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Interview mit Peter Hyballa „Fußball ist doch kein Mädchenmikado“

Der Trainer von Alemannia Aachen, Peter Hyballa, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über seine Extrovertiertheit, junge Trainer und alte Haudegen, und die heiligen drei Könige in Aachen.

21.12.2010 13:58
Aachens Trainer Peter Hyballa. Foto: Bongarts/Getty Images

Herr Hyballa, ein paar Eigenschaften gefällig? Sehr selbstbewusst, gern mal laut und provokativ, extrovertiert, laut, immer unter Strom, die eigene Mannschaft stark belobhudelnd. Was vergessen? Einwände?

Ein Hauch stimmt wahrscheinlich von allem. In der Kabine bin ich auch ruhig, sachlich, konservativ manchmal, im Einzelgespräch auch väterlich, einfühlsam. Und verlieren kann ich seit meiner Kindheit nicht, da sind schon die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Figuren gegen die Wohnzimmerwand geknallt.

Im Rhein-Main-Gebiet war nach dem Pokalsieg über Mainz der Eindruck da: „Hyballa? Große Klappe“.

Ich war doch ganz cool nach dem Spiel, versammelt, ruhig, ohne Show. Auch gegenüber Thomas Tuchel, mit dem ich früher einmal etwas aneinandergeraten bin, weil es auf dem Platz zur Sache ging. Aber Fußball ist kein Mädchenmikado. Und Thomas Tuchel ist nicht mein Feind, wie manche meinen. Völliger Quatsch. Ich musste mich für den nächsten Trainerschritt immer gegen die Türen werfen. Viele Exprofis bekommen gleich nach Karriereende die Tür aufgehalten: Hier haste nen Trainer- oder Managerjob, bitteschön. Wenn ich leiser wäre, wäre ich wohl nicht mit 34 jüngster Profitrainer in Deutschland geworden.

„Nach dem vielen Schulterklopfen laufe ich schon rum wie Quasimodo“ ? Zitat Hyballa.

Viele schätzen zu Recht, dass wir guten Fußball spielen. Und der Quasimodo war sogar kritisch gemeint: Ich möchte gern weniger Lob, dafür mal mehr Punkte. Mich hat nie interessiert, was Leute über mich denken. Wenn ich in der Coaching Box abgehe, dann gucke ich nicht, wer wie zuguckt. Ich habe die jüngste Mannschaft der Liga, da muss ich voran gehen. Mit leisen Tönen würden wir wohl auch leisen Fußball spielen. Extremen Fußball, offensiv und laut, kannst du nur spielen, wenn du einen extremen Vorredner hast. Wenn ich sage, oh, in Berlin gegen Hertha oder jetzt gegen Frankfurt, wir versuchen mal was... – nein: Wir wollen eklig sein und bissig, immer. Ich will Mut machen und das auch darstellen.

Neulich nannten Sie sich „Alemannias neuen Jugendtrainer“, weil Sie vorher 16 Jahre nur mit Nachwuchs gearbeitet haben. Ist das Koketterie?

Die ersten Wochen musste ich mir ständig Fragen anhören, ob ich mir das zutraue bei den Profis. Dabei haben die Allerwenigsten eine Ahnung vom Jugendfußball in Deutschland. A-Jugend-Fußball und Profibereich sind nicht 35000 Kilometer auseinander. Wo kommen denn die vielen Talente der letzten Jahre her? Weil gute Jugendtrainer mit den Talenten seit Jahren jede Woche im Dreck stehen! Im Profi-Jugendfußball. Ich bin seit fast 20 Jahren Trainer, habe andere mitausgebildet.

Der Trend im deutschen Fußball geht zu jungen Trainern, mindestens U45, gern auch U40. Wie kommt es zum Umdenken?

Der Trend geht zu Fußballlehrern. Die Generation Tuchel, Klopp, auch noch Rangnick, Frank Schaefer, Marco Kurz – da wird viel mehr über Detailfußball gesprochen, über taktische Sachen: der Sechser im freien Raum, wie der Zehner sich aufdreht, Kettenverschiebung, wann wo wie Pressing gespielt wird. Die Spielergeneration aus den Jugendleistungszentren kennt das auch sehr genau. Und nicht mehr Sprüche von elf Freunden und Gras fressen, Zweikämpfe annehmen...

