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Hamburger SV Aufstand gegen den Unverstandenen

Der HSV-Aufsichtsrat konnte sich nicht mit der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Vertragsverlängerung von Bernd Hoffmann einigen. Der Vorstandsboss und seine Vertraute Katja Kraus müssen nun bis Dezember gehen. Die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits.

07.03.2011 21:42
Jan Christian Müller
Ganz klein gemacht: Bernd Hoffmann. Foto: Getty

Eigentlich wollte Bernd Hoffmann diesen Montag in den lange gebuchten Skiurlaub fahren. Aber darauf verzichtete der tief enttäuschte Vorstandschef des Hamburger SV zunächst.

Und das kam so: Am Sonntagabend um viertel nach acht erschien ein Mitarbeiter des Hamburger SV nach dem schwerwiegenden 2:4 gegen Mainz 05 im Presseraum und verteilte ein knappes Dutzend Din-A-4-Blätter mit einer sechszeiligen „Erklärung des Aufsichtsrats“. Die dürre Mitteilung, das wurde bald klar, wog noch viel, viel schwerer als die Niederlage. Sie kündigte bis spätestens zum 31. Dezember 2011 das Ende einer Ära an. Die Hamburger Zeitungen bauten eilig ihre Titelseiten um: „Aus für HSV-Chefs“, „HSV-Bosse weg!“

Das im Januar neu zusammengestellte Kontrollgremium hatte sich am Nachmittag nämlich nicht mit der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit darauf einigen können, den Vertrag von Hoffmann und seiner Vertrauten Katja Kraus zu verlängern. Medienmanager Hoffmann, 2003 von der Agentur Sportfive verpflichtet und mit rund einer Million Euro pro Jahr entlohnt, erweckte am Sonntag im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau nicht den Eindruck, als sei er als „lame duck“ an einer Weiterbeschäftigung bis zum Jahresende interessiert.

Kompromiss abgelehnt

Der 48-Jährige und die 40 Jahre alte Kraus wussten um die Vorbehalte im Aufsichtsrat. Sie haben dort erbitterte Gegner, allen voran der ehemalige HSV-Präsident Jürgen Hunke. In dessen Privathaus wurde der Daumen schließlich gesenkt. Ursprünglich hatte der zwölfköpfige Aufsichtsrat, der seit Jahren eine bemitleidenswerte Figur abgibt, über Dreijahreskontrakte für Hoffmann und Kraus abstimmen sollen. Als den beiden Vorständen jedoch im Vorfeld dämmerte, dass eine derartige Zeitspanne für sie nicht durchsetzbar sein würde, unterbreiteten sie den Räten noch am Samstag in einer ausführlichen E-Mail einen mit dem Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff zuvor vereinbarten Kompromissvorschlag. Dessen Kern: Verlängerung der Kontrakte nur um ein Jahr, damit der Verein handlungsfähig bliebe.

Doch statt der erforderlichen acht stimmten auch fürs Minimalziel lediglich sieben Aufsichtsräte. Rieckhoff, der seit seiner Bestellung zum Aufsichtsratschef im Januar alles andere als eine gute Figur abgibt, und sein Stellvertreter Manfred Ertel informierten die konsternierten Hoffmann und Kraus unmittelbar nach dem Spiel im Vorstandsbüro. Offiziell ließen der Vorstandsvorsitzende und seine Marketingfachfrau am Montag nur verlauten, sie nähmen „das so zur Kenntnis“, dass ihre „Abmachung“ mit Rieckhoff „nicht die erforderliche Mehrheit fand“.

Dabei hatte Hoffmann mit einigem Recht darauf hoffen können, mit der von ihm vorangetriebenen Verpflichtung des neuen Sportdirektors Frank Arnesen noch gerade rechtzeitig die klaffende Lücke zu schließen, die Dietmar Beiersdorfer bei seinem Abschied im Zwist mit dem Boss vor knapp zwei Jahren hinterlassen hatte. Aber das Ergebnis der Kampfabstimmung im Aufsichtsrat ist auch Ausfluss der tiefen Vorbehalte der in dem Traditionsklub schon immer sehr einflussreichen Basis.

Tiefes Misstrauen

Seit der ehrgeizige Hoffmann nach seiner Amtsübernahme vor acht Jahren erfolglos versucht hatte, eine Kapitalgesellschaft fürs flinke Management des Profifußball aus dem eingetragenen Gesamtverein herauszubrechen, kam das Misstrauen gegen den schneidigen Wirtschaftsfachmann immer wieder durch. Die beeindruckenden Umsatzzahlen, die den HSV dank der nimmermüden Geldbeschaffer Hoffmann und Kraus als Branchenzweiten hinter Bayern München auswiesen, und das Erreichen der ambitionierten Zielsetzung, als ehedem graue Maus unter die Top 20 Europas zu gelangen, änderten daran nichts: Der Rheinländer Hoffmann, als Kind begeisterter Fan von Borussia Mönchengladbach, wurde von seinen recht zahlreichen Gegner in der Hansestadt immer wie ein kalt kalkulierender Unternehmensberater wahrgenommen: viel Verstand, wenig Herz. Als sich die Mitglieder über den Verkauf von Anteilen an HSV-Lizenzspielern an den milliardenschweren Investor Klaus-Michael Kühne von Hoffmann nicht annähernd ausreichend informiert fühlten, wuchs der Widerstand. Am Ende war er größer als die Durchsetzungskraft eines Mannes, der vielen HSV-Fans immer fremd geblieben ist.

Der Aufsichtsrat will nun nach Nachfolgern suchen. Als Favoriten gelten zwei Wirtschaftsfachleute. Bis dahin, so Rieckhoff, sei „der Aufsichtsrat überzeugt, dass Bernd Hoffmann und Katja Kraus ihre Arbeit für den HSV weiter wie bisher professionell nachkommen werden“. Der „Zeitdruck“, so Rieckhoff, sei „nun weg“. Da sollte sich der gute Mann nicht zu sicher sein. Dem HSV droht im Gegenteil nun völliger Stillstand: Mit einer überalterten, weitgehend willenlosen Mannschaft, in der viele Verträge auslaufen, mit einem Trainer Armin Veh, der nur noch auf Abruf agiert, mit dem gedemütigten Sportchef Bastian Reinhardt – und nun auch mit einem Führungsduo ohne Zukunft.

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