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Ingolstadt - Eintracht „Voraussetzungen wie in Frankfurt hätten wir gerne"

Ingolstadts Geschäftsführer Harald Gärtner spricht im FR-Interview über den besonderen Weg seines Vereins und was Eintracht Frankfurt dem Klub voraus hat.

19.09.2016 16:43
Im Dialog: Geschäftsführer Harald Gärtner (li.) und Sportdirektor Thomas Linke. Foto: imago

Ein Mittelhesse ist Triebfeder für den Aufstieg des FC Ingolstadt 04. Geschäftsführer Sport und Kommunikation Harald Gärtner, der in Heuchelheim bei Gießen aufwuchs, in der Jugend bei Eintracht Frankfurt und später in der zweiten Liga spielte, ging vor zehn Jahren als Sportdirektor zu den Schanzern. Vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt spricht der 47-Jährige mit der FR.

Der FC Ingolstadt hat für seinen mutigen Auftritt beim FC Bayern gerade viel Lob bekommen. Auf dem Münchner Oktoberfest ist aber niemand gewesen, oder?
Wir haben darum einen großen Bogen gemacht, weil wir ja wussten, dass uns diese englische Woche bevorsteht. Und da mussten auch alle Verantwortlichen mit gutem Beispiel vorneweg gehen (lacht).

Es gab bisher viel Lob, aber kaum Lohn. Steigt nach nur einem Punkt der Erfolgsdruck vor dem Heimspiel gegen Frankfurt?
Für uns bleibt die Bundesliga eine große Herausforderung. Wir haben einen größeren Umbruch hinter uns, mit einen neuen Trainerteam und neun neuen Spielern. Ich sage immer: Die Liga ist wie ein Marathonlauf. Uns nützt ein guter Start nichts, wenn uns zum Schluss die Luft ausgeht. Wir werden wieder versuchen, mit harter kontinuierlicher Arbeit die Liga zu halten. Dazu gehören mannschaftliche Geschlossenheit, Laufstärke, Zweikampfpräsenz, aber auch eine spielerische Weiterentwicklung. Da bin ich sehr zuversichtlich, dass uns das gelingt. Klar ist auch: Für den Klassenerhalt müssen wieder alle Mosaiksteinchen zusammenpassen.

Ist die Bundesliga immer noch ein Quantensprung für Ingolstadt?
Ja, wir haben vergangene Saison reingeschnuppert und auch einen wirtschaftlichen Sprung gemacht, aber wir haben immer noch das kleinste Stadion der Liga und fast die geringsten TV-Einnahmen. Mit unserer Vereins-Philosophie, geschickten Transfers und unserer familiären Art wollen wir trotzdem wieder mithalten.

Ihr Gast ist gut gestartet. Hat Sie Eintracht Frankfurt überrascht?
Ich kann mich gut noch an das 1:1 gegen uns im Frühjahr erinnern (das letzte Spiel von Ex-Trainer Armin Veh, Anm. d. Red.). Niko Kovac hat es danach geschafft, eine verunsicherte Mannschaft in der Liga zu halten. Mir imponiert, wie überzeugt die Verantwortlichen von ihrem Weg sind. Wenn die handelnden Personen das vorleben und das Umfeld eine realistische Erwartungshaltung hat, ist schon einmal viel gewonnen.

Was verbinden Sie mit der Eintracht?
Ich habe dort in der Jugend gespielt, zusammen mit Uwe Bindewald, Trainer war damals Klaus Gerster. Ich schaue immer noch zur Eintracht, das ist der Vorzeigeverein in Hessen, von dem wir mit Nico Rinderknecht und Sonny Kittel ja gerade erst zwei Spieler im Sommer verpflichtet haben...

Welche Fortschritte macht Sonny Kittel? Ist er vielleicht einer, der im DFB-Pokal im Oktober gegen die Eintracht schon im Kader steht?
Das sollte eigentlich eine Überraschung sein (lacht). Im Ernst: Er ist auf einem guten Weg und immer näher bei der Mannschaft dabei, aber wir wollen ihn behutsam aufbauen. Wir machen ihm da gar keinen Druck. Ich bin überzeugt, dass er mit seinem Potenzial uns noch viel Spaß bereiten kann, wenn er wieder physisch stabil ist.

Ihr Trainer Ralph Hasenhüttl ging lieber nach Leipzig.
Er hatte einen Vertrag bis 2017, aber letztlich haben wir das Okay gegeben, weil wir Reisende nicht aufhalten wollten. Zunächst haben wir um ihn gekämpft, aber dann haben wir schnell umgeschaltet und alles dran gesetzt, einen super Nachfolger zu finden. Das ist uns gelungen. Die Gremien, Sportdirektor Thomas Linke und ich sind fest davon überzeugt, dass uns Markus Kauczinski manchen neuen Impuls geben wird  – er ist ein kompetenter und bodenständiger Trainer, der gut zu uns passt.

