Lade Inhalte...

Hamburger SV Ein Verein zerstört sich selbst

Der Aufsichtsrat des Hamburger SV schenkt Vorstand, Trainer und Sportchef Schonfrist – aber Magath steht bereits vor der Tür.

11.02.2014 06:43
Jan Christian Müller
Symbolfigur des Niedergangs: Rafael van der Vaart. Foto: dpa

Felix Magath befindet sich auf dem Weg nach Hamburg. Im Verlauf des Mittwochs wird der 60-Jährige mit erstem Wohnsitz München in der Hansestadt erwartet, um am Donnerstag auf einer Podiumsdiskussion in der Innenstadt zum Thema „Schach und der Einfluss von Schach auf die Bildung an Schulen“ zu sprechen. Zufällig findet am Mittwochabend um 20.30 Uhr draußen im Volkspark die DFB-Pokalpartie Hamburger SV gegen Bayern München statt. Magath, der beim HSV schon Spieler, Trainer und Manager war, könnte das zum Anlass nehmen, die Gespräche zu vertiefen, die er am vergangenen Donnerstag mit der Spitze des Aufsichtsrats bereits aufgenommen hat.

Das Gremium hatte Sonntag bis kurz vor 23 Uhr unklugerweise im Elysée Hotel an der Rothenbaumchausee getagt, sich dann aber klugerweise, ehe noch irgendjemand wieder Blödsinn erzählt, ohne Abschiedsgruß von den im Foyer ausharrenden Pressevertretern durch die Tiefgarage auf und davon gemacht. Der um seine Aufgabe schon seit einigen Jahren eher nicht zu beneidende Mediendirektor Jörn Wolf hatte in einem kurzen Statement lediglich wissen lassen, die Krisentagung sei ohne konkretes Ergebnis zu Ende gegangen.

Es bleibt eine Schonfrist für Trainer Bert van Marwijk, Sportdirektor Oliver Kreuzer und die Vorstände Carl-Edgar Jarchow und Joachim Hilke, mutmaßlich bis zum Samstag, wenn der nach drei 0:3-Niederlagen in Folge auf auf Rang 17 abgerutschte HSV beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig spielt. Offenbar fanden sich am Sonntag keine der für die erforderliche Mehrheit notwendigen acht Aufsichtsräte, die bereit waren, die Ablösung einzelner Verantwortlicher voranzutreiben. Zumal dem mit hundert Millionen Euro verschuldeten HSV auch finanziell die Hände eng gebunden sind und die Zeit bis zum Bayern-Gastspiel arg kurz war.

Stimmungseffekt verpufft

Van Marwijk, der am Montag bei der turnusgemäßen Pressekonferenz vorm Pokalspiel nur ein kurzes Statement verlas („Ich habe das Gefühl, der Verein zerstört sich selbst“) und keine Fragen zuließ, und Kompagnon Kreuzer haben sich durch die Verpflichtungen der auf Bundesliganiveau in einer nicht funktionierenden Mannschaft völlig überforderten Leihgaben Ola John (21) und Ouasim Bouy (20) erneut das Zeugnis „mangelhaft“ ausgestellt. Die beiden Landsmänner von van Marwijk wurden laut Fachblatt „Kicker“ vom ehemaligen Berater des Cheftrainers vermittelt, was erneut ein bezeichnendes Licht auf das eigentümliche, aber in der Liga auch bei anderen Klubs nicht unübliche Geschäftsgebaren wirft.

Kreuzer, dessen Rhetorik sich in Hamburg auf Durchhalteparolen beschränkt, immerhin aber mehr Empathie erkennen lässt als die des Trainers, kann auf der Habenseite verbuchen, in der vergangenen Woche den Kontrakt mit dem großen Talent Hakan Calhanoglu bis 2018 verlängert zu haben. Der erhoffte positive Stimmungseffekt verpuffte allerdings binnen 72 Stunden, als der HSV Hertha BSC sang- und klanglos 0:3 unterlag. Dass zudem am Wochenende der Verkaufsabschluss mit Schalke 04 für den bislang nur ausgeliehenen und derzeit schwerwiegend am Knie verletzten Dennis Aogo für rund drei Millionen Euro (und damit rund eine halbe Million Euro unter der Verkaufsoption) bekannt wurde, ging fast unter.

Die prekäre Lage in der Tabelle, Tumulte mit Fans auf dem Stadionparkplatz und der offene Bruch zwischen großen Teilen des Aufsichtsrats mit dem weitgehend entmachteten Vorstand überlagerten den für die angespannte Kassenlage der Hanseaten nicht unwesentlichen Deal.

Seit 2009 wurde der Kader von vier Sportchefs und fünf Trainern, allen voran von Kreuzers heillos überforderten und überbezahlten Vorgänger Frank Arnesen, mit inzwischen sechs (!) Innenverteidigern und sieben (!) zentralen defensiven Mittelfeldspielern völlig unstrukturiert zusammengestellt. Mit dem Resultat, dass nun eine Truppe unterwegs ist, die auf dem Spielfeld keine gemeinsame Fußballsprache spricht, weil ihre Einzelteile unterschiedliche Dialekte erlernt haben und sich deshalb untereinander nicht verstehen.

Der in Abstiegsschlachten mit Borussia Mönchengladbach 2007 und dem HSV 2012 gestählte Marcell Jansen drückte die Hoffnungslosigkeit in erschreckender Prägnanz aus: „Ich habe noch nie eine so erdrückende und beschissene Situation erlebt. Wir haben im Moment nicht das Gefühl, dass wir zurückschlagen können.“ Nur Magath, glauben inzwischen immer mehr Menschen, die sich dem HSV zugeneigt fühlen, könnte das mit den ihm eigenen, brachialen Methoden ändern.

Fußball von vorgestern

Ob der, quasi als Einzelaktion, von Milliardär und Magath-Befürworter Klaus-Michael Kühne geholte und von selbigem kreditfinanzierte Rafael van der Vaart dann noch mittun dürfte, darf getrost bezweifelt werden. In Verklärung vergangener Großtaten gegen den ausdrücklichen Wunsch Jarchows verpflichtet, spielt der vermeintliche Heilsbringer Fußball von vorgestern. Der seit heute 31-jährige Niederländer schaffte gegen die Hertha nur sechs Sprints und gewann lediglich vier seiner Zweikämpfe. Ebenso wenige wie Heiko Westermann. Kaum zu fassen, dass der Verteidiger im Länderspiel im November in England noch zur Startelf der deutschen Nationalmannschaft gehörte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen