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Kurt Landauer Keine Legende

Kurt Landauer führte den FC Bayern München 1932 zur ersten Meisterschaft − morgen ist sein 125. Geburtstag. Von Ronny Blaschke

26.07.2009 23:07
Ronny Blaschke

Uri Siegel hat mit Onkel Kurt in der Schule nie geprahlt, aber stolz auf ihn war er schon. "Er war ein stattlicher Mann und sehr populär", sagt Siegel, Jahrgang 1922, und streicht mit der Hand über einen schweren Ordner mit vergilbten Fotos. Siegel ist in diesen Tagen ein gefragter Mann, das verwundert ihn, stimmt ihn sogar nachdenklich. Onkel Kurt ist seit bald fünfzig Jahren tot, erst jetzt wächst wieder das Interesse an ihm. "Jahrzehnte lang war er in Vergessenheit geraten. Dabei hat der Münchner Fußball ihm viel zu verdanken." Vielleicht würde es den FC Bayern, seine Titel, Rekorde, Helden, ohne den Juden Kurt Landauer heute gar nicht geben.

Fast zwanzig Jahre, mit Unterbrechungen, ist Landauer Präsident des FC Bayern gewesen. Er, der im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich gekämpft hatte, formte den Klub zu einer anerkannten Adresse mit internationalen Kontakten und führte ihn 1932 zur Deutschen Meisterschaft.

1938, einen Tag nach der Pogromnacht, brachten die Nazis Landauer ins KZ Dachau. "Auf einer Kutsche wurde er durch München gefahren", berichtet Uri Siegel, Anwalt in dritter Generation. "Und die Massen jubelten." Auch Siegel hatte nicht erahnen können, das der Jubel so unfassbar schnell verhallen würde.

Am 10. November 1938, einen Tag nach der Pogromnacht, wurde Landauer ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, vier Wochen war er in Baracke Nummer acht inhaftiert. An jenem Ort, wo am morgigen Dienstagabend sein 125. Geburtstag begangen wird. Uri Siegel wird vor den Gästen sprechen, auch Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge will kommen. Dachau dokumentiert die traurigste Zeit im Leben von Kurt Landauer - zugleich aber auch seine größte Errungenschaft.

Landauer entkam dem Lager, ihm gelang die Flucht in die Schweiz, doch vier seiner Geschwister wurden von den Nazis ermordet. Trotz dieser Tragödien kehrte er 1947 zurück nach München. Er bewarb sich bei der amerikanischen Besatzungsverwaltung um die Lizenz, den FC Bayern wieder aufbauen zu dürfen. "Darum hatten sich viele bemüht", sagt Siegel. "Aber sie wurden rausgeworfen, Kurt Landauer war glaubwürdiger." Landauer ebnete den Weg für erfolgreiche Jahrzehnte. Das Fundament für den unangefochtenen Rekordmeister von heute. Als Legende wird Landauer beim FC Bayern nicht betrachtet. Wer auf der Internetseite des Vereins in der Suchfunktion den Namen des Managers Uli Hoeneß eingibt, erhält 1646 Einträge, Klubchef Rummenigge fördert 1286 Vermerke zu Tage. Bei Landauer sind es weniger: Null. "Die Bayern glauben, dass ihre Geschichte mit Franz Beckenbauer und den Erfolgen in den Siebzigern beginnt", sagt Uri Siegel. "Sie verschweigen ein Kapitel, von dem sie nur profitieren könnten." Ist es Ignoranz, Unwissenheit oder Kalkül? Der jüdische Nachlass ist jedenfalls nur für jene sichtbar, die genau hinschauen.

Ein Beispiel ist der Kurt-Landauer-Weg, am Münchner Stadtrand gelegen, im Nirgendwo zwischen Autobahn, Arena, Kläranlage. "Dieser Weg ist eine Sackgasse, für viele Juden ist diese Würdigung eine Entwürdigung", sagt Eberhard Schulz von der Versöhnungskirche Dachau. Nicht der reiche FC Bayern oder die Stadtoberhäupter waren es, die das Erbe Landauers würdigen, sondern Persönlichkeiten wie Schulz oder Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden. "Wir wollen Landauer wieder in die Mitte der Münchner Gesellschaft holen", erzählt Schulz. "Das hat er verdient."

Ideen hat er viele. Gemeinsam mit Maurice Schreibmann, dem Manager des jüdischen Vereins Makkabi München, sitzt er in einem Café in der Innenstadt und erläutert seine Pläne. Im Oktober wird es eine zweite Veranstaltung zum Andenken Landauers geben, dazu sind eine Ausstellung geplant, ein Konzert gegen Rassismus, Turniere für Kinder und Familienfeste. Eine Jugendorganisation möchte einen Film über Landauer drehen. Makkabi, ein Klub mit über 1000 Mitgliedern aus 15 Nationen, in dem Juden, Muslime, Christen zusammen spielen, wird sein Vereinsgelände nach ihm benennen.

"Landauer bietet Lernanstöße", sagt Schreibmann, Fußball könne in der Schule eine pädagogische Brücke in die Geschichte schlagen. Der FC Bayern hatte während des Nationalsozialismus lange seine jüdischen Mitglieder geschützt, die seit Anfang eine wichtige Rolle gespielt hatten, Rivale 1860 München schmiss sich den Machthabern früh an den Hals. 1940 bestritt der FC Bayern ein Spiel in Genf, im Exil Landauers. Die Spieler erspähten ihren früheren Präsidenten auf der Tribüne, während der Halbzeit begrüßten sie ihn herzlich. Sie wussten, was sie ihm zu verdanken hatten. Zu einer Tradition ist das nicht geworden.

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