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IOC-Präsidentenwahl Eine Karriere mit Netz und doppeltem Boden

Der sportpolitische Florettfechter Thomas Bach hat viel gestrickt und gewebt, um auf den olympischen Thron zu gelangen. Seine Kritiker werfen ihm vor, keine Visione und keinen Willen zu Reformen zu haben.

09.09.2013 08:47
Sei riesiges Netzwerk soll Thomas Bach bei der Wahl zum IOC-Präsidenten helfen. Foto: dpa

Auf ein Bier mit Thomas Bach. Aus der wunderbar angelegten Terrasse und Teilen des angrenzenden Restaurants im Hotel Kempinski ist während der Olympischen Sommerspiele in Peking die Enklave des deutschen Sports geworden – das Deutsche Haus. Begegnungsstätte für Sportler, Funktionäre, Medienschaffende und mehr oder weniger mächtige Wirtschaftsbosse. Ein Ort fürs Netzwerken.

Bach könnte sich das Patent auf diese Art Lokalität sichern lassen. Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees hat in seiner Mitte der 70er Jahre abseits der Planche gestarteten Karriere viel gestrickt und gewebt. Aus den vielfältigen Strängen ist eine dicke, starke Strickleiter geworden, auf der der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim am Dienstag direkt in den Olymp steigen könnte. Bach wähnt sich am Ziel. Er will der erste deutsche Präsident des IOC werden. Er ist der Favorit, auch wenn man bei Gott und den mutmaßlich knapp 100 stimmberechtigten IOC-Mitgliedern nie weiß – ihre Wege sind oft äußerst unberechenbar.

Der oberste deutsche Sportführer ist an diesem schwül-heißen Sommerabend gut gelaunt. Das zu Beginn der Spiele holprig gestartete schwarz-rot-goldene Team hat in die Medaillenspur gefunden. Britta Heidemann gewinnt Gold im Degenfechten.. Das erfreut den Mannschaftsolympiasieger von 1976 im Florettfechten besonders. Bach gesellt sich in die Runde der Journalisten. Manche der Schreiber haben die Vergabe der Spiele an das von kommunistischen Diktatoren geführte Riesenreich scharf kritisiert. Auch der FR-Autor hat geschrieben, dass sich die Herren der olympischen Bewegung mit Menschenrechtsverletzern, Anti-Demokraten und Demonstrationsniederknüpplern ins Bett legen.

Häme für den Fackelläufer

Bach hat besonders viel Häme dafür abbekommen, dass er seine feurige Begeisterung als einer der letzten Fackelläufer kaum in Zaum halten konnte. Zwischen dem Nippen an den Biergläsern wird über all das diskutiert. Bach gibt sich leutselig, ist anscheinend kein bisschen beleidigt über das garstige Presseecho, das zuvor auf ihn niedergeprasselt war. Standhaft verteidigt er das IOC. Mit den Olympischen Spielen habe sich China ein Stück weit öffnen müssen, es gebe die Chance, Gedanken auszutauschen, und den Journalisten verbiete niemand, kritisch zu berichten.

Mit fünf Jahren hat Thomas Bach in seiner Heimatstadt unter dem legendären Emil Beck mit dem Fechten begonnen. Er soll geweint haben, weil er lieber zum Fußball wollte. Aber das Fechten war wie geschaffen für jemanden wie ihn, der schon sehr früh für sich den Entschluss fasste, sich auf seinen ganz eigenen Marsch durch die Institutionen zu machen. Bach ging zweigleisig vor. Als erfolgreicher Sportler und später als promovierter Rechtsanwalt (magna cum laude) hatte er sich selbst dafür die besten Voraussetzungen geschaffen.

Den sportlichen Gipfel hat Bach 1976 in Montreal mit dem Gewinn der Team-Goldmedaille erreicht. Eine Wiederholung des Triumphes vier Jahre später in Moskau verhinderte der Boykott die Spiele. Bach machte die Grundlagen des Florettfechtens zum Spiegelbild für sein Auftreten auf sportpolitischem Parkett. Angreifen, Fintieren, Parade und Riposte, Ausweichen und zum Gegenangriff übergehen, Ausfall oder Sperrstoß, dabei aber immer geschmeidig bleiben, sich nicht durch allzu klare Positionierung festlegen lassen. Hilfreich ist noch eins: Fechter tragen Masken, der Sportfunktionär lässt sich auch nicht gerne in die Karten gucken.

Thomas Bach hat früh begonnen, sich den Teppich zu weben, der ihn in einflussreiche Ämter trug und am Dienstag schließlich ins mächtigste Amt des Weltsports tragen soll. Das Strickwerk des 59-Jährigen besteht aus vielen bunten, gelegentlich auch dunklen Flicken. Seine doppelbödige Karriere begann Bach als Aktivensprecher im Deutschen Fechterbund, er war Mitbegründer und Sprecher der Athletenkommission im IOC, seit 1982 persönliches Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee und 1991 beerbte er Willi Daume als Mitglied im IOC.

Parallel dazu organisierte sich Bach seine Seilschaften in der Wirtschaft. Unter Horst Dassler, dessen Unternehmen damals wie heute die Welt des Sports in drei Streifen einwickelt, war der junge Wirtschaftsanwalt in den 80ern für die Internationalen Beziehungen des Konzerns aus Herzogenaurach zuständig. Eine bessere Verquickung des angeblich so zweckfreien Sports mit den kommerziell schier unerschöpflichen Möglichkeiten eines per se auf Globalisierung angelegten Sportbetriebs ist nicht denkbar.

