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Hoffenheim Heimlicher Baumeister

Jan Schindelmeiser arbeitet erfolgreich an Ralf Rangnicks Seite.

04.10.2008 00:10
JAN CHRISTIAN MÜLLER

Im Büro von Jan Schindelmeiser, Erdgeschoss, mit Blick auf die Hauptstraße im Dorf, hängen riesige Architektenpläne an zwei Wänden. Der Fußballmanager gerät ein bisschen ins Schwärmen, wenn er die Zeichnungen erklärt. Es wird ein imposanter Bau, das neue Trainingszentrum der TSG Hoffenheim, mehr als 15 Millionen Euro teuer, mit allem drum und dran, mit überdachtem Kunstrasenplatz und Hallenbad mit Unterwasserlaufband, mit Reha-Zentrum, Players-Lounge und Speisesaal, mit Schlafmöglichkeiten, Internet-Bibliothek und natürlich mit vier wunderschönen Rasenplätzen. Weil in Hoffenheim kein Platz dafür ist, stehen die Bagger im Dorf nebenan: Zuzenhausen, nach dem Ortseingang links, Herrenbergstraße, am alten Gutshof.

Jan Schindelmeiser ist seit zwei Jahren und drei Monaten Sportdirektor beim derzeit aufregendsten Fußballverein der Republik. Er sagt: "Mein Job ist es, mit dafür zu sorgen, dass wir möglichst nicht nur das nächste Spiel gewinnen, sondern mit höherer Wahrscheinlichkeit auch im nächsten Jahr das nächste Spiel." Also ködert er derzeit das Schalker Torwarttalent Ralf Fährmann (worüber er nicht mal leise spricht) und überlegt laut, ob im neuen Trainingscamp "die Steckdosen in den Diagnoseräumen richtig liegen."

Der 44-Jährige ist gemeinsam mit Trainer Ralf Rangnick und Geldgeber Dietmar Hopp der Baumeister des bislang ungebremsten Hoffenheimer Aufstiegs. Nur: Ihn kennt in der Öffentlichkeit kaum jemand. Alle reden über Hopp und Rangnick, oft auch über den Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung, den ehemaligen Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, und manchmal über den Psychologen Hans-Dieter Hermann, der mal für Jürgen Klinsmann gearbeitet hat. Schindelmeiser lächelt milde. Er kennt die Mechanismen der Branche, er war Ende der 90er- Jahre Manager bei Tebe Berlin, als der inzwischen insolvente Sponsor Göttinger Gruppe dort Winfried Schäfer an ihm vorbei als Trainer inthronisierte. Und er kennt das Leben und den Tod viel zu gut, um sich mit etwas Unbedeutendem wie fehlende öffentliche Aufmerksamkeit zu beschäftigen.

Im Mai 2005 starb seine Frau in einem Berliner Krankenhaus in seinen Armen, nur einen Monat nach der Diagnose Krebs. Sie kannten sich seit 20 Jahren. Er hatte erst ein paar Wochen zuvor beim FC Augsburg als Manager angefangen. Jan Schindelmeiser hat sich danach ein Jahr zurückgezogen. Er brauchte die Zeit für sich.

Als Ralf Rangnick sich im Frühsommer vor zwei Jahren bei ihm meldete, war das genau der richtige Zeitpunkt, "um wieder ins Leben zu finden". Ende Juni 2006 begannen die beiden, an der Regionalligamannschaft für die neue Saison zu basteln: "Nach dem vierten Spieltag und Platz 16 haben wir abends beim Bier zusammengesessen und uns gefragt: ,Oh Mann, worauf haben wir uns hier eingelassen?'",sagt Schindelmeiser schmunzelnd. Seitdem ist Hoffenheim in zwei Jahren zweimal aufgestiegen.

Rangnick und Schindelmeiser haben die vielen Millionen von Milliardär Hopp klug und sehr gezielt investiert. Sie haben zum Beispiel Francisco Copado von Eintracht Frankfurt gekauft. "Ohne Paco", erläutert Schindelmeiser, "wären wir nicht hier in der Bundesliga. Diese Ehre gebührt ihm." Aber jetzt ist es auch der Job des Managers, denjenigen Spielern, die Hoffenheim benötigte, um schneller als erwartet groß zu werden, so respektvoll zu behandeln, dass sie sich im Herbst ihrer Karriere nicht allzu klein fühlen. Das, sagt er, "ist eine schwierige Kunst" und geht nur so: "Ich muss mir auch mal erlauben können, mich zurückzulehnen, um aus einer kleinen Distanz heraus den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren."

Jan Schindelmeiser hat den Blick fürs Ganze schon immer gehabt. Damals bei Göttingen 05, als er während seines BWL-, Politik- und Publizistikstudiums sieben Jahre lang in der Oberliga Nord spielte und sich gleichzeitig um Stadionzeitung und Sponsoren kümmerte; später an der Seite von Trainer Benno Möhlmann bei Eintracht Braunschweig, als, anders als heute, wenig Geld da war, und erst recht bei seinen mehrmonatigen Praxiserfahrungen in Süd- und Mittelamerika Anfang des Jahrhunderts: "Als ich gesehen habe, wie intensiv dort mit Kindern gearbeitet wird, habe ich gewusst: Mensch, warst du arrogant, dass du gedacht hast, Deutschland wäre im Fußball der Nabel der Welt."

Der Nabel von Fußball-Deutschland soll eines Tages in Hoffenheim zu finden sein. Das sagen die Pläne an den Wänden.

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