Sie konnten auch nicht verhindern, dass beispielsweise der Olympia-Teilnehmer Robert Bauer nach Bremen wechselt.
Wir wollen ein Sprungbrett für junge Spieler sein, die sich in der Bundesliga die ersten Meriten verdienen. Sobald das gelingt, besteht die Gefahr, dass sie uns verlassen. Wer nach Ingolstadt geht, kommt zu einem der kleinsten Vereine der Liga, kann sich aber vielleicht schneller nach oben durchkämpfen. Irgendwann muss unser Ziel sein, auch umworbene Spieler mit Potenzial  mehr und besser binden zu können, damit die Mannschaft einen noch höheren Level erreicht.  Und jedes Jahr Bundesliga bringt uns da einen Schritt weiter 

Als sie vom Präsidenten Peter Jackwerth vor zehn Jahren nach Ingolstadt gelockt wurden, haben sie sehr einfache Strukturen vorgefunden.
Das stimmt. Die Geschäftsstelle war in einem Wohnhaus untergebracht, beim ersten Fantreffen waren sechs Offizielle und fünf Anhänger. Im Stadion waren bei meinem ersten Heimspiel 375 Zuschauer. Es sah ungefähr so aus wie heute beim VfB 1900 Gießen, für den ich auch mal gespielt habe. Wir sind mit den „Schanzern“ einen steinigen Weg gegangen – dass der so schnell in die Bundesliga führt, hätte ich auch nicht gedacht. Ich habe das immer mit einem Hausbau verglichen. Mittlerweile sind Fundament, Parterre und der erste Stock mit der geschaffenen Infrastruktur fest verankert. Jetzt bauen wir an der zweiten und dritten Etage

Sie wollen die Zuschauerkapazität im Sportpark erhöhen...
...es gibt diesbezüglich Überlegungen, aber dieser Schritt muss zu uns passen. Es gibt genug Beispiele im deutschen Profifußball, wie sich Vereine mit einem Stadionausbau finanziell übernommen haben, so dass er wie ein Damoklesschwert über dem ganzen Klub hing. .

In Ihrer Umgebung darben  der 1. FC Nürnberg und der TSV 1860 München in der zweiten Liga. Die Debatte um die Traditionsvereine tobt ständig. Was machen denn Klubs wie Mainz 05, FC Augsburg oder eben FC Ingolstadt besser? Schlankere Strukturen, geringere Erwartungen, höhere Schlagkraft?
Das sind sicherlich wichtige Stichworte. Wir legen Wert auf kurze Entscheidungswege. Tradition heißt ja nicht automatisch, in einer bestimmten Liga spielen zu können. Der aktuelle sportliche Wettbewerb steht immer noch im Vordergrund, ganz gleich, was jeder Standort mitbringt. Der FC Ingolstadt ist erst 2004 entstanden: Einerseits haben wir mit einigen Problemen der Traditionsvereine nicht zu kämpfen, andererseits versuchen wir die Wurzeln des ESV und MTV Ingolstadt nicht zu vergessen, aber mit modernen Strukturen zu versehen. Wir benutzen ja alle auch kein Telefon mit Wählscheibe mehr.

Eintracht Frankfurt gehört zu den Treibern des „Team Marktwert“, das beispielsweise bei der künftigen Fernsehgeldverteilung Fanaufkommen oder Einschaltquoten berücksichtigen will. Das stößt dann bei Ihnen nicht auf Gegenliebe, oder?
Ich kann nachvollziehen, dass die Eintracht diesen Vorstoß unternommen hat. Aber in den vergangenen Jahren hat sich die Liga an sportliche Kriterien gehalten, und die sportliche Leistung soll für mich weiterhin an erster Stelle stehen. Diese Vereine sollten sich doch besser mal überlegen, warum und wie solche Klubs wie Ingolstadt überhaupt so weit gekommen sind, anstatt Kriterien zu schaffen, um uns zu schwächen. Ich jammere ja auch nicht, dass wir mit Darmstadt den geringsten Umsatz haben. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen wie in Frankfurt hätten wir gerne.

Und es ist auch nicht akzeptabel, z.B. ein Viertel der TV-Gelder danach zu verteilen?
Wir schreiben unsere Vereinsgeschichte doch gerade neu. Wie sollen wir denn solche Quoten generieren? Ich bin dafür, an dem festzuhalten, was die Bundesliga über Jahre stark gemacht hat. Der neue Fernsehvertrag, den DFL-Geschäftsführer Christian Seifert mit seinem Team hervorragend ausgehandelt hat, war doch nur möglich, weil die Liga als Solidargemeinschaft aufgetreten ist, so dass sie immer ein starkes und attraktives Produkt war. Es kann nicht sein, dass jetzt die  Liga mit neuen Kriterien ihrer eigenen Stärke beraubt wird. Deshalb plädiert der FCI weiterhin dafür, das Solidaritäts-Prinzip hoch zu halten und den sportliche Erfolg auch künftig als wichtigstes Kriterium bei der Verteilung der TV-Gelder zu berücksichtigen. Diskutieren kann man über die Einnahmen aus der internationalen Vermarktung, denn an diesen haben einige Klubs einen überproportionalen Anteil. Und wenn wir international stark sind, strahlt das auch auf die Liga.

Ist der Zusammenhalt der Liga generell in Gefahr?
Nein. Es ist klar, dass um die neuen Gelder gekämpft wird, aber wir haben großes Vertrauen in den  neuen Liga-Vorstand und die handelnden Personen, dass er einen für alle sinnvollen Verteiler-Schlüssel findet, der einen fairen Wettbewerb ermöglicht.

Interview: Frank Hellmann

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