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Heinz Müller kontra Mainz 05 Der Bosman von Mainz

Die Bundesliga zittert vor der Berufungsverhandlung im Fall Heinz Müller kontra Mainz 05, der darauf klagt, dem Verein bis zur Verrentung als Torwart zu dienen.

16.02.2016 16:41
Jan Christian Müller
Augen zu und durch: Heinz Müller und Mainz 05 werden keine ganz großen Freunde mehr. Foto: dpa

Es war ein Tag zum Vergessen, dieser unwirtliche 3. November 2013; der Nachmittag, an dem Heinz Müller zum letzten Mal das Tor von Mainz 05 hütete. Als der seinerzeit schon 35 Jahre alte Zwei-Meter-Hüne zur Pause seinem Trainer offenbarte, dass er wegen einer wieder aufgebrochenen Zerrung nicht weiterspielen könne, soll Thomas Tuchel heftig reagiert haben. Übermittelt sind die beiden Vokabel „Fucking Schande“. Und dass der eingewechselte Ersatzkeeper Christian Wetklo später noch Rot wegen einer Notbremse sah und am Ende Stürmer Sebastian Polter das Tor hüten musste, machte die Sache nur noch schlimmer. Mainz 05 verlor 1:2, Tuchel kochte vor Wut, und Müller wurde in den letzten Monaten seines da noch bis Sommer laufenden Zwei-Jahresvertrags in die U23 abgeschoben. Begründung des Vorgesetzten Tuchel damals auf FR-Anfrage: Die Entscheidung sei „in dieser Härte gefallen, weil wir der Meinung waren, dass es sein musste“.

Dass das wirklich so sein musste, fand der gebürtige Frankfurter Müller, der seit 2009 65 Bundesligaspiele für die Rheinhessen mehr recht als schlecht absolviert hatte, ganz und gar nicht. Und weil ihm in der Mainzer Regionalligamannschaft Bundesliga-Prämien verwehrt wurden und er außerdem keine Chance mehr hatte, auf die für eine Vertragsverlängerung nötigen 23 Saisoneinsätze zu kommen, suchte er sich einen Anwalt. Er fand im Frankfurter Horst Kletke einen der erfahrensten, klügsten und kundigsten Fußball-Rechtsexperten im Land. Müller war für Bundesligaverhältnisse gewiss kein Großverdiener: 429 000 Euro wollte er vorm Mainzer Arbeitsgericht von Mainz 05 erstreiten, den Gegenwert für ein weiteres Vertragsjahr.

Die zuständige Richterin hatte zwar wenig Verständnis für die Argumentation der Müller-Seite, die Nichtberücksichtigung des Torwarts sei mitnichten aus Gründen mangelnder Leistung erfolgt, sondern aufgrund persönlicher Animosität von seiten des Trainers. Aber sie wies sehr grundsätzlich darauf hin, dass auch für Fußballprofis Arbeitnehmerrechte gelten: „Es gibt nach dem Gesetz nur zwei Möglichkeiten für eine Befristung: Entweder eine Gesamtdauer von maximal zwei Jahren oder weil ein Sachgrund dafür vorliegt.“ Will heißen: Jeder Arbeitnehmer, auch ein hochbezahlter Fußballprofi, der mehr als zwei Jahre bei einem Klub angestellt ist, kann bis zum Rentenalter bleiben, wenn er keine goldenen Löffel klaut.

