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Mats Hummels Nacht der Wachablösung

Mats Hummels dürfte sich den jahrelangen Stammplatz von Per Mertesacker durch eine hervorragende Leistung erst mal gesichert haben, in der Selbstdarstellung ist er erkennbar um Zurückhaltung bemüht.

11.06.2012 06:15
Jan Christian Müller
Mats Hummels blieb gegen Portugal ohne Foul. Foto: dapd

Am Samstagabend ist Mats Hummels wortlos an den Mikrofonen vorbeigelaufen. Das erschien ungewöhnlich. Schließlich war der überraschend aufgebotene Innenverteidiger zuvor der beste deutsche Fußballspieler beim 1:0 (0:0) gegen Portugal gewesen.

Manche Reporter haben vertraulich „Mats, halt doch mal“ gerufen, manche respektvoll „Herr Hummels, bitteschön“ – es hat alles nichts genützt. Mats Hummels lächelte nur stumm wissend in sich hinein und ging zum Bus.

Mertesacker schrecklich enttäuscht

Tags darauf musste der 23-Jährige im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes zur Mittagszeit die Pressekonferenz bestreiten. Er saß da mit seiner verwegen verwilderten Musketierfrisur in einer grünen Trainingsjacke auf dem Podium und sah jetzt plötzlich nicht mehr so aus, als würde er diesen Job nicht fast genauso gerne verrichten wie den auf dem Fußballplatz.

Für Portugal, aber vermutlich nicht nur für Portugal, war der Dortmunder Meistermann von Bundestrainer Joachim Löw dem 81-fachen Nationalspieler Per Mertesacker vorgezogen worden. Löw hatte das beiden Spielern schon am Freitag in Einzelgesprächen mitgeteilt.

Mertesacker war danach schrecklich enttäuscht. Man hätte den Langen fast in den Arm nehmen mögen in der Nacht zum Sonntag nach dem Spiel, als er in der Mixed Zone stehen geblieben war und tapfer kundtat, für ihn sei das nun eine „neue Situation“.

Mertesacker ist klug genug wahrzunehmen, dass Löws Entscheidung gegen ihn ein Einschnitt zu werden droht. Der 27-Jährige wähnte sich nach allergrößten Mühen infolge einer schweren Fußverletzung gerade rechtzeitig wieder fit. Aber das hat Löw dann doch anders gesehen.

Lob vom Konkurrenten

Nun, da Hummels in seinem 15. Länderspiel zum ersten Mal so überragend für Deutschland spielte, wie er es ansonsten für Dortmund Woche für Woche tut, haben sich die Gewichte grundlegend verschoben. Selbst Mertesacker räumte mit leiser Stimme ein, dass „die Spieler, die gespielt haben, gute Argumente gesammelt haben, um im nächsten Spiel wieder aufzulaufen“.

Vor allem Mats Hummels, sein Konkurrent. Jener Mats Hummels, der neulich beim Medientag auf Sardinien noch an einem Tisch hockte und keck kundtat: „Ich bin ein selbstbewusster Junge.“

Dieses Selbstbewusstsein soll der Hochbegabte im Kreis der Nationalmannschaft bisweilen einen Tick zu intensiv ausgelebt haben, ein wenig über die Grenzen des gesunden Egoismus hinaus.

Das Magazin Spiegel hat das am vergangenen Montag in eine Geschichte gepackt, eine Geschichte, die zwar dem durchaus begnadeten Fußballspieler, nicht aber dem Menschen Hummels zur Ehre gereicht und die ihm nicht gefallen hat.

Hummels formuliert zurückhaltend

Seine etwas beleidigt wirkender Auftritt in der Nacht nach dem Spiel gegen Portugal, das räumte er tags darauf offen ein, habe etwas mit dieser Story zu tun gehabt. Er nahm die Journalisten sozusagen in eine Art Kollektivhaftung für das Leitmedium, denn: Wenn da „ein paar Sachen“ vorfallen, die ihm „nicht passen“, dann reagiere er darauf: „Ich hatte kein Bedürfnis, mich zu äußern.“

Am Sonntag formulierte der nicht nur fußballerisch, sondern auch rhetorisch ausgesprochen versierte Sohn einer Sportjournalistin seine Ansprüche dann sehr zurückhaltend. Offenbar hat Hummels seine Lehren aus interner Kritik und öffentlicher Zurechtweisung gezogen.

Man solle seine Leistung bloß nicht zu positiv betrachten, er habe sich „vielleicht ein bisschen hineingespielt“ in die Mannschaft, so „vom Standing her“, mehr aber auch nicht.

Top-Werte in der Statistik

Da war einer erkennbar bemüht, seine Präsenz nicht in Pressegesprächen, sondern auf dem Sportplatz wirken zu lassen. Und die war gegen Portugal in der Tat eindrucksvoll. Hummels spielte kein einzige Mal Foul, was besonders den Bundestrainer in Entzücken versetzt haben dürfte, Hummels Pässe in die Schnittstellen des Mittelfelds kamen zu 83 Prozent an, was Bestwert bedeutete, und auch ohne Ball zeigte er sich stets auf der Höhe.

Jetzt muss er nur noch daran arbeiten, die Sache mit dem Selbstvertrauen so zu kanalisieren, dass nachhaltig nicht der Eindruck entstehen könnte, er selbst sei sich allzu spürbar wichtiger als das große Ganze. Der unterlegene Per Mertesacker hat das in der schwülen Nacht von Lemberg am Samstag vorbildhaft demonstriert. Als noch kurz zu spielen war, verteilte der Abwehrchef a.D. in einer Verletzungspause eifrig Trinkflaschen an die Kollegen.

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