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Henry Rono "Ich ging durch die Hölle"

Henry Rono wurde vom Weltrekordläufer zum Alkoholiker - und nun von der IAAF ausgezeichnet.

27.11.2008 00:11
Henry Rono
Auf dem Höhepunkt: Henry Rono in London 1970. Foto: getty

Am Morgen meines letzten Weltrekordes wachte ich betrunken auf", sagt Henry Rono. Er weiß nicht mehr, wie oft er wegen Alkohol am Steuer verhaftet wurde, wie viele Entziehungskuren er abbrach, wo überall auf der Welt er in Obdachlosenheimen wohnte. "Im Suff verlor ich die Kontonummern von Banken", gesteht er, und bis heute sind Gagen im sechsstelligen Dollarbereich auf Konten in Zürich, Paris und London unerreichbar für den Mann, der sich am Wochenende in Monte Carlo erstmals wieder der Sportwelt präsentierte.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF, der Rono vor rund 20 Jahren sogar einmal aus dem Gefängnis freikaufen musste, vergab bei der Ehrung der Welt-Athleten 2008 einen Spezialpreis für den Mann, der durch die Rückkehr ins normale Leben zum Vorbild für andere wurde. Der Mann, der vor 30 Jahren binnen 81 Tagen die beispiellose Zahl von vier Weltrekorden auf der Langstrecke aufstellte, wurde von 700 Gästen der Gala ähnlich mit Beifall überschüttet wie damals in den Arenen.

"Ich wurde vom Läufer zum Säufer und jetzt bin ich wieder ein Läufer", sagt der 56-Jährige aus Eldoret, der heute als Trainer in Albuquerque/New Mexiko arbeitet. Vor wenigen Jahren war er dort noch Kofferträger am Flughafen, Parkwächter und wusch Autos. "Ich hatte viele miese Jobs in meiner schlimmen Zeit - und manchmal erhielt ich gar keinen. Ich ging durch die Hölle. Danach geht es entweder wieder aufwärts oder du bist tot", sagt der Kenianer zum Desaster, das ihn zwischen 1986 und 1993 ereilte.

Rono war nicht fertig geworden mit dem Ruhm, der 1978 über den nur in der Fachwelt bekannten 26-Jährigen hereinbrach. Angefangen hatte seine unglaubliche Weltrekordserie am 8. April 1978 in Pullman/Washington. Dort, wo er im Oktober 1976 ein später abgebrochenes Studium der Wirtschafts-Psychologie begonnen hatte, steigerte er den 5000-m-Weltrekord auf 13:08,4 Minuten. Am 13. Mai riss Rono trotz erbärmlicher Technik in 8:05,4 auch die Bestmarke über 3000 m Hindernis an sich. Nach dem Wiener 10 000-m-Weltrekord von 27:22,5 am 11. Juni brach endgültig die Rono-Mania aus. Ende Juni vervollständigte er seine Serie mit den 7:32,1 über 3000 m in Oslo.

Fortan wurde Rono, der mit 21 in Kenias Armee zum Läufer geworden war und dann ein Stipendium aus Pullman erhielt, von Veranstaltern gejagt. Den guten Rat, höchstens einmal pro Woche zu starten, schlug er in den Wind und lief im 48-Stunden-Takt ins Desaster. Bald litt Rono unter Verfolgungswahn, glaubte, sein Trainer John Japlin wolle ihn umbringen.

Dem großen Comeback 1981 mit dem 5000-m-Weltrekord von 13:06,2 in Knarvik/Norwegen folgte der brutale Absturz des Mannes, der sein Talent nie voll ausschöpfte. Er hätte als erster Läufer schon damals über die Hindernisse unter acht und über 5000 m unter 13 Minuten bleiben können. Das Geld war verprasst oder auf unbekannten Konten unerreichbar. Unter falschem Namen mietete er sich in Hotels ein und zahlte die Rechnungen nicht. Er wurde wegen Betruges verhaftet.

Dann endlich ließ sich Rono helfen. Der Alkoholentzug gelang. Nach und nach verlor er 30-40 Kilo Übergewicht. (sid)

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