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„Goldene Sportpyramide“ Im Sinne des sauberen Sports

Bei der diesjährigen Kür zur Hall of Fame geht es der Sporthilfe nicht nur um Leistungen, sondern auch um humane Werte.

25.05.2012 07:49
Thomas Purschke
Happy End: Antje Misersky mit ihrem Vater Henrich. Foto: imago

Wer hätte das gedacht? Statt Medaillenglanz wird jetzt auch Zivilcourage in einer Diktatur und der Einsatz für die humanen Werte des Sports von der Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) gewürdigt. Gemeinsam mit Gretel Bergmann, Hans Lenk, Henner Misersky und Tochter Antje Misersky-Harvey wird Wolfgang Lötzsch an diesem Freitag bei der Benefiz-Gala „Goldene Sportpyramide“ in Berlin in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen. Die Jury würdigte in diesem Jahr anders als früher nicht nur die sportlichen Leistungen.

Der Chemnitzer Wolfgang Lötzsch war einer der besten Radsportler in der DDR, obwohl er nie an Olympischen Spielen, WM oder der Friedensfahrt teilnehmen durfte, weil er der DDR-Sportführung zu wenig linientreu war. Dennoch gelang es ihm als nicht gefördertem Athleten, bei zahlreichen Rennen in der DDR und im damaligen Ostblock die dortigen Spitzenfahrer öfters zu besiegen.

Der heute 59-jährige Wolfgang Lötzsch wurde 1972 kurz vor seinem geplanten Olympiastart in München aus dem DDR-Nationalteam und seinem Sportklub in Karl-Marx-Stadt geworfen, weil er nicht in die SED eintreten wollte. Zudem hatte ihm der DDR-Geheimdienst angehängt, er wolle in den Westen flüchten. Was er aber gar nicht vorhatte. Lötzsch wurde von insgesamt 50 Stasi-IMs, darunter auch sein damals bester Freund, sowie von zahlreichen Stasi-Offizieren überwacht. Lötzsch sagt: „Dass die Überwachung so extrem war, hat man damals überhaupt nicht geahnt. Das habe ich wirklich erst in meiner 2?000 Seiten dicken Stasiakte gelesen, wie wichtig ich war und was ich dem Staat gekostet habe. Das erfüllt mich im Nachhinein mit einem gewissen Stolz, dass diese Leute doch eine große Angst vor mir hatten.“ 1976 kam er sogar für zehn Monate in den berüchtigten Stasi-Knast Kaßberg in Karl-Marx-Stadt wegen angeblicher Staatsverleumdung.

Bemerkenswert im Zusammenhang mit dem Einzug von Lötzsch in die Hall of Fame ist auch, dass der im vergangenen Jahr nominierte mehrfache DDR-Rad-Weltmeister und Friedensfahrtsieger Gustav-Adolf Schur, von der Sporthilfe-Jury abgelehnt wurde. DDR-Doping-Opfer hatten heftig gegen die Aufnahme von Schur protestiert, weil er das in Teilen menschenverachtende und kriminelle einstige Sportsystem bis heute verharmlose. Lötzsch empfindet Genugtuung, dass er jetzt in der Hall of Fame Einlass findet: „Das ist noch mal eine späte Anerkennung und Auszeichnung für das, was ich getan habe. Ich habe zwar nicht die Sporterfolge errungen, die dazu notwendig sind. Aber man hat eingesehen, dass ich das, wenn ich dementsprechend gefördert worden wäre, auch geschafft hätte.“

Der Thüringer Skilanglauftrainer Henner Misersky (71) und seine Tochter Antje Misersky-Harvey (45) freuen sich ebenfalls über die Aufnahme. „Ich bin froh, dass es zumindest bei der Sporthilfe zukünftig nicht nur nach dem Motto ‚Höher, schneller, weiter’ geht. Wir fühlen uns als Stellvertreter für die, die all die Jahre in Ost und West für einen sauberen und fairen Sport eingetreten sind“, erklärt Henner Misersky. 1985 weigerte er sich als Trainer, im Sportclub Zella-Mehlis ein Dopingprogramm umzusetzen. Daraufhin wurde er vom stellvertretenden Sportchef der DDR, Thomas Köhler, entlassen. Seine damals 17-jährige Tochter Antje, WM-Dritte mit der Staffel, wehrte sich ebenso gegen die gefährlichen Hormonpillen und stieg zwangsweise für vier Jahre aus dem Leistungssport aus.

Henner Misersky war es auch, der schon sehr früh nach dem Mauerfall die Übernahme belasteter Funktionäre und Trainer des DDR-Sportsystems kritisierte, die mit offenen Armen von den West-Sportverbänden eingestellt worden waren. Unvergessen bleibt der Auftritt von ihm und seiner zugeschalteten Tochter Antje im ARD-TV-Studio im Februar 1992, nach deren Olympiasieg im Biathlon über 15 Kilometer. Beide wiesen auf die vom Deutschen Skiverband übernommenen DDR-Kader, darunter Ulrich Wehling hin.

Misersky erhob immer wieder seine Stimme. Die immer noch „hohe Zahl doping- und stasibelasteter DDR-Kader im Spitzensport“ stören ihn ebenso wie das „noch immer fehlende Antidoping-Gesetz in Deutschland“. Von Henry Maske, dem Empfänger der „Goldenen Sportpyramide“ der Sporthilfe, sind solche Äußerungen nicht überliefert. Anfang 2009 setzte sich der ehemalige Profi-Boxer für die Weiterbeschäftigung von DDR-Dopingtrainern ein.

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