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Marathon-Pionierin Kathrine Switzer "Ich wollte zeigen, dass Frauen das schaffen"

Die Amerikanerin Kathrine Switzer ist als Marathon-Pionierin berühmt geworden. Am Sonntag startet sie beim Rennen in Berlin. Im Interview spricht sie über die Schlüsselszene ihrer Karriere und die Erwartungen an Berlin.

24.09.2011 17:59
Attacke beim Boston-Marathon 1967: Der Renndirektor versucht, Kathrine Switzer zu entfernen. Foto: dapd

Kathrine Switzer ist schlank und sieht jünger aus als 64 Jahre. Sie die erste Frau, die trotz aller Widerstände bei einem Straßenmarathon lief – und dabei berühmt wurde. Seither gilt die Amerikanerin, deren Buch: „Marathon Woman“ gerade auf Deutsch erschienen ist, als Marathon-Pionierin. 1974 gewann sie das Rennen in New York. Am Sonntag läuft Switzer zum ersten Mal den Berlin-Marathon; es ist ihr 39. Rennen über die 42,195 Kilometer lange Strecke.

Frau Switzer, in den 1960er Jahren dachten viele, Frauen seien ungeeignet für den Marathon. Teilweise wurde abstruse Gründe angeführt.

Ja, ich sollte nicht Marathon laufen, weil meine Gebärmutter herausfallen könnte. Ich dachte, das ist lächerlich, denn wenn es irgendwelche Organe geben sollte, die beim Marathon beschädigt werden könnten, dann ja wohl die männlichen. Meine Familie kam 1727 aus dem Schwarzwald nach Amerika. Es waren zähe Pioniere. Sie haben das Land urbar gemacht, auch die Frauen. Ich wusste, dass wir sehr stark sind.

Welches war die Schlüsselszene in Ihren Sportlerleben?

Der Boston-Marathon 1967. Er hat mein Denken geändert. Ich wurde radikalisiert: in einer positiven Art, um Frauen neue Möglichkeiten zu schaffen.

Was ist damals passiert?

Ich hatte Streit mit meinem Trainer. Er dachte nicht, dass eine Frau den Marathon schaffen könnte. Er sagte, wenn ich es ihm zeige, würde er mich nach Boston begleiten. Als ich die Distanz im Training geschafft hatte, war er aufgeregt und half mir, mich in die Meldeliste einzutragen. So war ich offiziell registriert.

Frauen war die Teilnahme damals nicht erlaubt. Fielen Sie bei Ihrer Anmeldung nicht auf?

Als ich meinen Namen eintrug, habe ich meine Initialen benutzt: K. V. Switzer. Am Morgen des Rennens hat es geschneit, es waren fürchterliche Bedingungen. So kamen alle in langen Hosen und dicken Pullis. Das war mein Glück

Also sind Sie mit der Startnummer 261 ins Rennen gegangen?

Ja, dort hat uns nach vier Kilometern der Pressebus überholt. Drinnen fingen sie an, Fotos von mir zu machen. Der Renndirektor Jock Semple wurde sehr wütend. Er dachte, ich wäre aus Ulk dabei. Er sprang aus dem Bus, packte mich und schrie: „Zur Hölle, raus aus meinem Rennen. Gib mir die Startnummer.“ Mein Trainer rief: „Lass sie, sie ist okay.“ Mein Freund, der mitrannte, verpasste dem Funktionär einen Schlag. Er war Footballer und Hammerwerfer, ein kräftiger Typ. Er hat den Offiziellen fast zertrümmert. Es war schrecklich.

Was haben Sie gemacht?

Der Vorfall hat mich gezwungen, das Rennen zu beenden. Wenn ich es nicht geschafft hätte, hätte jeder gedacht, ich hätte mir einen Jux erlaubt. Ich wollte aber zeigen, dass Frauen das schaffen.

Waren Sie sicher, es zu schaffen?

Bei einem Marathon kann man nie sicher sein, aber ich war selbstbewusst. Kurz zuvor hatte ich 50 Kilometer geschafft.

Der Vorfall in Boston hat Sie berühmt gemacht.

Ich bin berühmt für die Fotos. Das ist der Moment, an den sich alle erinnern. Ich würde gern als Frau in Erinnerung bleiben, die es geschafft hat, den Frauenmarathon ins olympische Programm zu bringen. Der Boston-Marathon ist mir nur passiert. Danach habe ich daran gearbeitet, den Frauen neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Sie nutzten die Kraft der Bilder ?

Ich war Journalistik-Studentin; ich habe realisiert, wie sich eine Geschichte entwickelt. Und ich war verärgert, wie unfair die Journalisten waren.Waren sie das?

Einer schrieb: „Wenn ich nicht Golferinnen so hassen würde, würde ich Marathonläuferinnen noch mehr hassen.“ Ein anderer schrieb: „Ich vermute, sie könnte großartig aussehen – in einem schönen Kleid mit Lippenstift.“

Frauenmarathon ist seit 1984 olympisch. Haben die Frauen im Jahr 2011 die Diskriminierung im Sport überwunden?

Es ist immer noch ein langer Weg. Aber wir sind in sehr kurzer Zeit weit gekommen. Die Männer hatten Olympische Spiele seit fast 4?000 Jahren, die Frauen erst seit 50. In den USA gibt es heute mehr Läuferinnen als Läufer. Wir haben 1983 in Berlin den Frauenlauf gestartet, der hat inzwischen 17?000 Teilnehmerinnen. Die nächste Grenze, die wir durchbrechen müssen ist in den Dritte-Welt-Ländern und im Mittleren Osten. Dort ist es schwer für Frauen, Sport zu treiben.

Ihre Bestzeit von 2:51:37 Stunden haben Sie 1975 in Boston erreicht. Was denken Sie über die 2:15:25 Stunden, den Weltrekord von Paula Radcliffe aus dem Jahr 2003?

Als ich 1973 sagte, dass ich 2:35 Stunden für möglich halte, wurde es still. Sie dachten, ich bin verrückt. Keiner glaubte es, bis Grete Waitz kam. Als Paula 2:15 rannte, bin ich fast aus der Haut gefahren, so fantastisch war das.

Was erwarten Sie von dem Frauenrennen am Sonntag in Berlin?

Es wird interessant. Paula Radcliffe und Irina Mikitenko werden als Favoritinnen gehandelt. Sie sind beide älter. Keine will Zweite sein. Aber es gibt viele schnelle Kenianerinnen. Ich denke, die werden die Plätze eins bis drei belegen. Vielleicht sehen wir Paula und Irina wieder, vielleicht wird es ihr Karriere-Ende.

Sie laufen zum ersten Mal den Marathon in Berlin.

Ja, ganz langsam.

Was kann so ein Marathon einen Menschen lehren?

Alles. Das Laufen, und sei es täglich nur zehn Minuten, steigert das Selbstbewusstsein, die Leistungsfähigkeit – das überträgt sich auf andere Dinge. Wer einen Marathon schafft, schafft alles. Ich hatte in meinem Berufsleben nie Angst, denn ich dachte immer: Nichts kann schlimmer sein als Jock Sample, der mich attackierte, als ich noch 38 Kilometer vor mir hatte – im Schneeregen.

Das Gespräch führte K. Bühler.

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