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Interview Andreas Singler „Wir werden wohl differenzierter veralbert“

Der Wissenschaftler Andreas Singler spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die mühsame Ermittlungsarbeit der Freiburger Dopingkommission und ignorante Fußball-Promis.

11.03.2015 07:12
Steffen Gerth
Ein Doping-Kontrolleur steht während einer Partie der 2. Bundesliga am Spielfeldrand. Foto: Bongarts/Getty Images

Andreas Singler ist Sportwissenschaftler und wissenschaftlicher Journalist. Er gehört der Evaluierungskommission an, die die Dopingvergangenheit der Universität Freiburg untersucht, wo die Sportmediziner Prof. Armin Klümper und Prof. Joseph Keul wirkten. Singler veröffentlichte kürzlich Auszüge aus den Ergebnissen der Kommission.

Herr Singler, Sie haben den Fußball in Aufruhr versetzt. Wie geht es Ihnen?
Danke der Nachfrage. Der Aufruhr, den Sie da zu sehen glauben, ist aus meiner Sicht Symptom für eine jahrzehntelange Tabuisierung des Themas Doping oder Medikamentenmissbrauch im Fußball, die in Tagen wie diesen eben für eine gewisse Zeit nicht mehr durchgehalten werden kann. Dann wird es kurz ungemütlich, einige reflexartig vorgetragene Abwehrbewegungen setzen ein, aber kurz darauf kehrt die Subkultur Fußball zur Tagesordnung zurück.

Sind Sie vorgeprescht weil Sie als früherer Journalist wissen, wie man Schlagzeilen produziert?
Nein, weil ich weiß, wie Journalisten Schlagzeilen produzieren, und wie sie mit einem Gremium umgehen würden, von dem bekannt ist, dass es als Erste im Besitz wichtiger Informationen war, das aber nicht in der Lage war, diese beizeiten zu präsentieren. Die Kommission würde von niemandem mehr ernst genommen werden, wenn Journalisten, die ebenfalls Zugang zu den Akten bekommen, Ergebnisse von solcher Tragweite zuerst veröffentlichen würden.

Befürchteten Sie, dass etwas vertuscht werden sollte?
Durch die Kommission? Nein, das nun wirklich nicht. Aber wer zu spät kommt und sich nach der öffentlichen Wahrnehmung vor allem in wie auch immer gearteten Konflikten aufreibt, während andere Ergebnisse von sporthistorischen Dimensionen der Öffentlichkeit überbringen, läuft Gefahr, irgendwann das Gesicht zu verlieren.

Die Kommission untersucht seit 2007 die Dopingvergangenheit der Uni Freiburg unter dem Sportarzt Armin Klümper. Im Herbst dieses Jahres soll das Endergebnis präsentiert werden. Warum dauert das so lange?
Eine vernünftige Arbeit ist erst seit 2010, eher erst seit 2011 möglich. Wir haben Akten ausgewertet, die zum Teil spät erst zur Verfügung gestellt, teils wohl systematisch vor uns verborgen wurden. Alleine zur Dopinghistorie beziehungsweise zur Geschichte der Genese von Hochschulstrukturen, die zu Dopingzwecken missbraucht wurden, sind bis jetzt rund 1200 Seiten an Text fertiggestellt worden.

Die 60 Aktenordner, aus denen Sie zitierten, stammen vom Zeitraum 1984 bis 1989 – und blieben ohne Ergebnis. Wie erleben Sie die Fußballbranche jetzt?
Damals wurden die Vorgänge unter dem Aspekt von Wirtschaftskriminalität untersucht – die umfangreichen Hinweise auf Anabolikadoping in den Akten sind somit so etwas wie ein „Beifang“. Doping war damals kein Straftatbestand. Es hätte aber wegen des Verdachts der Körperverletzung ein Ermittlungsverfahren eröffnet werden können, da Klümper häufig seine Patienten über Nebenwirkungen von Anabolika nicht rechtswirksam aufgeklärt zu haben scheint. Mich würde interessieren: Gibt es auch heute noch die früher offenbar in weiteren Teilen des Profifußballs üblichen Mannschaftsapotheken, in denen speziell Medikamente und Substanzen für Gesunde zur Verfügung standen?

Sie sprechen von einer gigantischen Pharmakologisierung des Fußballs. Bisher ging es nur um den SC Freiburg und VfB Stuttgart. Stehen wir erst am Anfang eines flächendeckenden Dopingskandals?
Pharmaka müssen nicht zwingend auf der Dopingliste stehen. Ich hoffe, wir stehen am Anfang einer großen Debatte um die Sinnhaftigkeit der Verwendung von Medikamenten im Fußball, aber auch im Sport und in der Gesellschaft insgesamt. Es gibt offensichtlich im Fußball eine Kultur der Einnahme von Medikamenten, seien sie nun verboten oder nicht. Das ist nicht nur Ausdruck des Wunsches nach besserer Leistung. Das kann auch als Anzeichen für die Fragilität von Sportlerpsychen gedeutet werden, die sich den Erwartungen nicht gewachsen sehen.

Über welche der aktuellen Auslassungen wundern Sie sich mehr? Die von Klopp, Dutt oder Scholl? Letztere meinten ja, Doping bringe im Fußball nichts.
Der Fußball scheint in Bezug auf Dopingbekämpfung ein Nachzüglersystem zu sein. Er muss, wenn er seine Probleme künftig wenigstens intelligent vertuschen will, erst noch eine entsprechende Terminologie verinnerlichen. In Zukunft werden wir vermutlich etwas differenzierter veralbert.

Welche Beziehung haben Sie zum Fußball? Als Journalist haben Sie über den FSV Mainz 05 geschrieben, Sie kennen Jürgen Klopp noch als Spieler.
Ich habe in den 90er-Jahren noch erlebt, dass dort eine Zeit lang Spieler nach den Begegnungen noch im Mannschaftsbus an die Infusionen gelegt wurden. Oder mir ist berichtet worden, dass Kreatinmissbrauch in abenteuerlichen Überdosierungen betrieben wurde. Die Infusionen versuchte ich einmal bei einer Pressekonferenz zu problematisieren, auch wenn das damals nicht als Doping angesehen wurde. Was das gerade für Kinder und Jugendliche für ein Bild abgibt, wenn der Eindruck entsteht, ohne Infusionen oder Medikationen im weitesten Sinn könne man heute nicht mehr gegen einen Ball treten. Das hat auch keiner der Journalisten damals verstanden, was mich am meisten gestört hat. Das wurde einfach als allgemein üblich hingenommen.

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