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Handball-WM Deutschland fordert den Gastgeber

Im Viertelfinale trifft die Handball-Nationalmannschaft auf Gastgeber Spanien und rechnet sich Chancen aus. Dass die DHB-Auswahl sich nicht mehr als Außenseiter sieht, liegt auch an Spielmacher Michael Haaß.

22.01.2013 17:41
Von Tino Scholz
Vorne und hinten im Getümmel: Michael Haaß. Foto: DPA/DAVID EBNER

Im Viertelfinale trifft die Handball-Nationalmannschaft auf Gastgeber Spanien und rechnet sich Chancen aus. Dass die DHB-Auswahl sich nicht mehr als Außenseiter sieht, liegt auch an Spielmacher Michael Haaß.

Freud und Leid stiegen gestern Morgen in zwei verschiedene Busse. Da war zum einen die isländische Handballnationalmannschaft, die am Vorabend im WM-Achtelfinale 28:30 gegen Frankreich verloren hatte, und sich nun mit hängenden Köpfen auf den Weg gen Flughafen El Prat machte, um von dort aus weiter nach Reykjavik zu reisen. Nahezu zeitgleich stolzierten die deutschen Spieler aus dem Teamhotel in Barcelona, sie bekamen das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Denn ihr Bus brachte sie nach Saragossa, wo das Viertelfinale gegen Gastgeber Spanien ansteht. „Wir machen uns nicht ganz unberechtigte Hoffnungen, dass es noch eine Runde weitergeht“, sagte Spielmacher Michael Haaß umringt von Rollkoffern und Sporttaschen. „Wir sind noch nicht zufrieden.“

Nanu? Noch nicht zufrieden? Haaß, 29, musste lachen. Er wusste, dass er sich aus dieser Aussage irgendwie herausstehlen musste, ohne die Erwartungen weiter in die Höhe schnellen zu lassen. Denn bisher war es stets ein Vorteil der deutschen Mannschaft gewesen, dass niemand so recht etwas von ihr erwartet hatte. Also schob der Profi von Frisch Auf Göppingen vielsagend hinterher: „Man freut sich natürlich riesig, wenn man das Viertelfinale erreicht hat. Aber dann denkt man sich: Warum sollte es denn nicht noch weitergehen?“

Die Entwicklung dieser Mannschaft bei der WM ist schon erstaunlich. Sie reiste an als Team, das mit dem Achtelfinaleinzug zufrieden gewesen wäre – und nun kokettiert man offen mit ganz hohen Weihen. „Wir haben uns dieses Selbstbewusstsein aber auch hart erarbeitet“, sagt Haaß. „Weil jeder einzelne Spieler noch einmal einen Schritt nach vorn gemacht hat.“ Geht es nach Oliver Roggisch, dem Kapitän, ist es eben jener Michael Haaß, der dabei persönlich „einen ganz großen Sprung gemacht hat. Hassan ist einer der Köpfe dieser Mannschaft, was er bei diesem Turnier aufs Parkett bringt, habe ich so noch nicht von ihm gesehen.“

Dieses Lob kommt nicht von ungefähr. Haaß ist bei diesem Turnier der deutsche Spieler, der aus dem Kollektiv noch ein wenig heraussticht, der das Spiel der Auswahl durch seine eigene Leistungssteigerung im Vergleich zur Bundesligahinrunde auf ein höheres Level gehoben hat. Er organisiert als Spielmacher das Angriffsspiel in vortrefflicher Manier, selbst ist er dabei immer torgefährlich. Seinen wichtigsten Part aber hat er in der Abwehr, deren Innenblock er zusammen mit Roggisch bildet. Es kann wohl kaum ein größeres Lob für die beiden geben, als dass die deutsche Abwehr in diesen Tagen auch von anderen Trainern als eine der besten des Turniers geadelt wird. „Hassan“, sagt Roggisch, „ist in der Abwehr viel kompakter geworden, lässt sich auch kaum noch im Eins-gegen-Eins austricksen. Und er ist lauter, dirigiert viel mehr.“

Extraschichten lohnen sich

Michael Haaß kann diese Höhen nun umso mehr genießen, weil er vor nicht allzu langer Zeit ein Tief durchwandern musste, und das hat sehr an ihm genagt. Ein Jahr ist es her, als in der letzten Partie der EM in Serbien sein Sprunggelenk brach. Sieben Monate konnte er danach nicht mehr spielen. „Es hat gedauert“, sagt er, „bis ich das Gefühl für das Spiel wiedergefunden hatte.“ In Göppingen erzählt man sich, dass Haaß in den ersten Monaten nach seiner Rückkehr nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen sei, er das Spiel teilweise wie ein Bezirksligaspieler organisiert habe. Erst kurz vor der Weltmeisterschaft kam der Spielmacher wieder in Tritt.

Haaß legte Extraschichten nach jedem Training ein, war so oft im Kraftraum wie wohl kein anderer Göppinger Profi. „Dass Michael jetzt wieder so gut drauf ist, hat er vor allem sich selbst zu verdanken“, sagt Bundestrainer Martin Heuberger. Haaß gilt im deutschen Team als Musterprofi, er stellt sich selbst seiner Verantwortung als Führungsspieler wie kaum ein Zweiter. Auch außerhalb des Spielfelds beschäftigt er sich stundenlang mit den Schwächen und Stärken der Gegner, analysiert diese auf Videos. „Der Hassan“, sagte Heuberger, „hält bei uns die Fäden in der Hand.“

Dabei interessiert ihn seine eigene Erfolgsgeschichte noch nicht mal. Konfrontiert man Haaß mit Heubergers oder Roggischs Lob, ist ihm das fast schon unangenehm. „Ich allein würde hier wohl kaum ein Spiel gewinnen“, sagt er dann. „Meine oberste Motivation ist es vielmehr, dem deutschen Handball nach zuletzt eher dürftigen Turnieren wieder zu neuen Erfolgen zu verhelfen.“ Dann ruft ihn der Pressesprecher des DHB zum Bus. Saragossa wartet, das Viertelfinale. Haaß sagt: „Ich kann es kaum erwarten.“

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