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Kolumne zu Thomas Hitzlsperger Einfach mal den Platz verlassen

Statt nur Hitzlsperger zu loben, sollten aktive Fußballer sich gegen die Schwulenfeindlichkeit in Stadien engagieren.

14.01.2014 13:01
Sein Geständnis sorgte weltweit für Furore: Deutschlands ehemailger Nationalspieler Thomas Hitzlsperger Foto: dpa

Statt nur Hitzlsperger zu loben, sollten aktive Fußballer sich gegen die Schwulenfeindlichkeit in Stadien engagieren.

Eigentlich ist es ja kein Geheimnis: Sportler gelten im allgemeinen nicht als die Hellsten. Behauptet doch der Volksmund „Dumm kickt gut“, oder wie war das noch mal? Egal. Verbürgt allerdings ist die Aussage des römischen Dichters Juvenal. Der sagte nämlich „Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei“. Verbürgt ist aber ebenso, dass Juvenal seit ewigen Zeiten missverstanden wird. Prominentester Falschdeuter war mal wieder unser Wicht aus Braunau, welcher trompetete:

„In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“ und damit seine Untertanen zur körperlichen Ertüchtigung trieb. Der römische Dichter aber wollte nur jene Christenmenschen vergackeiern, die wegen jedem Furz und jedem Feuerstein das Beten begannen.

Doch sind nun Sportler nicht die Hellsten? Ich persönlich kann dazu nur berichten, dass ich in meiner Jugend zwar recht passabel kickte, im Alter von 16 Jahren aber eine Entscheidung treffen musste. Sollte ich mich weiterhin ausschließlich mit Jungs umgeben, die sich nur mit ihrem Spannstoß, ihrer Vorhaut und Bier beschäftigten – oder jenen folgen, die den Verein verließen und Hermann Hesse lasen? Ich wählte Hesse.

Zugegeben, man sollte nicht alle Sportler dieser Welt mit einem Haufen Halbwüchsiger aus der Hinterpfalz vergleichen. Doch liegt die Vermutung nahe, dass sich jemand, der tagaus, tagein von morgens bis abends trainiert, alleine schon aus Zeitgründen wenig mit dem beschäftigt, was sich außerhalb seines Übungshorizonts befindet.

Sollte er aber. In einer Zeit, in der nahezu jeder mit irgendwelches Tablets, Phones oder Pads herumrennt und so in der Lage ist, sich ständig über das Neueste im hinterletzten Winkel der Erde zu informieren, wäre es gerade für Fußballstars nichts mehr als eine Pflicht, ihrer vielgerühmten Vorbildfunktion auch gerecht zu werden und ihre Anhängerschaft am Händchen zu nehmen.

Doch was passiert? Nichts. Da bekennt sich ein Hitzlsperger zu seiner Homosexualität, und alle nicken und beglückwünschen ihn zu seinem Mut. Gleichzeitig beschimpfen in den Fußballstadien jeden Samstag Zigtausende Schreihälse den Schiedsrichter als „schwule Sau“ – und keiner reagiert

Man könnte doch einfach mal den Platz verlassen. Da versteigt sich Ober-Fußballfunktionär Blatter zu der Aussage, schwule Fans sollten während der WM in Katar aus Respekt vor dem Gastgeberland am besten jegliche sexuelle Aktivität unterlassen, denn gleichgeschlechtliche Liebe wird dort mit Strafen von 90 Peitschenhieben bis fünf Jahren Gefängnis geahndet.

Nicht viel anders ist es in Russland. Dort wurde unlängst ein Gesetz verabschiedet, wonach sich jeder strafbar macht, der in Anwesenheit von Kindern sagt, Homosexualität sei normal. Am 7. Februar beginnen dort die Olympischen Winterspiele. Zwar regt sich etwas Widerstand, zwar sagte Skifahrer Felix Neureuther, er könne „die Debatte um die Menschenrechte nicht einfach ausblenden“, seine Konsequenz jedoch lautet: „Ich werde mich auf meinen Sport konzentrieren.“

Einen Mut zur Konsequenz, wie ihn Hitzlsperger aufbrachte, den lassen alle vermissen. Sportler und vor allem auch Politiker und Funktionäre. Mit Hell-Sein hat das übrigens gar nichts zu tun. Hesse hin, Hesse her.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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