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Neujahrsempfang DFL Note 6, setzen!

Geschäftsführer Christian Seifert spricht beim Neujahrsempfang der Bundesliga Klartext: „Nicht wir haben diesen Sport so bedeutsam gemacht, sondern er uns“.

20.01.2016 07:24
Von Jan Christian Müller, Frank Hellmann
Krisentalk: Der Wolfsburger Klaus Allofs, Ex-DFB-Boss Wolfgang Niersbach, Christian Seifert und Oliver Bierhoff (v.l.). Foto: dpa

Wollte man das, was Christian Seifert am Dienstag um High Noon in einem geräumigen Kellergewölbe nahe der Frankfurter Hauptwache über den großen Fußball sagte, in eine Schulnote kleiden, gäbe es wenig Interpretationsspielraum. Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verteilte eine blanke 6. So hart und ehrlich und unbarmherzig und unzweideutig wie der 46-Jährige beim inzwischen zur kleinen Tradition gewordenen Neujahrsempfang der Bundesliga über Fifa, Uefa und DFB urteilte, hat das in aller Öffentlichkeit noch nie einer aus der Branche getan. Es war überfällig.

Wer eine kritische Auseinandersetzung des operativen Anführers im deutschen Ligafußballs mit den verheerenden Entwicklungen des vergangenen Jahres erwartet hatte, wurde nicht enttäuscht. Seifert sprach Klartext. Klartext, der auch beim Deutschen Fußball-Bund angekommen sein dürfte, dessen designierter Präsident Reinhard Grindel ebenso zu den mehr als 500 geladenen Gästen gehörte wie der im November zurückgetretene Ex-Verbandschef Wolfgang Niersbach. Einprägsamster Satz in Seiferts Rede: „Wir tun im Fußball alle gut daran, uns daran zu erinnern: Nicht wir haben diesen Sport so bedeutsam gemacht, sondern er uns.“

2015, so Seifert, sei „ein schweres Jahr für den Sport“ gewesen – „auch und besonders für den Fußball. Vieles wirkte irritierend, manches auch verstörend“. Das Jahr mit den Krisen in der Fifa, Uefa und im DFB habe „Wunden gerissen, und es werden Narben bleiben, die vielleicht wieder aufbrechen werden. Wir alle tun gut daran, das Jahr 2015 nicht zu vergessen“. Denn: „Wir alle dürfen nie vergessen, dass es gute Gründe dafür gab, dass die Glaubwürdigkeit der internationalen und teilweise auch nationalen Institutionen sehr gelitten haben.“ Er erwarte, dass diese verloren gegangene Glaubwürdigkeit mit „objektiver Transparenz und professioneller Konsequenz“ zurückerlangt werde.

Auch das darf durchaus als Botschaft an den DFB betrachtet werden. Seifert hat wenig Verständnis dafür, dass die 21 Präsidenten der Landesverbände sich bereits eine Woche nach Niersbachs Rücktritt auf den Niedersachsen Grindel als Nachfolger geeinigt hatten, statt in einer professionellen Ausschreibung mit Headhuntern nach dem besten verfügbaren Mann zu suchen und dabei noch gleich die Führungsstrukturen an die Herausforderungen eines Verbandes anzupassen, der jährlich mehr als 200 Millionen Euro umsetzt. Das vor einem Jahr noch von tiefem Vertrauen geprägte Verhältnis der DFL zum DFB ist angekratzt. „Es muss zwangsläufig auf neue Beine gestellt werden“, sagte Seifert, die DFL bleibe zwar ein verlässlicher Partner, aber „echtes Vertrauen entsteht nur über die Zeit, so ehrlich müssen wir sein“.

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Ligapräsident Reinhard Rauball, der derzeit den DFB bis zu einem wahrscheinlich im Mai stattfindenden außerordentlichen DFB-Bundestag interimistisch anführt, ergänzte, der Spitzensport gebe derzeit ein düsteres Bild ab, „wir müssen die Lehren daraus ziehen und darüber sehr eindringlich reden“. Der DFB schulde es der Öffentlichkeit, dass die Ergebnisse der Ermittlungen in der WM-Affäre durch die Kanzlei Freshfields von den Rechtsanwälten nicht nur intern vorgetragen würden, sondern in aller Öffentlichkeit. Das sieht auch Willi Lemke, der Sport-Sonderberater der Vereinten Nationen, so: „Ich erwarte vom DFB, dass er reinen Tisch macht.“ 2015 sei ein „schlimmes Fußballjahr“ gewesen, „wir brauchen Glaubwürdigkeit und einen Neubeginn in den Verbänden“.

Für den Neubeginn im Weltverband hat Ligaboss Rauball bereits einen Personalvorschlag. Der 69-Jährige gab bekannt, er werde bei der am heutigen Mittwoch in Frankfurt stattfindenden DFB-Präsidiumssitzung den Vorschlag unterbreiten, dass der DFB bei der am 26. Februar stattfindenden Wahl zum Fifa-Präsidenten den aktuellen Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino unterstützen soll. Begründung: Der 45-jährige Schweizer sei ein „Mann der neuen Generation“ und kenne das Geschäft „von der Pike auf“.

Mit Blick auf die neu auszuhandelnden TV-Verträge wies Seifert nochmals darauf hin, dass die alljährlich dreifachen Milliardenerträge der Premier League für Deutschland unerreichbar bleiben würden und er nicht bereit sei, „die Bundesliga in ihren Grundfesten zu erschüttern, nur um einem Umsatzphantom hinterher zu jagen“. Gleichwohl formulierte er Erwartungen: „Die Bundesliga braucht Klubs, die in der Lage sind, mit den im Geld schwimmenden englischen Teams mitzuhalten. Damit meine ich nicht nur Borussia Dortmund und Bayern München, sondern die Visitenkarte jedes Klubs, die in jeder Runde der internationalen Wettbewerbe abgegeben wird.“ Eine „gute nationale Liga“ würde „ohne internationale Qualität keine gute nationale Liga bleiben“. Ergo: „Die Bundesliga muss in der Weltklasse mitspielen. Diese Botschaft muss raus an Medienpartner und Sponsoren.“

Dabei wäre es vermutlich hilfreich, wenn das gesamte Umfeld im Weltfußball und im Deutschen Fußball-Bund Weltklasseniveau erreichen würde. Vielleicht sollte man zum Anschauungsunterricht öfter mal in der Deutschen Fußball-Liga vorbeischauen. Nicht nur zum Neujahrsempfang.

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