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Nachruf auf Helmut Haller Das blonde Schlitzohr

So einen Fußballer hätte es im Land der Tugenden eigentlich nicht geben dürfen. Ein Nachruf auf Helmut Haller, der am Donnerstag im Alter von 73 Jahren gestorben ist.

12.10.2012 15:33
Eine gute Portion Schlitzohrigkeit - Helmut Haller (im Bild als Trainer des Landesligisten Schwaben Augsburg im Jahr 1987) Foto: dpa

Sorry, Mesut Özil und Sami Khedira, Michael Ballack und Bernd Schneider, Lothar Matthäus und Thomas Häßler, Felix Magath, Paul Breitner, Bernd Schuster, sorry, auch Günter Netzer und Fritz Walter: Das beste Mittelfeld, das die deutsche Nationalmannschaft je hatte, war jenes von der WM 1966 in England mit Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath und Helmut Haller. Dies nicht zuletzt dank Il Biondo, wie Haller zu jener Zeit in seiner Wahlheimat Italien genannt wurde.

Der blond gelockte Mann aus Augsburg war ein Spieler, wie es ihn der vorherrschenden Meinung zufolge im Land der deutschen Tugenden gar nicht geben durfte. Brillante Technik, enorme Kreativität, eine gute Portion Schlitzohrigkeit, die er zum Beispiel bei seinem verzögerten Elfmeter zum 5:0 im Gruppenspiel gegen die Schweiz unter Beweis stellte.

Zuvor hatte er schon das 2:0 erzielt. Es war neben seinen immensen spielerischen Fähigkeiten diese Torgefährlichkeit, die ihn zu einem der besten Mittelfeldakteure der Welt erhob. Sechs Treffer erzielte er bei der WM 1966, nur der Portugiese Eusébio kam auf mehr (9).

Italiens Fußballer des Jahres

Wie gut Helmut Haller tatsächlich war, blieb den Deutschen weitgehend verborgen. Als 1963 die Bundesliga startete und damit auch die Übertragung von Spielausschnitten in der Sportschau, spielte Haller schon beim FC Bologna. Er war einer der ersten deutschen Fußballer, die dem Ruf des Geldes gen Süden folgten, was hierzulande gar nicht gerne gesehen wurde. 1958, nach der enttäuschenden WM in Schweden mit dem Aus des Titelverteidigers im Halbfinale gegen die Gastgeber, hatte Herberger den 19-Jährigen erstmals berufen, dass er es nur auf 33 Länderspiele brachte, lag an der DFB-Doktrin, sogenannte Auslandslegionäre, die gern als Verräter beschimpft wurden, nicht zu berücksichtigen – umstrittene Ausnahme: WM. Von seinem Italien-Wechsel 1962 bis zur WM 1966 bestritt Haller nur ein Länderspiel, ähnlich war es zwischen 1966 und 1970.

Haller, beileibe kein Verächter des schönen Lebens, hatte dennoch nie Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung. 120 Mark monatlich hatte er in Augsburg verdient, allein 300.000 Mark gab es für seinen Wechsel nach Bologna. Seine überragende Klasse stellte er unter Beweis, als er Bologna 1964 zur italienischen Meisterschaft führte. Ein echtes Kunststück, denn der Klub war zwar ein großes Team vor dem Krieg gewesen, aber inzwischen weit entfernt von ähnlicher Bedeutung. Bis heute hat Bologna den Scudetto nicht mehr gewonnen, Haller wurde damals Italiens Fußballer des Jahres.

Zurück nach Augsburg

Für sagenhafte umgerechnet drei Millionen Mark wechselte er 1968 zu Juventus Turin, wurde dort noch zwei Mal Meister und stand 1973 im Europacupfinale der Landesmeister. Das Spiel gegen Ajax Amsterdam endete 0:1, Haller wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt, es war sein letztes Match für Juve. Seinen Zenit hatte er überschritten, in der Nationalmannschaft war er seit der Vorrundenpartie gegen Marokko bei der WM 1970 in Mexiko nicht mehr eingesetzt worden.

Haller kehrte zum FC Augsburg zurück, wo er, deutlich übergewichtig, die Fans noch sechs Jahre lang mit seiner Ballgewandtheit, Übersicht und Schussgewalt erfreute. In seiner Heimatstadt ist Helmut Haller, der zuletzt an Parkinson und Demenz litt, am Donnerstag im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

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