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Jenny Mensing Cool im Becken

Die Rückenschwimmerin Jenny Mensing hofft neben Einzelstarts noch auf einen Platz in Lagenstaffel.

Den deutschen Rekord im Blick: Jenny Mensing. Foto: getty

Jenny Mensing ist ein bisschen zu spät dran, als sie schwer bepackt mit mehreren Taschen und doch leichten Schritts die Treppen zu ihrer Wiesbadener Wohnung hochkommt. Die Arbeit hat länger gedauert, und sie hat geschlaucht nach dem Morgentraining. Jetzt sehnt sich die Schwimmerin danach, die Beine auf ihrer Couch hochzulegen.

Die Arbeit – das war an diesem Tag eine Verkehrskontrolle, die für die angehende Polizeikommissarin im Rahmen ihres Praktikumsjahres im Weinort Eltville anstand. Besser als Anzeigen tippen, findet die 24-Jährige. Und ein wichtiger Einsatz, um das Arbeitszeitkonto zu füllen, das zuletzt doch merklich gelitten hatte. Die gebürtige Berlinerin war viel unterwegs, hatte an Lehrgängen und Trainingslagern alles mitgenommen, was ihr die Verbände und ihr aktueller Verein SC Wiesbaden ermöglichten. Und jetzt, da sie sich erstmals in ihrer Karriere für eine internationale Meisterschaft auf der Langbahn qualifiziert hat, kommen natürlich weitere Fehlzeiten dazu.

Heute, Montag, wird Jenny Mensing bei den kontinentalen Titelkämpfen in Budapest zu ihrem ersten Start ins Becken springen. 200 Meter Rücken, ihre Spezialdisziplin, auf der sie mit ihrer Zeit von der deutschen Meisterschaft in Berlin (2:09,52 Minuten) auf Rang vier in Europa liegt und nur eine halbe Sekunde hinter dem 18 Jahre alten nationalen Rekord von Dagmar Hase (2:09,46). Natürlich ganz ohne Hightechanzug, dafür aber mit einer veränderten Figur. Denn in den vergangenen Monaten hat die Wahl-Wiesbadenerin viel gearbeitet. Um nach dem Verpassen der Weltmeisterschaftsqualifikation im Vorjahr quälende Schulterprobleme in den Griff zu bekommen, hatte sie mit einem Reha-Programm begonnen, das den gesamten Körper stabilisieren sollte, und auch ihre Ernährung umgestellt. Der dadurch erreichte Kraftzuwachs machte die Rückenspezialistin auch im Becken schneller. Bei den Starts, die sowieso noch ausbaufähig gewesen seien, aber auch auf der Strecke. Prompt gewann sie bei der Kurzbahn-EM im Dezember in Istanbul eine Silbermedaille.

„Man muss sich wohlfühlen“

„Es läuft jetzt einfach“, sagt Jenny Mensing. Lange genug hatte sie ja darauf warten müssen. Bereits 2004 war sie, noch in Berlin lebend und trainierend, an einem möglichen Olympiastart vorbeigeschwommen. Auf der Suche nach neuen Reizen und um den Spaß an ihrem Sport wiederzuerlangen, kam die damals bei Erfolgscoach Norbert Warnatzsch übende Athletin über ihren früheren Trainer Peter Rund nach Wiesbaden zu dessen Schwiegersohn Oliver Großmann. Doch auch die nächsten Großereignisse, darunter die Olympischen Spiele 2008, verpasste sie.

In diesem Jahr jedoch unterbot Mensing die erforderliche Norm sogar schon im Vorfeld der nationalen EM-Qualifikation und überraschte dann in ihrer Heimatstadt nach dem erwarteten Sieg über 200 Meter mit einer zweiten Goldmedaille über 100 Meter Rücken – vor der favorisierten Titelverteidigerin Daniela Samulski. „Ich hatte sie während des Rennens gar nicht gesehen“, erzählt Jenny Mensing, „und dachte, sie sei vor mir.“ Zweimal hatte sie dann auf die Anzeige schauen müssen, bis sie sich ihres Sieges und damit auch ihres zweiten Starts in Ungarn sicher war. Zudem eröffnet sich ihr nun die Chance auf den begehrten Platz in der deutschen Lagenstaffel am Sonntag und der damit sehr wahrscheinlichen Medaille.

Dazu müsste sie allerdings auf der Einzelstrecke erneut besser als die Essenerin Samulski schwimmen. Die beiden kennen sich schon aus ihrer Jugend, als sie gemeinsam bei Peter Rund in Berlin trainierten. Eine besondere Beziehung verbindet sie deshalb nicht: „Wir waren damals Mädchen, da gibt es immer Zickereien“ sagt Jenny Mensing.

Die Anspannung wird also groß sein, wenn die 1,83 Meter große Sportlerin ins Budapester Becken springt. Zumal das Schwimmen unter freiem Himmel gerade für die Rückenfraktion schwerer ist – schließlich fehlt eine Decke, an der man sich auf der Suche nach der geraden Linie orientieren kann. Doch Jenny Mensing vertraut darauf, dass sie ja ein Wettkampftyp sei, eine, die sich auch direkt vor den Starts nicht aus der Ruhe bringen lässt. „Man muss sich wohlfühlen“, sagt sie. Und das tut sie auch dann, wenn alle anderen schon auf dem Startblock stehen, während sie sich noch die Badekappe zurechtrückt. „Meine Mutter ist da früher fast von der Tribüne gefallen“, erinnert sie sich. Doch ob beim Start oder beim Anschlag: Ein bisschen zu spät dran sein will sie in Budapest auf keinen Fall.

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