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Jonathan Koch Späte Erholung vom China-Syndrom

Ruderer Jonathan Koch fand nach Olympia-Teilnahme und familiärem Schicksalsschlag nur mühsam zurück zum Selbstverständnis als Spitzensportler. Von Katja Sturm

08.07.2010 10:07
Will wieder jubeln können: Jonathan Koch. Foto: getty

Der Angriff auf die Spitzenposition bleibt aus. Wenn sich am Wochenende die internationale Ruderelite zum Finale der aktuellen Weltcup-Serie in Luzern trifft, wird das schwere Einer-Rennen ohne Marcel Hacker über den Rotsee gehen. Der deutsche Meister, beim Saisonauftakt im slowenischen Bled Dritter und auf der nächsten Station in München bereits auf Rang zwei eingekommen, muss wegen einer vor Wochenfrist diagnostizierten, vermutlich stressbedingten Rippenfraktur mindestens 14 Tage lang pausieren.

So verpasste der Skuller der Frankfurter RG Germania auch schon am vergangenen Wochenende die Henley-Regatta. Der Deutschlandachter wiederum hatte sich dort als aktueller Weltmeister sowohl gegen Olympiasieger Kanada als auch gegen Neuseeland durchgesetzt und gilt damit in Bestbesetzung auch auf dem Rotsee als Favorit.

"Sein Optimum rausholen" bei der Generalprobe für die Weltmeisterschaft in Neuseeland will auch Jonathan Koch. Der WM-Fünfte von 2007 startet im leichten Einer, war beim Weltcup in München Vierter und visiert nun einen Podestplatz an. "Mir wurde ans Herz gelegt, eine Medaille zu holen", formuliert es der 24-Jährige, der gut weiß, dass man als Anwärter auf einen internationalen Start jederzeit unter Beobachtung und in der Kritik steht.

Seinem Olympiastart im Doppelzweier in Peking war ein langer Kampf erst gegen die Konkurrenz, dann gegen eine Nichtnominierung des Bootes vorangegangen. Ein Kampf, der den gebürtigen Gießener nach der Rückkehr aus China in ein Loch fallen ließ. Körperlich und mental erschöpft "hatte ich keine Lust mehr, mich zu quälen", sagt er.

Entsprechend enttäuschend verlief die deutsche Kleinbootmeisterschaft 2009. Nach dem vierten Platz dort entschloss Koch sich, die Saison sausen zu lassen und stattdessen seinen ihn immer wieder mit Blockaden bremsenden Rücken mit gezieltem Fitnesstraining "zu sanieren". Nun sei er seit Langem schmerzfrei, erzählt Koch, der im Olympiajahr oft nur mit Hilfe einer Wärmepackung zur morgendlichen Trainingseinheit fähig war.

Er mag nur tun, worin er gut ist

Auch sonst hat sich in den vergangenen Monaten viel verändert in seinem Leben. Zog der Individualist vor Peking meist allein im Training seine Bahnen, hat er sich nun zwecks besserer Motivation einer Gruppe des Mainzer RV angeschlossen und seinen Wohnsitz in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt verlegt.

Der plötzliche Tod seiner Mutter hatte ihn innehalten und seine Situation grundsätzlich überdenken lassen. Koch brach das Studium der Materialwissenschaften ab und will im Herbst ein Sportstudium beginnen. "Ich kann nur etwas machen, wenn ich darin gut bin", hat er festgestellt; alles andere sei Quälerei. Und das in Darmstadt betriebene naturwissenschaftliche Studium hatte er einst in erster Linie wegen der guten Berufsaussichten, aber nicht seinen Talenten entsprechend gewählt.

Ein Gespräch mit einem Psychologen habe ihm die Augen geöffnet, sagt Koch. Auch im Rudersport besann er sich wieder auf das, was die besten Aussichten verspricht. War er in die Saison 2010 noch mit einem Freund im Zweier gestartet, stellten die beiden schnell fest, dass sie "bessere Alternativen" haben.

Trotz eines schwachen Saisoneinstiegs mit "dem schlechtesten Ergometertest seit meiner Junioren-B-Zeit" kämpfte er sich mit wachsenden Trainingsumfängen von Rennen zu Rennen näher an die beiden führenden Leichtgewichte heran und sicherte sich beim Weltcup in München das WM-Ticket. Im leichten Einer sitzt er zwar in einer nichtolympischen Klasse, gilt jedoch als Ersatzmann für den olympischen Doppelzweier.

Doch so ganz will Koch seiner Qualifikation noch nicht trauen. Die Titelkämpfe finden schließlich erst im Herbst statt. "Ich warte nur darauf, dass bis dahin noch etwas passiert."

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