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Jan Ullrich Gefangen in seiner Scheinwelt

Zeitgleich mit der Prozessniederlage gegen Werner Franke macht Jan Ullrich ein Burnout-Syndrom öffentlich.

14.08.2010 12:31
Wolfgang Hettfleisch
Zurückgezogen: Der gefallene Radstar Jan Ullrich leidet an einem Burnout-Syndrom. Foto: dpa

Geht es um das Wohl von Kindern, engagiert sich Jan Ullrich gern. Also willigte der berühmteste deutsche Radrennfahrer der jüngeren Vergangenheit ein, als er gebeten wurde, sich für die Tour Ginkgo 2010 in den Sattel zu schwingen. Vor ein paar Wochen strampelten prominente und weniger prominente Menschen drei Tage lang durch die schwäbische Provinz an der Ostalb, um Geld für ein Nachsorge-Projekt für kranke Kinder und deren Angehörige aufzutreiben. Der Familienvater aus Scherzingen war entgegen der Ankündigung nicht dabei. Ullrich hatte seinen Auftritt in Schwäbisch Gmünd kurzfristig abgesagt. Ein Virus soll ihn abgehalten haben.

Es ist nicht mehr als eine Mutmaßung, dass sich der 36-Jährige, der seine öffentlichen Auftritte in den vergangenen Jahren bereits auf ein Minimum reduziert hatte, damals einer Schutzbehauptung bediente. Am Donnerstag wandte sich der Tour-de-France-Sieger von 1997 jedenfalls über die eigene Homepage mit einer „persönlichen Mitteilung“ an seine Fans, die es in sich hat: „Vor einigen Tagen wurde bei mir ein Burnout-Syndrom diagnostiziert, das eine wohl längere Behandlung erfordert.

Um eine baldige Genesung zu ermöglichen, werde ich mich deswegen in den nächsten Monaten vollständig aus der Öffentlichkeit zurückziehen.“ Ullrichs Problem ist, dass sich die Öffentlichkeit nicht von ihm zurückziehen mag und just an dem Tag, an dem er bekanntgab, wegen seiner emotionalen Erschöpfung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aus Hamburg frisches Futter erhielt: Das dortige Landgericht wies Ullrichs Unterlassungsklage gegen Werner Franke ab.

Der Molekularbiologe aus Heidelberg hatte 2006 in einem Fernsehinterview gesagt, Ullrich habe dem Madrider Frauenarzt Eufemiano Fuentes in einem Jahr 35000 Euro zur Anschaffung von Dopingmitteln bezahlt. Ullrich klagte auf Unterlassung und war damit in erster Instanz erfolgreich. Daraufhin ging der profilierte Doping-Aufklärer Franke in Revision und wird vom nun vorliegenden Urteil in seiner Position voll bestätigt. Das Gericht unter Vorsitz von Andreas Buske wies Ullrichs Unterlassungsklage nicht aus irgendwelchen formalen Gründen ab. Es gelangte vielmehr zu der Überzeugung, „dass die beanstandete Äußerung hinsichtlich ihres tatsächlichen Gehalts als wahr anzusehen“ sei.

Ullrich hat nach Zustellung des Urteils einen Monat Zeit, um Berufung einzulegen. Dass dies dem psychisch angeknacksten Wahl-Schweizer mehr eintrüge als weitere Anwaltskosten, darf bezweifelt werden. Der oft verklagte Werner Franke ist bekannt dafür, seine Rechtshändel meist zu gewinnen. Und er stützte sich in diesem nun schon vier Jahre währenden Verfahren auf Unterlagen, die auch strengen juristischen Kriterien standhalten. „Man muss an dieser Stelle mal den Beamten des Bundeskriminalamtes danken“, sagt Franke. „Die haben die Fakten zusammengetragen und die verschlungenen Wege des Geldes nachgezeichnet.“ Dafür wurden codierte Überweisungen ebenso ausfindig gemacht wie ein vermeintlich sicherer Ankerplätze für schmutziges Geld in einer Offshore-Bank in der Karibik. Das zeigt auch: Die Organisation von Doping ist auf diesem Niveau eine hochkomplexe und hochprofessionelle Angelegenheit.

Franke sieht in Ullrich weniger einen Täter als vielmehr ein willfähriges Opfer: „Ich habe immer gesagt: Meine Äußerungen richten sich nicht primär gegen Jan Ullrich, sondern gegen die, die ich für verantwortlich halte. Das sind die Mediziner und Manager, die Doping organisieren. Jan Ullrich geht ja nicht in die Bibliothek, um mal nachzulesen, mit welchen dem Epo verwandten Mitteln sich noch was tun lässt.“ Ihm gehe es „nicht so sehr ums sportliche Doping, das ist eine Randerscheinung. Mir geht es um den Missbrauch der Wissenschaft.“

Franke mag für seine Widersacher ein harter Knochen sein, doch auch beim 70-jährigen Zellforscher regt sich Mitleid mit dem einstigen Liebling der Nation. „Es kann sein, dass er jetzt erst merkt, wie die Dinge zusammenbrechen“, sagt Franke, „aber er hat ja Anklage gegen mich erhoben und nicht umgekehrt.“ Der Dopingjäger ahnt, dass Ullrich dabei wohl befolgte, was andere vorgaben: „Das können ihm eigentlich nur Anwälte geraten haben.“

Spätestens beim Blick ins Ausland fällt auf, dass der gebürtige Rostocker einen höheren Preis bezahlt als viele andere, die es mit der Sauberkeit im Radsport nicht so genau nahmen und nehmen. Ob das die emotionalen Probleme begünstigte, könnte nur er selbst beantworten. Aber das wird er vorläufig nicht tun. „Aus verständlichen Gründen möchte ich mich nicht weiter dazu äußern“, teilt Ullrich mit und wirbt um Rücksicht auf die Privatsphäre.

Die Zeit nach der Karriere kann für Hochleistungssportler problematisch sein. „Sie müssen in den letzten Jahren ihrer aktiven Zeit eine Brücke ins Leben danach finden“, sagt der im Radsport tätige Fürther Sportpsychologe Klaus Egert. Doch das Karriereende komme oft abrupt. Deshalb müssten Ex-Spitzensportler „aufgefangen werden, aber auch in die Lage versetzt, sich selbst aufzufangen“. Es ist keine gewagte Behauptung, dass Jan Ullrich dies misslang.

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