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Libyen Mit der Kraft der Revolution

Libyens Fußballnationalmannschaft steht kurz vor einer Sensation: Trotz des Kriegs in der Heimat könnte sich das Team für den Afrika-Cup qualifizieren. Ein Teil der Spieler ist im Sommer zu den Rebellen übergelaufen.

06.10.2011 09:52
Nach dem Sieg über Mosambik feiern Libyens Spieler ausgelassen. Foto: AFP

Antoine Hey ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, in denen die Hoffnung in Libyen blüht. Noch in diesem Monat wird der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler nach Tripolis reisen, und Hey wurde als Technischer Direktor des libyschen Fußball-Verbandes gebeten, doch bitte ebenfalls dort zu sein. „Das werde ich natürlich machen“, sagt der 41-Jährige, der in den 1990er-Jahren für Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 in der Bundesliga spielte. All die anderen Anfragen nerven den Mann aber langsam. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Mails ich außersportlich bekomme, mit Wünschen der Kontaktherstellung, der Geschäftsanbahnung oder Sonstigem“, sagt er. Hey will seine Kraft aber dem Fußball widmen. Am kommenden Samstag spielt das libysche Nationalteam in Sambia, wo es sich mit einem Sieg für den Afrika-Cup qualifizieren könnte. Aufgrund des komplizierten Reglements könnte sogar ein Unentschieden reichen.

Fußballwunder

Es wäre eines dieser kleinen Fußballwunder, wenn die Libyer ausgerechnet jetzt zum erst dritten Mal am Kontinental-Turnier teilnehmen dürften. Schon dass die Mannschaft „trotz der schwierigen Situation während der letzten acht Monate“ überhaupt diese Chance auf die Qualifikation hat, sei „kaum zu glauben“, sagt Hey.

Schließlich waren viele der Nationalspieler tief verstrickt in den Krieg. Im Sommer lief ein Teil des Teams offiziell zu den Rebellen über, fast alle Spieler haben das Grauen konkret miterlebt. „Ein Land, das sechs Millionen Einwohner hat, beklagt mittlerweile 50.000 oder 60.000 Tote“, sagt Hey, „rechnen Sie das mal hoch auf Deutschland. Es ist gewaltig, wie viele Menschen hier gestorben sind, jeder hat Angehörige verloren in diesem Konflikt.“

Trotzdem besiegten die Fußballer Anfang September in einem aus Sicherheitsgründen nach Kairo verlegten Spiel Mosambik. Voller stolz repräsentierte das Team damals das frisch von Muammar al Gaddafi befreite Libyen, mit neuer Fahne und neuer Hymne. Ohne die beflügelnde Kraft der Revolution wäre dieses 1:0 nicht denkbar gewesen, glaubt Hey, „denn wir sind mit einem Team, das so noch nie zusammen gespielt hatte, angetreten“. Mosambik brachte hingegen viele Profis aus Europa mit und verlor trotzdem. Auf den Straßen von Tripolis feierten die Einwohner den Erfolg ausgelassen. Als die Sieger in ihre zerrüttete Heimat zurückkehrten, wurden sie empfangen wie Helden.

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Ein Erfolg in Sambia würde wohl ähnliche Reaktionen hervorrufen, dabei wurde die Nationalmannschaft viele Jahre lang als Team des Gaddafi-Clans gehalten. „Wie in fast allen Ländern dieser Region ist das Fußballstadion auch in Libyen ein Schlachtfeld“, sagt James Dorsey, ein Marokkaner, der sich als Forschungsbeauftragter der Universität S. Rajaratnam School of International Studies mit den Verflechtungen der Politik mit dem Fußball in Nordafrika und im Mittleren Osten befasst. Gaddafi habe versucht, mit dem Spiel „von den Missständen im Land abzulenken“, behauptet der Wissenschaftler, sogar die WM 2010 wollte der gestürzte Despot einst in seinen Wüstenstaat holen.

Nachdem dieser Plan gescheitert war, beschimpfte Gaddafi die Fifa als „korrupteste Organisation der Welt“, und holte den Afrika-Cup 2013 als Bonbon für die unterdrückten Menschen ins Land. In den Wirren des Krieges wurde das Turnier nach Südafrika verlegt, Libyen darf es 2017 ausrichten.

Gaddafis Angst vor der Macht des Fußballs

Doch nicht nur für die Herrscher war der Fußball politisch bedeutend, für das Volk war das Stadion „neben der Moschee der einzige Ort gewesen, wo man sich frei ausdrücken konnte, sagt Dorsey. Wohl auch deshalb erklärte Nationalmannschaftskapitän Tariq Ibrahim al-Tayib noch im März nach einem Spiel gegen die Komoren: „Das ganze Team ist für Gaddafi.“

Gaddafi diktierte die Botschaften, sein Regime hatte Angst vor der Macht des Fußballs. „Das ging sogar so weit, dass die Namen erfolgreicher Spieler nicht im Stadion genannt werden durften, weil die ja vielleicht populärer werden konnten als Saadi, der Sohn, oder Gaddafi selbst“, erzählt Dorsey.

Nach der Revolution hat sich die Funktion des Fußballs gewandelt, das Spiel soll helfen, ein Land zu einen, in dem der Osten, der Westen und verschiedene Stämme um die Macht ringen. Die Lösung sei, „das Land als Ganzes zu sehen“, sagt Hey „und das kann man am besten – dafür gibt es endlose Beweise in der Geschichte – durch den Fußball bewirken“

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