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Olympia Rio hat ganz andere Sorgen

Von der einstigen Freude auf die Olympischen Spiele ist in Rio de Janeiro nicht mehr viel übrig geblieben.

24.04.2016 14:31
700 Familien wohnten einst in der Favela Vila Autódromo, nun entsteht auf dem Gelände das olympische Dorf. Foto: dpa

Ein leiser spöttischer Unterton schwingt mit in der Stimme von Amaro de Lira: „Es gibt ja Sportarten, von denen wir gar nicht gewusst haben, dass es sie gibt!“ Der 61-Jährige gehört sozusagen zum lebenden Inventar von Copacabana, weil er dort seit 40 Jahren als Straßenhändler tätig ist, und seine Ironie zielt auf ein grundsätzliches Problem, dass die Brasilianer mit den Olympischen Spielen haben: Sie interessieren sich einfach nicht groß dafür. Und außerdem haben sie jetzt, rund 100 Tage vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro, ganz andere Sorgen.

Amaro, der mit einem Ballen Strandtücher unterwegs ist, war auch am 2. Oktober 2009 am Strand von Copacabana, als die Stimmung noch ganz anders war. Zehntausende fielen sich schreiend, manche weinend in die Arme, als auf den Riesenleinwänden zu sehen war, welche Stadt das Internationale Olympische Komitee als Austragungsort der Spiele 2016 ausgewählt hatte: Rio de Janeiro. „Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig!“, jubelte der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva – und heute?

Hat Brasilien tatsächlich ganz andere Sorgen. „Das ist doch klar, dass diese Spiele die Leute ziemlich kaltlassen“, sagt Amaro: „Zehn Millionen sind ohne Arbeit, die Inflation ist hoch, niemand hat Geld, es gibt keine Hoffnung, diese Klauerei und die Unmoral greifen um sich, und das alles hat diese politische Krise erzeugt.“ Die mündet nun in das Verfahren zur Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff, und als wäre das alles noch nicht übel genug, wagt Amaro noch einen Blick in die Zukunft: „Warten Sie mal Olympia ab – 80 oder 90 Prozent der Brasilianer sind doch überzeugt, dass danach noch jede Menge Korruptionsvorwürfe auf den Tisch kommen!“

Es ist schon paradox: Nachdem 2014 ein hoher IOC-Mann gejammert hatte, so eine miese Olympiavorbereitung wie in Rio habe er noch nie gesehen, kriegten die Brasilianer geradezu vorbildlich die Kurve. Anders als die Fußballstadien der Weltmeisterschaft 2014 wurden die Bauten zügig fertig, ohne dass es zu größeren Verzögerungen oder zu groben Überschreitungen des Kostenrahmens gekommen wäre.

Negative Nachrichten wie die verdreckte Bucht vor Rio, die 2009 für die Segler noch vorbildlich gereinigt werden sollte, saßen die Verantwortlichen erfolgreich aus. Als jetzt in Athen die olympische Fackel entzündet wurde, lobte IOC-Chef Thomas Bach tapfer, immerhin sei die Bucht ja zu 60 Prozent sauber. Zika ist fast vergessen. Von der mitunter rabiaten Räumung einer dem Olympiaprojekt im Wege stehenden Kleine-Leute-Siedlung ist ebenso wenig die Rede wie von der olympischen Bodenspekulation. Dass die Spiele vor allem das Reichenviertel Barra begünstigen, während die Habenichtse nicht viel abkriegen, erregt, vermutlich weil es ja immer schon so gewesen ist in Brasilien, auch niemanden allzu sehr.

Also könnte sich nun, gut drei Monate vor Beginn des Sportfestes, eine gewisse Vorfreude aufbauen. Aber davon ist ganz und gar nichts zu spüren, so sehr die Verantwortlichen in ihren Sonntagsreden auch den Enthusiasmus herbeizureden versuchen. Selbst der Kartenvorverkauf ist mau. „Das Impeachment und allgemein die zugespitzte politische Lage überlagert alles“, erklärt sich Marco Santoro, Dozent am Fachbereich Sport der Landesuniversität Rio de Janeiro, die Lustlosigkeit auf Olympia.

Die Identität Brasiliens verändere sich gerade: „Nachdem in den vergangenen Jahren das alte Image vom lebensfrohen Brasiliens mit Fußball, Strand und schönen Frauen einem etwas ernsthafteren Selbstbild gewichen ist, scheinen wir jetzt die Herzlichkeit zu verlieren“, sagt Santoro: „Die politische Polarisierung bringt richtigen Hass zutage.“ Ob das Impeachment ein Putsch sei oder nicht, werde so erbittert debattiert, dass an den Stammtischen sogar das Thema Fußball in den Hintergrund getreten sei, hat Santoro beobachtet.

„Olympia wird absolut ignoriert, die Brasilianer konzentrieren sich auf die Krise“, sagt auch der deutsche Sportsoziologe Martin Curi, der seit 2002 in Rio lebt. Brasilien habe den Wendepunkt 2013 erlebt, mit den riesigen Demonstrationen, die die gewaltigen Ausgaben für die Mega-Events in Beziehung setzten zum allgemeinen Lebensstandard. Und der hat sich, genau wie Strandtuchverkäufer Amaro sagt, seitdem nur verschlechtert.

„Sieben zu eins, das ist die Metapher für alles Negative in Brasilien geworden“, sagt Curi in Anspielung an das WM-Spiel zwischen Deutschland und Brasilien. Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig – das freudige Überlegenheitsgefühl, das Präsident Lula bei der Wahl Rios zum Ausdruck gebracht hat, ist gut sechseinhalb Jahre später einer tiefen Verzagtheit gewichen.

Allein Fußball entzündet die Leidenschaften

Nun ist selbst ein banaler Radweg, der gerade erst zur vorolympischen Aufhübschung gebaut worden war, von einer Ozeanwelle zum Einsturz gebracht worden: Ricardo Freitag, Professor für Kommunikation an der Landes-Uni Rio, meint, der Einsturz des Radweges mache dem Volk deutlich, dass die „Logik des City-Marketing, die ein Mega-Event als Hebel für die Entwicklung der Stadt ansieht“, nichts als ein Schwindel sei: „Die Leute fragen sich: Und das soll nun eine Olympiastadt sein?“

Jenseits der aktuellen Gründe für Brasiliens Unlust auf Olympia gibt es noch eine generelle Ursache: Allein der Fußball entzündet die Leidenschaften, nicht Leichtathletik oder was sonst noch bei Olympia vorkommt. Der brasilianische Anthropologe Roberto DaMatta vergleicht Olympia mit Autorennen: „Es muss immer schneller sein, es geht nur darum, ins Buch der Rekorde zu kommen“, sagt er mit der Lust an der Provokation – Fußball sei doch ein viel komplexeres Phänomen. Und da dürften ihm viele seiner Landsleute zustimmen.

„Monokultur bleibt Monokultur“, sagt Santoro im Hinblick auf die Dominanz des Fußballs. Der Versuch, durch Olympia andere Sportarten populär zu machen, sei gescheitert: „Wer interessiert sich denn für Fechten? Für Boxen? Für Rugby?“, fragt er: „Die Regierung wollte ja solche Nischensportarten fördern, aber dafür ist kein Geld mehr da.“

„Eigentlich ist Olympia gar nicht für die Brasilianer“, so lautet die nüchterne Schlussfolgerung von Strandtuchverkäufer Amaro: „Eigentlich machen wir sie nur für die anderen.“

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