Russland Die Schönredner

Medien und Offizielle verklären das miserable russische Abschneiden bei Olympia, zum Teil mit absurden Zahlenspielen. Die Dopingaffäre wird für beendet erklärt .

Eishockey
Hoch soll er leben: Das russische Eishockeyteam feiert Trainer Oleg Znarok. Fotograf: rtr

Hinterher meldete sich auch Wladimir Putin: Er gratulierte dem Trainer der russischen Eishockeynationalmannschaft Oleg Znarok am Sonntag, unmittelbar nach dem Zittersieg im olympischen Finale, per Telefon: „Das war sehr angenehm“, freute sich Znarok gegenüber der Nachrichtenagentur „Ria Nowosti“: „Wir dienen Russland.“

Ende gut, alles gut. Die russische Öffentlichkeit feiert nicht nur die Eishockeyspieler und ihre Goldmedaillen, sondern das gesamte Olympiateam von Pyeongchang. „Dieses Gold bedeutet, dass wir Olympia gewonnen haben“, verkündet Jelena Wjalbe, die Präsidentin des russischen Skilanglaufverbandes. „Die erfolgreichste Olympischen Spiele in der Geschichte Russlands“, titelt die Fachzeitschrift „Sowetski Sport“. Sie rechnet vor, wenn man alle Medaillen für die Hockeymannschaft zum Einzelgold der Eiskunstläuferin Alina Zagitova addiere, komme man auf 26 Mal Gold – russischer Rekord. Jedenfalls hätten diese Medaillen nationale Begeisterung hervorgerufen, freut sich Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.

Putin empfängt alle Athleten

Am Dienstag will Präsident Putin alle Athleten des russischen Olympiateams im Kreml empfangen. Allerdings wird der Staatschef fast nur zweiten oder dritten Siegern gratulieren können. Mit zwei Gold-, sechs Silber- und neun Bronzemedaillen belegte man Platz 13 im Medaillenspiegel, das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des russischen Wintersports. Zwar verweisen die Medien seit Wochen darauf, viele russische Favoriten seien durch Sperren verhindert gewesen. Tatsächlich hätten die Eisschnellläufer Denis Juskow und Pawel Kulischnikow über die Strecken bis 1500 Meter Siegchancen gehabt. Aber die meisten anderen Medaillenanwärter glänzten diesen Winter wenig. Der sechsfache Shorttrack-Olympiasieger Viktor Ahn zum Beispiel, der diese Saison nur einen zweiten EM-Platz vorzuweisen hat. Oder der vorjährige Tour des Ski-Gesamtsieger Sergej Ustjugow, der im Langlauf-Weltcup Platz neun belegt, ebenso Biathlon-Staffelweltmeister Anton Schipulin, in dieser Saison noch ohne Weltcupsieg. 

„Hätten sie alle teilgenommen, wären vier bis fünf Goldmedaillen dazugekommen, maximal“, schätzt Samuel Awakjan, Chefredakteur der Portals sport24.ru – „und minimal gar keine.“ Er bewertet das russische Abschneiden insgesamt positiv, vor allem wegen der überraschend starken Leistungen der jungen Skilangläufer. „Aber hätten wir im Eishockey nicht in letzter Minute dieses Wundertor geschossen, die Bilanz sähe trauriger aus.“

Statistisch stürzte das russische Team gegenüber den Dopingspielen von Sotschi tief. Dort hatte es mit 13 Goldmedaillen – zwei davon sind inzwischen aberkannt worden – den ersten Platz im Medaillenspiegel gewonnen. Es folgten der McLaren-Bericht und extrem peinliche Beweise zu durch russische Mediziner und Beamte in Sotschi vertauschten Dopingproben. Vor Pyeongchang disqualifizierte das IOC das Olympische Komitee Russlands, am Ende durften nur des Dopings absolut unverdächtige russische Athleten unter olympischer Flagge starten.

Die Russen empörten sich nicht ohne Grund über die Intransparenz einiger IOC-Beschlüsse, aber schon damals vermuteten Insider, das IOC und der Kreml hätten hinter den Kulissen einen Kompromiss ausgehandelt. Und jetzt gilt es in Moskau als beschlossene Sache, dass das IOC heute oder morgen seinen Bann gegen das russische Olympische Komitee Russlands aufhebt – wenn keine Dopingfälle mehr auffliegen. 

Vorher waren in Südkorea wieder zwei gedopte russische Athleten ertappt worden, Sportler und Offizielle gaben sich wie üblich völlig unschuldig. Im Fall des Curlers Alexander Kruschelnitzki wollen sogar die Kriminalisten des russischen Ermittlungskomitees die Fahndung nach dem unbekannten Bösewicht aufnehmen, der Kruschelnitzkis Drinks mit Meldonium gepunscht haben soll.

Russlands Sportfunktionäre erklären die Staatsdopingaffäre bereits für begraben und vergessen. „Wir fangen mit reinem Tisch an“, erklärte das russische IOC-Mitglied Schamil Tarpischew einem Reporter von „Ria Nowosti“: „Aber wenn das Olympische Komitee Russlands wieder zugelassen ist, dann muss man sich an die Regeln halten und keine Dummheiten machen.“ Tarpischew lächelte bei diesen Worten.