1983 hatte Bach sich als Anwalt mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht in Tauberbischofsheim niedergelassen. Seit 1990 ist er Teilhaber an einer Sozietät mit Sitz in Frankfurt und Mitinhaber einer Steuerberatungsgesellschaft in Dresden. Das FDP-Mitglied, eine andere politische Orientierung ist wegen der Liberalität und Offenheit gegenüber allem und jedem einfach undenkbar, zog als Koordinator für den mittelständischen Beraterkreis im Bundeswirtschaftsministerium schon früh einflussreiche Fäden bis (damals) nach Bonn.

Der Netzwerker war Aufsichtsratsvorsitzender der fränkischen Maschinenfabrik Michael Weinig AG, die später mehrheitlich in kuwaitischen Besitz überging. Eine Spur, die für den IOC-Präsidentschaftskandidaten nicht in Gold aufzuwiegen ist, denn der Bund mit den auf reichlich Öl- und Gasreserven sitzenden Scheichs ist einer fürs Leben geworden. Achmed Al-Sabah gilt als Spezi von Bach und als derjenige, der im IOC die Gefolgschaft für den Deutschen organisierte. Ganz nebenbei verwaltet der Mann aus Arabien noch den einige hundert Millionen Euro schweren Sozialfonds des IOC, mit dem sich manche Wohltat finanzieren lässt. Blöderweise war es der Freund aus Tausendundeiner Nacht, der den auf bloß nicht Anecken bedachten Juristen kurz vor der Krönung noch in die Bredouille brachte. IOC-Mitglied Al-Sabah hatte unverhohlen seine Unterstützung für Bach kundgetan. Was nach den in diesem Falle wirklich allzu strengen Moralregeln des IOC verboten ist. Die Ethik-Kommission ermittelte. Ergebnis: null.

Von ganz anderem moralischem Kaliber ist dagegen Bachs Rolle als Präsident der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer Ghorfa. Der freie Austausch von Gütern bis hin zu rüstungsnahen Produkten ist das Ziel. Über die Brücke nach Arabien, so die Eigenwerbung, dürfen aber nur Produkte gehen, die auf keinen Fall irgendeinen Berührungspunkt mit Israel haben. Über die Diskriminierung und die Schwelle zum Antisemitismus ausgerechnet durch einen deutschen Funktionär regt sich besonders die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Viola von Cramon, auf. Sie hat die Bundesregierung zum Einschreiten aufgefordert. Da hat sie aber Pech gehabt. Denn gern gesehener Gast und Redner bei der Ghorfa ist Bachs Parteifreund, Außenminister Guido Westerwelle.

Beraten hat der umtriebige Präsidentschaftsanwärter auch die deutschen Großkonzerne Holzmann und Siemens. Von Siemens soll Bach eine Jahresgage von 400 000 Euro und Tagesgagen von bis zu 5000 Euro erhalten haben, zu einer Zeit, als der Konzern mit viel Schwarzgeld jonglierte. Die Unternehmensabteilung Compliance, zuständig für Sauberkeit, stellte ihrem Berater einen Persilschein aus. Das Wort Sportökonomie hat bei der Karriereplanung von Thomas Bach eine ganz neue Bedeutung erhalten.

Im Rennen um die Besteigung des Olymps ist dem Multi-Funktionstüchtigen auch seine vielgepriesene Leutseligkeit abhanden gekommen. Kritische Nachfragen zur Dopingforschung und -praxis in Deutschland beantworten weder Bach noch sein Pressebüro im Frankfurter Stadtwald. Die Post, die unter anderem die in Würzburg erscheinende „Main-Post“ und eine Autorin der FR erhielten, kommt von dem bekannten Medienanwalt Christian Schertz. Der Juristenkollege droht unverhohlen mit Klagen wegen Verleumdung und übler Nachrede – nur weil ein paar vermutlich unliebsame Fragen gestellt wurden. Bach begründet sein Vorgehen damit, dass „man sich nicht alles gefallen lassen muss“.

„Einheit in Vielfalt“

Die Chancen des Kandidaten schmälern solche innerdeutschen Scharmützel nicht. Pressefreiheit spielt im IOC, siehe Vergabe der Spiele nach Peking und Sotschi, keine so bedeutende Rolle. Die Olympier schätzen viel mehr Bachs durchaus kompetente Arbeit als Vorsitzender der Disziplinarkommission oder als erster Mann in der Evaluierungskommission. Der Kandidat hat sich immer für eine Stärkung der Athleten ausgesprochen, gleichzeitig aber an der milliardenschweren Kommerzialisierung der olympischen Bewegung fleißig mitgewirkt.

„Einheit in Vielfalt“ hat Bach sein Programm überschrieben. Da ist ganz sicher für jeden etwas dabei. Details zu seinem Programm oder gar einer Vision seiner zunächst auf acht Jahre angelegten Amtszeit, eine Wiederwahl für weitere vier Jahre ist möglich, kennen nur die IOC-Mitglieder. Hinter verschlossenen Türen durften die sechs Kandidaten sich und ihre Vorstellungen von der Zukunft Olympias vorstellen. Mit welchen Gefühlen er in die Wahl gehe, wurde Bach gefragt: „Ich gehe ins Finale mit dem Wunsch zu gewinnen und dem Bewusstsein, verlieren zu können.

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