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Gruppe D Ukraine - England Gastgeber Ukraine ist gespalten

Die Ränkespiele zwischen der Kiew-Clique und dem Donezk-Clan hemmen die Ukraine vor dem großen Entscheidungsspiel gegen England.

19.06.2012 01:46
Frank Hellmann und Nina Jeglinski
Star Andrej Schewtschenko gehört zum Lager von Dynamo Kiew. Foto: REUTERS

Die Ränkespiele zwischen der Kiew-Clique und dem Donezk-Clan hemmen die Ukraine vor dem großen Entscheidungsspiel gegen England.

Es ist nicht leicht für die mutigen Männer, die sich dieser Tage in Kiew oder Donezk in kurzen Hosen und Sandalen auf die vielbefahrenen Ausfallstraßen stellen. Tapfer wedeln sie mit den blau-gelben Plastikfähnchen, die sie an Ampeln oder Kreuzungen für wenige ukrainische Hryvnia an die Autofahrer bringen wollen. Doch das Geschäft läuft nicht wirklich – weder an rostigen Altwagen noch an den glänzenden Luxuskarossen flattert massenhaft das Bekenntnis zur eigenen Nationalmannschaft

Vielleicht weil der Lügen-Politiker Boris Kolesnikow vor Tagen das Volk angemahnt hatte, Flagge zu zeigen. Vielleicht aber auch, weil dem ukrainischen Team einfach nicht zugetraut wird, heute gegen England (20.45 Uhr) zu siegen und das Viertelfinale zu erreichen.

Die Entscheidung für den zweiten Ausrichter des Turniers steigt in der Donbass-Arena von Donezk und nicht wenige behaupten, das Fünf-Sterne-Stadion biete von allen EM-Spielorten den höchsten Komfort. Das mag auch stimmen, nun unstrittig ist auch, dass sich ein Gastgeber eine größere Rückendeckung wünscht, als es etwa die Zuschauer am Freitag gegen Frankreich (0:2) taten. Früh erklangen Buh-Rufe - Nationaltrainer Oleg Blochin beschimpfte daraufhin die eigene Anhängerschaft, Stürmer Andrej Schewtschenko (um dessen Einsatz wegen eines geschwollenen Knies gebangt wird) beschwichtigte.

Doch dahinter verbirgt sich mehr. Es ist ja kein Geheimnis, dass der bei Dynamo Kiew sozialisierte Blochin (59) sich im Osten des Landes nicht so wohlfühlt. Das einstige Aushängeschild des sowjetischen Fußballs hätte am liebsten weiter seinen Kader auf dem Dynamo-Trainingsgelände Koncha-Zaspa vor den Toren der Hauptstadt vereint. Doch der Umzug nach Donezk für zwei der drei Gruppenspiele – mitsamt Quartierwechsel – war unvermeidlich, um den wichtigsten Strippenzieher der EM zu besänftigen: Rinat Achmetow.

Fußball und Politik spielen Doppelpass

Der 45-Jährige ist nicht nur Eigentümer des ukrainischen Meisters Schachtjor Donezk, sondern geht auch als der reichste Mann im Lande durch. Der Oligarch kontrolliert faktisch die gesamte Schwerindustrie im Donbass-Becken, das wirtschaftliche Rückgrat der Nation; der Multi-Milliardär hat Flughafen und Arena bauen lassen. Mit dem umstrittenen Präsident Viktor Janukowitsch sitzt Achmetow bei Länderspielen gerne in derselben Luxusloge - Fußball und Politik spielen oft genug Doppelpass.

Achmetow freut sich diebisch darüber, das sein hochprofessionell geführter Vorzeigeverein Schachtjor Donezk mittlerweile dem verstaubten Traditionsklub Dynamo Kiew den Rang abgelaufen hat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Animositäten zwischen der Kiew-Clique und dem Donezk-Clan weit über eine bloße sportliche Rivalität hinausreichen.

Neun Profis aus Kiew stehen im aktuellen ukrainischen EM-Kader, fünf vermutlich heute wieder in der Anfangself. Aber mit Ersatztorwart Andrej Pjatow nur einer vom Champions-League-Teilnehmer Donezk, der indes seine Erfolge vorrangig brasilianischen und osteuropäischen Legionären verdankt. Häufig wird behauptet, Blochin bevorzuge die Dynamo-Spieler. Auch das erklärt vielleicht Ungeduld und Unmut der Besucher in Donezk. Die Debatten darüber gehen selten sachlich, doch als leistungsfördernd gelten die Machtkämpfe mitnichten.

Ukraine spielt nicht nur um die Ehre

Dynamo Kiew befindet sich in der Hand von Igor Surkis, dem jüngeren Bruder des ukrainischen Verbandspräsidenten und im Uefa-Exekutivkomitee sitzenden Gregorij Surkis (63). Der zur Schwatzhaftigkeit und Besserwisserei neigende Multifunktionär sollte bereits im vergangenen Jahr verjagt werden; Uefa-Präsident Michel Platini hat das verhindert. Nun wird die Surkis-Entmachtung halt für den Herbst vorbereitet, heißt es – Achmetow möchte einen Statthalter installieren.

Zudem reißen die Gerüchte nicht ab, dass auch Igor Surkis die längste Zeit Eigentümer des Rekordmeisters Dynamo Kiew gewesen sein könnte. Ein Vertrauter von Präsident Janukowitsch könnte dort an die Macht gelangen, wenn die EM Geschichte ist und mit dem Kultklub verbandelte Volkshelden wie Blochin oder Schewtschenko an Einfluss verlieren. Blochin sagt, die Ukraine spiele heute gegen England um die Ehre. Aber hinter den Kulissen geht es längst um viel mehr.

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