bezeichnet sie gerne als „Generalprobe“ für die weiteren Wettkämpfe. Als Beweise dienten ihm das Fehlen des japanischen Favoriten bei den Männern, Yuzuru Hanyu, sowie die Tatsache, dass Evgenija Tarassowa und Wladimir Morosow, die für Russland unter neutraler Flagge starten, zwar beim Kurzprogramm glänzten, die Kür aber sausen. Einzig Kanada ließ zweimal seine Besten laufen und holte überlegen die Goldmedaille.

Aljona Savchenko, 34, und ihr Partner Bruno Massot, 29, wollen beim Paarlauf am Donnerstag mit den höchsten olympischen Ehren dekoriert werden. Die Grundlage dafür müssen sie ab Mittwoch im Kurzprogramm legen (2 Uhr MEZ). Die Generalprobe beim Teamwettkampf verlief allerdings durchwachsen. Savchenko stürzte beim Flip, weil sie dachte, der Axel wäre an der Reihe. Der erfordert aber einen ganz anderen Bewegungsablauf. Wirklich schwerwiegend war dieser Patzer nicht, weder sportlich noch körperlich, so dass die beiden  nach den Eindrücken des Winters nach wie vor zu den Topfavoriten auf den Olympiasieg zählen. Annika Hocke und Ruben Blommaert aus Berlin würden sich hingegen schon über die Finalteilnahme freuen.

Schon in der Pflicht mitreißend

Wenn dem deutschen Vorzeige-Eislaufpaar ein Auftritt gelänge wie Anfang Dezember beim Grand-Prix-Finale in Nagoya/Japan, wäre ihnen die Goldmedaille kaum streitig zu machen. Die Musik ihrer Kür heißt „La terre vue du ciel“, sie ist eine Komposition für den Natur-Dokumentarfilm „Die Welt von oben“. Nachdem die Juroren 157,25 Punkte verteilt hatten, was zugleich einen neuen Kür-Weltrekord bedeutete, fühlte sich das gesamte Team zumindest kurzfristig auf einem Gipfel der Glückseligkeit. Der Berliner Alexander König, der die beiden in Oberstdorf trainiert, sagt: „Das war ein total erhabener Moment. Das ist der Lohn für die vielen Minuten, Stunden, Tage, die du in der kalten Eishalle verbringst.“

Bevor sich Savchenko und Massot ihrem Paradeprogramm widmen können, das sie mit Christopher Dean, dem britischen Starchoreografen und Eistanz-Olympiasieger von 1984, erarbeiteten, müssen sie morgen die Pflicht meistern. Dass sie die Zuschauer schon hier mitreißen können, zeigten die beiden beim Teamevent. Der Tanz Lindy Hop, aus dem später der Boogie-Woogie hervorging, zum Lied „That Man“ der niederländischen Sängerin Caro Emerald animierte die Fans aller Länder zum Mitklatschen.

Diese lockere Atmosphäre kann vielleicht helfen, den Druck etwas abzumildern, den sich das Paar auferlegt hat. „Was kann es für ein anderes Ziel als Gold geben?“, fragt Savchenko rhetorisch. Obwohl sie fünfmal WM-Gold sammelte, sich vierfache Europameisterin nennen darf und zwei olympische Bronzemedaillen gewann, fühlt sich ihre Karriere noch unvollkommen an. Die Olympiaplaketten sind nette Souvenirs aus Vancouver und Sotschi, mehr aber auch nicht. „Sie stehen für die Vergangenheit“, sagt sie. „Ich kann ja nicht sagen, dass ich schon alles erreicht habe. Man ist das ganze Leben in einer Lernphase.“ Jetzt soll das sportliche Staatsexamen folgen. Dazu will sie ein neues Kleid tragen. „Lila und Gold sollen dominant sein“, hat sie bei der Einkleidung für die Spiele in München verraten. „Vielleicht bringt es ja was, wenn ich Gold trage.“

Um sich diesem großen Ziel zu nähern, dürfen Landesgrenzen keine Rolle spielen. Savchenko, geboren in einem Teil der Sowjetunion, der heute in der Ukraine liegt, nahm 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Massot, großgeworden in der Normandie, brauchte drei Anläufe, bis er im November den Einbürgerungstest bestand. Nachdem ihr langjähriger Partner Robin Szolkowy nach den Spielen 2014 vom Leistungssport zurücktrat, war ziemlich schnell klar, dass sich hierzulande kein passender neuer Partner finden würde. In anderen Länder sind spontane Einbürgerungen ebenso üblich.

Körperlich passt es hervorragend bei den beiden: Ihre 44 Kilogramm, auf 153 Zentimeter verteilt, stemmt der Franzose, 90 Kilo schwer und mit dem Kreuz eines Schwimmers ausgestattet, wie andere einen Sechserpack Wasser. Der Berliner Paarläufer Blommaert sagt: „Der ist wie ein Schrank. Er hat ganz andere Möglichkeiten als ich.“ Was aber fast noch wichtiger ist: „Ich schätze seinen Ehrgeiz und die Kraft, die er hat“, schwärmt Savchenko. „Er ist ein wahnsinniger Wettkampftyp. Er bringt im Wettkampf bessere Leistungen als im Training“. Und Massot gibt zurück: „Ich bin dankbar, dass ich mit einer Läuferin dieser Klasse zusammenarbeiten darf.“

Ihren Lebensmittelpunkt verlagerte Savchenko vor vier Jahren von Chemnitz nach Oberstdorf, Massot zog ebenfalls hierher. In der idyllischen Allgäuer Atmosphäre tüfteln Deutschlands beste Paarläufer seitdem am perfekten Auftritt. „Die vielen wichtigen Erfahrungen aus meiner Chemnitzer Zeit habe ich mitgenommen“, sagt Savchenko. „Aber ich liebe die Berge, sie geben mir zusätzliche Kraft.“

Die Balance muss stimmen

Talent, mit dem beide zuhauf ausgestattet sind, ist das eine. Um noch besser als die andere starken Teams zu sein, braucht es eben diese ganz spezielle Paarlaufchemie. „Sie haben das gleiche Ziel“, sagt Trainer König, „und für dieses Ziel stellst du Dinge hinten an, die du als Einzelperson vielleicht unheimlich wichtig findest. Im Team muss man private Dinge auch mal zu Hause lassen.“ Nach jedem Wettbewerb setzt sich das Trio zusammen und hinterfragt die bisherige Arbeit. „Manchmal ist eine bestimmte Stelle unbequem, mal passt der Anlauf nicht so gut. Es ist unser Teamwork, dass wir die Sache dann in Angriff nehmen“, sagt König.

In den olympischen Wettkämpfen liegt es dann aber alleine an der eingeschworenen Gemeinschaft auf dem Eis. Sie müssen sich einig sein, wie sie diese Goldmission angehen. Die Sportler müssen innerhalb von Sekundenbruchteilen ihre Obergrenzen ausloten. König weiß: „Die Balance muss stimmen. Wenn du zu hohes Risiko eingehst, kann es sein, dass du dafür bestraft wirst. Genauso kann es sein, dass du dafür belohnt wirst.“ Savchenko und Massot hoffen auf die zweite dieser beiden Optionen.

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