Aufruhr in der Branche

Der Aufruhr in der Branche war entsprechend groß, die Leute wollen knackige Kicker im besten Alter sehen, keine Oldies, deren fette Oberschenkel aneinander reiben und sich mit Arthrose in den Hüften kaum noch flink fortbewegen können. „Wenn wir jeden Spieler mit einem unbefristeten Vertrag ausstatten würden, hätten wir ja 50, 60 Profis im Kader“, zürnte der Mainzer Präsident Harald Strutz. „Die Sportart Profifußball verträgt nicht, dass man Verträge nicht befristen darf“, ärgerte sich DFB-Vize Rainer Koch, das allgemeine Arbeitsrecht könne „im Fußball so nicht gelten“. Er könne das Urteil „nullkommanull verstehen“, ergänzte Kochs damaliger Verbandschef Wolfgang Niersbach verblüfft. Der renommierte Ludwigsburger Sportrechtsexperte Christoph Schickardt sagt nun dem „Kicker“: „Jeder vernünftig denkende Mensch weiß, dass ein Profi nicht bis zur Verrentung als Fußballspieler Millionen verdienen kann.“ Aber er weist auch auf Defizite in der Verhandlungsführung der Mainzer vor einem knappen Jahr hin: Die Befristung als gesetzliche Ausnahmevorschrift für den Profifußball müsse „sorgfältig begründet werden“. Das habe Mainz mittlerweile „hoffentlich nachgeholt“.

Am heutigen Mittwoch wird man das sehen. Denn dann geht Mainz 05 vor dem Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in die Berufungsverhandlung. Der Bundesligist nimmt die Angelegenheit inzwischen sehr ernst. Nicht mehr Präsident Harald Strutz vertritt den Klub, sondern eine Hamburger Großkanzlei mit ihren ausgewiesenen Arbeits- und Sportrechtsexperten, denn nicht nur Strutz dünkt düster: Das Thema könnte schlimmstenfalls „eine weitreichende Bedeutung wie das Bosman-Urteil haben“, welches 1995 den Fußball aus den Fugen brachte.

Denn wenn Fußballprofis plötzlich wie ganz normale Geschäftsstellenmitarbeiter unbefristet eingestellt werden müssten, könnten sie ihrerseits mit einer gesetzlichen dreimonatigen Kündigungsfrist den Vertrag kurzfristig beenden. Ihre Arbeitgeber dagegen müssten, so sie kein Interesse mehr an der Arbeitskraft des Spielers hätten, umständliche Arbeitsgerichtsprozesse eingehen und teure Abfindungen zahlen. Oder sie würden die Vertragsdauer von vorn herein auf zwei Jahre beschränken und wären so gute, teure Spieler viel schneller wieder los, als ihnen lieb wäre.

„Dies würde insbesondere bei Spitzenspielern, die für eine hohe Ablösesumme eingekauft wurden und deren Verträge mehrjährige Restlaufzeiten aufweisen, bei den Klubs zu außerplanmäßigen Abschreibungen in Millionenhöhe führen“, warnt Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsspieler (VdV) und ergänzt: „Sicherlich kann es nicht im Sinne von Klubs, Spielern und Fans sein, wenn Profis alle zwei Jahre in Deutschland den Arbeitgeber wechseln müssen.“ Allerdings dürften „Berufsfußballspieler hinsichtlich ihrer Rechte auf Arbeitsplatzsicherheit und Freizügigkeit auch nicht schlechter gestellt werden als andere Arbeitnehmer“.

Baranowsky weist darauf hin, dass unterhalb der Topligen durchweg Spieler angestellt sind, deren Einkommenssituation keinesfalls vergleichbar mit der von Müller ist. Die VdV hat längst vorgeschlagen, mittels Tarifvertrag für Rechtssicherheit zu sorgen. Die Liga habe „das Verhandlungsangebot allerdings bisher nicht angenommen“. Auch sei es verpasst worden, angesichts des Falls Heinz Müller zwischen Spielergewerkschaft, Verbänden und Vereinen ins Gespräch zu kommen und die „Kuh vom Eis zu schaffen“. Sollte Müller den Prozess gewinnen, hätte das nach einhelliger Expertenmeinung ein Signalwirkung für ganz Europa. „Das Ausland“, weiß Baranowsky, „schaut sehr genau auf diesen Prozess“, der eines Tages vor dem Europäischen Gerichtshof enden könnte.

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