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Eishockey Das Märchen von Pyeongchang

Das deutsche Eishockeyteam schafft bei den Olympischen Spielen Historisches und könnte sich im Endspiel gegen die russische Auswahl nun sogar krönen.

Jubel des deutschen Eishockey-Teams
Zügellos: Nach dem sensationellen Finaleinzug gibt es kein Halten mehr. Foto: afp

Erst flogen die Handschuhe, dann die Schläger, und als sich alle Spieler über Torwart Danny aus den Birken geworfen hatten, geschah etwas sehr Seltenes in dieser Sportart. Kräftige Männer mit Schrammen im Gesicht und Struppelbärten wischten sich die Tränen aus den Augen. Denn diese deutschen Spieler haben mit dem 4:3 gegen Kanada etwas im Eishockey geleistet, was in etwa so unvorstellbar ist wie seinerzeit die Mondbesteigung. Zum ersten Mal überhaupt haben sie Deutschland in ein olympisches Finale gebracht. 

Wunder, Märchen, alle diese Umschreibungen, die in einem solchen Moment gerne gebraucht werden, wären zu schwach, um diese Sensation treffend zu umschreiben, die sich an diesem Freitagabend in Gangneung ereignete. „Was da auf dem Eis passiert ist, ist unwirklich“, sagte Frank Mauer. Man kann sich kaum vorstellen, was passiert, sollte diese Mannschaft am Sonntag gegen Russland unter neutraler Flagge die Goldmedaille gewinnen (5.10 Uhr, MEZ). „Der Erfolg ist schon eine gefühlte Goldmedaille. Wir waren im ersten Moment einfach nur glücklich, sprachlos und begeistert von dem, was das Team hier abgeliefert hat“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, der die Olympia-Fandelegation anführte. „Es war ein Jahrhundertspiel.“

Wer Marco Sturm beobachtete bis zum Ende dieses Spiels, konnte kaum erahnen, welche Dramatik sich auf dem Eis zuvor abgespielt hatte. In Führung zu gehen, war natürlich der Wunsch. Aber dass nach dem ersten Drittel ein 1:0 auf dem Videowürfel stand, weil Brooks Macek getroffen hatte, wirkte schon reichlich unwirklich. „In unserer Kabine hing ein Plakat, auf dem stand drauf: Glaube“, erzählte Kapitän Marcel Goc hinterher. Und brachte dabei kaum mehr als ein Stammeln heraus. „Mein Sohn hat heut Geburtstag, und ich kann ihm als Geschenk einfach eine Medaille mitbringen.“ 
Und der Glaube, Großes zu leisten, wuchs mit jeder Minute. Wer das Bedürfnis hatte, sich bei einem 1:0 zu kneifen, musste sich im zweiten Drittel schon regelrecht foltern, um zu begreifen, was eine Mannschaft leistete, die als krasser Außenseiter in dieses Turnier gegangen war. Vor vier Jahren hatte Deutschland die Spiele ja bekanntlich verpasst. Sturms Mannschaft spielte wohl das berauschendste Drittel seiner Geschichte. 

Matthias Plachta und Frank Mauer krönten eine Phase, die wie eine Simulation auf der Spielkonsole wirkte. Pass, Pass, Tor – im Fall von Mauer noch mit einer sehenswerten Bewegung garniert, indem er den Puck durch die eigenen Beine ins Tor bugsierte. 3:0 nach knapp 27 Minuten.

Es war der Moment, in dem die Kanadier erstmals realisierten, dass ohne die verhinderten NHL-Kollegen dieser Schongang nicht ausreicht, um ein Team, das in der Geschichte nicht viel mehr als ein Sparringpartner war, in die Schranken zu weisen. Nach einer knappen halben Stunde fiel das 1:3. Die kanadischen Fans sorgten nun dafür, dass der Lärmpegel in der Halle Short-Track-Niveau erreichte. Sie brüllten, klatschten und hofften irgendwie, aus diesem Alptraum zu erwachen.

Doch das alles hier war bitterer Ernst für sie. Die Antwort der Deutschen, die ihren Rausch noch lange nicht abgelegt hatten, kam prompt. Patrick Hager fälschte einen Gewaltschuss von Felix Schütz in Überzahl ab. Jetzt gesellte sich zum ungewohnten kanadischen spielerischen Unvermögen auch noch Frust. Gilbert Brule attackierte David Wolf so brutal, dass der benommen auf dem Eis liegen blieb. Dass den Bad Boy des deutschen Teams einer umhaut, kommt auch nicht alle Tage vor. 

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