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Silber im Eishockey Olympiasieger für 2:20 Minuten

1. UpdateBis 55,5 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit führte das grandios aufspielende deutsche Team im Finale gegen den Rekordweltmeister aus Russland.

Pyeongchang 2018 Winter Olympics
„Das ist ein Bild, auf das schauen wir unser Leben lang zurück.“ Am Ende überwog eindeutig die Freude. Foto: rtr

Danny Aus den Birken lag vor seinem Tor, hinter ihm ruhte der Puck. Es war der Moment, in dem die Gefühlswelt der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft kurzzeitig völlig durcheinandergeriet. Auf der anderen Seite feierten die olympischen Athleten aus Russland den so ersehnten Olympiasieg, es flogen Helme, Handschuhe und Schläger. Aus den Birken und seinen Teamkollegen war das Entsetzen anzumerken, dass sie die letzte Krönung in einem sensationellen Turnier verpasst haben. Der Torwart sagte: „Es fühlt sich an, wie wenn dir jemand ins Herz sticht.“

Erst in der Verlängerung hatten sich die Deutschen dem Turnierfavoriten mit 3:4 geschlagen geben müssen. Schon das lässt auf jede Menge Dramatik schließen. Eine einzelne Situation im Sudden-Death-Modus entscheidet schließlich über Ekstase und Niedergeschlagenheit. Kirill Kaprizov spielte den Hauptdarsteller, als er den Freiraum in Überzahl nutzte, nachdem Patrick Reimer wegen hohen Stocks auf die Strafbank musste. „Die Wenigsten hatten erwartet, dass es ein so enges Spiel wird“, sagte Gerrit Fauser. „Wenn du so kurz davor bist, willst du natürlich auch ziehen.“

Das wahre Drama hatte sich nämlich kurz vorher abgespielt, ehe die Eismaschinen noch mal aus ihrer Garage fahren mussten, um die Spielfläche zu erneuern. Zwei Minuten und zwanzig Sekunden lang sah es tatsächlich aus, als könnte Deutschland eine phänomenale Leistung mit dem Olympiasieg krönen. Ausgerechnet Jonas Müller, der als Verteidiger der Eisbären Berlin bislang erst drei Tore in dieser Saison erzielt hatte, brachte seine Mannschaft gute drei Minuten vor der Schlusssirene erstmals mit einem wuchtigen Schuss in Führung. „Irgendwie hat man gedacht, dass man es jetzt geschafft hat“, gab der jüngste Spieler im deutschen Kader und zwischenzeitliche Matchwinner zu. Während er zugleich lächelte über die Silbermedaille, die um seinen Hals baumelt, und doch auch feuchte Augen hatte. „Wir waren drei Minuten Olympiasieger“, sagte Moritz Müller wenige Meter weiter.

Dass die Deutschen die letzten zwei Minuten in Überzahl spielten, sollte das Gefühl bestärken. Bundestrainer Marco Sturm, der 1006 Spiele in der NHL bestritt, beschlich dabei aber bereits ein ungutes Gefühl: „Ich kenne solche Situationen und wusste, dass das nicht gut für uns wird“, sagte er, „du denkst dann automatisch anders.“ Nach einem gescheiterten Schussversuch, war die Scheibe dann auch weg, die Deutschen mussten sich einem Sturmlauf der Russen erwehren. Nikita Gusev, der überragende Spieler des Tages mit zwei Toren und zwei Vorlagen, riss die Deutschen 55 Sekunden vor der Schlusssirene dann erstmals aus ihren Goldträumen. Sturm sagte hinterher: „Im Nachhinein kann man immer sagen, das und das hätte man besser machen können. Aber dann macht man sich zu sehr kaputt. Ich genieße lieber.“ Trotzdem gelang hier ja die größte Sensation der deutschen Eishockeygeschichte.

Auch dieses Finale offenbarte den außergewöhnlichen Charakter dieser Nationalmannschaft. „Es war geil, mit der Mannschaft zu spielen, Wir haben immer dran geglaubt, dass wir es schaffen können“, sagte Jonas Müller. Dass Russland erstmals 0,5 Sekunden vor der ersten Pause in Führung ging, war schon ein herber Rückschlag. Doch Deutschland glich nach einer halben Stunde durch Felix Schütz aus. Und als Gusev das 1:2 erzielte (54.), indem er die Scheibe gegen den Helm Aus den Birkens donnerte, von wo er ins Tor sprang, dauerte es keine zehn Sekunden, bis es dank Dominik Kahun erneut Unentschieden stand. Überraschend begegneten sich hier zwei Teams auf gleichem Niveau.

Dass die NHL-Cracks fehlten, kam Deutschland bei diesem Turnier natürlich zugute. Das soll die Mannschaftsleistung aber keineswegs schmälern. „Wir haben uns gesteigert bis zum Maximum, das eine deutsche Mannschaft spielen kann“, sagte Moritz Müller. Nach verhaltenen Offensivleistungen in der Vorrunde nahm das DEB-Team mit dem Sieg nach Verlängerung gegen die Schweiz in der K.-o.-Runde immer mehr Fahrt auf. „So bringst du Steine ins Rollen und kreierst Selbstvertrauen“, weiß Patrick Hager. „Niemand war nur mit dem Viertelfinale zufrieden.“

Durch den Sieg über Schweden in der Verlängerung begann dann die Sequenz des Turniers, die getrost als Wunder bezeichnet werden darf. Gegen Kanada spielte sich die Mannschaft zwischenzeitlich regelrecht in einen Rausch. Aus den Birken, anfangs nicht unumstritten, parierte von Match zu Match außergewöhnlicher und wurde nun sogar als bester Keeper des Turniers ausgezeichnet. „Riesenlob an meine Jungs, die mit jedem Tag und mit jedem Spiel besser geworden sind“, lobte Sturm.

Der Bundestrainer war auch der Erste, der nach Spielende positive Gefühle entwickelte: „Normalerweise sitzen wir zu Hause auf der Couch vor den Fernsehern und schauen das Finale, jetzt sind wir hier“, sagte er. Schon auf dem Eis hatte Sturm seine Olympiahelden um sich versammelt. Um ihnen klarzumachen, dass der Stolz und nicht die Trauer überwiegen sollte. Millionen Menschen in Deutschland waren früh aufgestanden, um dieses vielleicht einmalige Goldmedaillenspiel zu begleiten. „Das hat uns einen riesigen Push gegeben.“

Spätestens als die fleißigen Helfer die Teppiche auslegten, auf denen die Mannschaften ihre Medaillen entgegennehmen durften, zuckte auch das eine oder andere Lächeln über die Gesichter der Spieler. „Yannic Seidenberg hat zu mir gesagt: Das ist ein Bild, auf das schauen wir unser Leben lang zurück“, erzählte Patrick Reimer später. „Ich wollte nicht mit irgendeiner Grimasse dastehen, sondern mit einem Lachen.“ Das passte auch zu der komischen Szene danach, als zwar die Olympische Hymne aus den Lautsprechern dröhnte, aber die Olympiasieger die russische Hymne schmetterten. Sehr zum Gefallen der vielen russischen Unterstützer.

Aus den Birken freute sich jedenfalls schon mal auf die Nachwirkungen dieser spektakulären Tage von Südkorea. „Wir lassen uns jetzt auch 40 Jahre lang feiern.“ Bislang galt ja die Bronzemedaille von Innsbruck 1976 hierzulande als Maß der Dinge in Eishockey-Deutschland. „Vielleicht hat ja Hollywood Lust, einen Film über uns zu machen. Ich möchte nur, dass Brad Pitt mich dann spielt.“

 

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