Ist das die Old School?

Es gibt auch gute ältere Trainer. Die machen das auf ihre Art. Und wichtig: Die haben einen guten, modernen Trainerstab dabei. Ich wäre nie so arrogant, über Jupp Heynckes oder Louis van Gaal zu sprechen. Spanien wurde Weltmeister mit dem fast 60-jährigen Vicente del Bosque. Diese Leute haben Riesenqualitäten.

Sie sind mit 35 der jüngste von allen. Sie trainieren in Teilen komplett anders als die Haudegen und Retter.

Wir haben die Idee, beim Training möglichst viel das Spiel zu kopieren. Das kannst du nicht mit Gymnastik, mit Waldläufen, die wir übrigens ganz abgeschafft haben, mit Hütchen-Läufen oder besonders viel Krafttraining. Wir machen fast alles in Spielform. Der Ball ist manchmal wirklich der größte Feind eines Spielers.

Ihr Co-Trainer Eric van der Luer hat gesagt: „Wir bekommen Fußballer und wollen Menschen entwickeln.“

Es gibt wohl kaum Trainer, die so viel so locker mit den Jungs reden wie wir beide, auch über andere Dinge. Wir sehen hin, wie es jemandem geht. Wir kümmern uns, können mal böse sein, mal in den Arm nehmen. Ich will gute, selbstbewusste Jungs haben und keine Ja-Sager. Die Spieler sind das höchste Gut eines Vereins. Das müssen sie merken. Dann darfst du auch mal ne Tür eintreten und ohne Kamera extrovertiert sein. Die Spieler merken, die Trainer setzen die letzte Energie daran, alles aus mir und der Mannschaft herauszukitzeln.

Was ist im Profifußball anders als erwartet?

Wenig. Der Geruch der Kabinen ist gleich, Spielformen und Coaching auch. Den Journalisten klare Aussagen zu geben mit guter Grammtik und Syntax, da komme ich auch mit klar. Anfangs war ich erschrocken, wieviel und wie lange man im taktischen und technischen Bereich noch arbeiten musste. Und dass ich den Spielern so viel Mut machen musste, noch offensiver zu spielen, Handbremse zu lösen, dominant zu sein.

Wie wichtig ist der Pokal?

Sehr wichtig. Sportlich wichtig. Das ist ein Eine-Million-Spiel. Und fürs Prestige.

Frankfurt ist individuell stark, aber niederzulaufen und auseinander zu kombinieren?

Klasse Mannschaft, absolut dynamisch, mit vielen richtigen Kerlen, immer offensiv nach vorne. Das mag ich, so einen Fußball. Amanatidis und Gekas, die griechischen Jungs vorne; die sind unheimlich robust und gefährlich. Auch Schwegler und Ochs sind richtig gut.

Präsentieren Sie den „Straßenkötern“, wie Sie Ihre Spieler nennen, nach geschätzt 100 Stunden Videoanalyse einen Mikromatchplan mit den Schwächen jedes einzelnen Frankfurters für jede denkbare Spielsituation?

MMP, Mikromatchplan ? kann ich mir merken. Weil auf Matchplan hat ja schon der Kollege Tuchel das Patent. Nein, im Volleyball kannst du so was vielleicht machen, mit Angriffsvariante 1,2,3 und Variationen a,b,c . Nun spielen wir den Kontaktsport Fußball. Und wir reden gar nicht so viel über den Gegner, sondern wollen unser aggressives, offensives Spiel spielen.

Bei einem Sieg werden Sie in der Bischofsstadt das christliche Brauchtum verändern?

Ja. Dann stellen wir die fünfte Adventskerze auf und Erik Meijer, Eric van der Luer und ich ziehen als heilige drei Könige durch Aachen.

Interview: Bernd Müllender

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