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Interview mit Werner Schuster "Sie haben zu viel gewollt"

Der Bundestrainer der deutschen Skispringer Werner Schuster erklärt im Gespräch mit der FR, warum Rückenwind und Regen den deutschen Springern nicht bekommen und was die Österreicher der Welt voraus haben.

30.12.2009 20:12
"Draufhauen bringt gar nichts in so einer Situation." Foto: dpa

Herr Schuster, je nach Lesart hat Ihre Mannschaft beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf am Dienstag das schlechteste Einzelergebnis seit 1985 erreicht oder das misslungenste Team-Resultat seit 1992. Woran hat es gelegen?

Wir hatten nur zwei Mann im zweiten Durchgang, das ist zu wenig, das ist zu dürftig. Einige unserer älteren Springer wie Martin Schmitt, Michael Uhrmann und Michael Neumayer haben gemerkt, dass es noch nicht so passt für sie, deshalb haben sie ganz offensichtlich viel zu viel gewollt. Und so etwas geht in die Hose, das ist fatal. Die Angst vor dem Versagen war zu groß. Es kam aber auch einiges zusammen: Die Bedingungen waren schlecht, bei Rückenwind und Regen sind wir nicht auf Augenhöhe.

Österreichischen Springern sind die Bedingungen egal. Sie springen auch bei Rückenwind überlegen, in Oberstdorf hatten sie sechs Springer unter den Top-Ten. Warum liegt dieses Wetter Ihren Springern nicht?

Die Österreicher sind allen anderen Nationen meilenweit voraus. Die technische Ausbildung ist perfekt, in allen Springerzentren wird mit derselben Philosophie gearbeitet, und die athletische Ausbildung ist besser als bei allen anderen Teams. Das ist für mich auch ein Knackpunkt, da müssen wir auch hinkommen: Absprungstärke, Absprungsicherheit. Zudem sind die Österreicher führend in Materialfragen. Wenn man so ein Paket beisammen hat, springt es sich bei allen Bedingungen gleich gut. Wir haben so ein Paket zurzeit nicht.

Aus Ihrem Kader kann zurzeit allenfalls der 18-jährige Springer Pascal Bodmer, Zwölfter in Oberstdorf, mithalten - auch, weil er Teil einer neu ausgebildeten Generation ist?

Würde ich so sehen. Bei solchen Bedingungen wie in Oberstdorf sind Uhrmann und Neumayer im Nachteil. Sie gehören einer auslaufenden Generation an. Ihnen kann ich nicht mehr das Skispringen in diesen Bereichen neu vermitteln. Ich kann einem 30-jährigen Tennisprofi auch nicht mehr eine neue Vorhandtechnik beibringen. Die beiden und auch Schmitt haben Probleme bei Rückenluft. Allerdings hat Martin Schmitt schon bewiesen, dass er in optimalem Zustand auch bei Rückenwind mithalten kann.

Sind Sie mit Ihrem Team an einem Wendepunkt angelangt?

Wir haben zwei gegenteilige Linien im Team: die der Älteren zeigt nach unten, die der Jungen nach oben. Wobei ich sagen muss: Vielleicht haben wir den Tiefpunkt noch gar nicht erreicht. Wir baden zurzeit die Sünden der Vergangenheit aus.

Welche Sünden denn?

Wir sind dabei, ein System aufzubauen, in dem eine Sprache gesprochen wird, in dem eine Ausbildungs-Philosophie herrscht. Das war vorher nicht so. Da brauchen wir Zeit. Die Frage ist, ob wir die bekommen. Ich kann nur sagen, dass ich die Kraft habe und diese Aufgabe gerne zu Ende führen würde.

Martin Schmitt war vor einem Jahr weiter, er hatte sich aus einem jahrelangen Tal herausgearbeitet und wurde sogar Vizeweltmeister. Warum konnte er diese Form nicht konservieren?

Im vergangenen Jahr haben wir bei Schmitt mit dem Material ins Schwarze getroffen. Das ist jetzt anders. Zudem hatte Schmitt vor der damaligen Saison eine gute Phase im Herbst, in der er sich seine Technik erarbeitet hat. Dann kamen gute Ergebnisse - und alles lief von selbst. Diesmal hatte er athletischen Rückstand. Der ist nun aufgeholt. Jetzt fehlt es an Feinheiten in der Technik. Er kommt ins Grübeln und macht Fehler beim Absprung. Aber sein Grundniveau stimmt.

Ist die Tournee für Ihre Mannschaft nun schon gelaufen?

Ich muss nun eine Trotzreaktion provozieren.

Wie haben Sie am Abend nach der Oberstdorf-Pleite Ihr Team empfangen?

Draufhauen bringt gar nichts in so einer Situation. Und besoffen haben wir uns auch nicht, das habe ich nicht als zielführend erachtet. Ich habe Einzelgesprächegeführt. Ich bin sachlich geblieben. Das ist in unserem sensiblen Sport das Wichtigste.

Interview: Stephan Klemm

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