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Gerhard Mayer-Vorfelder Der Mann, den sie „MV“ nannten

Zum Tod von Gerhard Mayer-Vorfelder: Der ehemalige DFB-Präsident und Politiker starb am Montag im Alter von 82 Jahren. Einer seiner Lieblingssprüche: „Mich blasen sie nicht um“.

18.08.2015 16:43
Jan Christian Müller
Gerhard Mayer-Vorfelder: 2004 in Portugal ... Foto: dpa

Immer dann, wenn Gegenwind kam, und das passierte regelmäßig, hat Gerhard Mayer-Vorfelder besondere Kraft entwickelt. Als Politiker in der baden-württembergischen Landesregierung war das über zwei Jahrzehnte so, als Präsident des VfB Stuttgart über ein volles Vierteljahrhundert, und als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, der er nur drei Jahre in Alleinherrschaft und zwei Jahre gemeinsam mit Nachfolger Theo Zwanziger sein durfte, erst recht. Wenn es ungemütlich wurde, ist der Mann, den sie „MV“ nannten, niemals ins Wanken geraten. Und auch in jenen Situationen passierte das nur selten, wenn der ausgeprägte Genussmensch seine Zuneigung zum geliebten Weißwein ab und an ein wenig weit getrieben hatte.

„Mich blasen sie nicht um“ lautete einer seiner Leitsprüche. Dem strammen Konservativen, ehemaligen Fallschirmjäger und Hauptmann der Reserve, war Kriegsrhetorik nicht fremd: „Ich bin fast täglich im Schützengraben gestanden, um mich herum sind die Giftpfeile geschwirrt.“ Auch wenn sie ihn manchmal getroffen haben, sind sie stets an ihm abgeprallt.

Am Montag ist eine der schillerndsten, aber auch eine der umstrittensten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs im Alter von 82 Jahren an Herzversagen verschieden. Gerhard Mayer-Vorfelder starb in einer Stuttgarter Klinik. Für den DFB bekundete dessen Präsident Wolfgang Niersbach am Dienstagmorgen sein Beileid: „Mit Gerhard Mayer-Vorfelder geht eine prägende Figur des deutschen Fußballs“, ein „gradliniger, entschlossener und kompetenten Mensch“, der „immer die Bedürfnisse der Spieler im Blick“ gehabt habe.

Gerhard Mayer-Vorfelder hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich vor allem als Vertreter der Profis verstand. Die Amateurvertreter aus den Landesverbänden haben das auch als regieren nach Gutsherrenart empfunden, bis zum Sommer 2004 aber leise murrend hingenommen. Nach dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft schon in der Vorrunde bei der EM in Portugal, als „MV“ den mitgereisten Landeschefs zuvor den Zugang zum Poolbereich des Teamhotels verweigert hatte und sich nach dem Rücktritt von Rudi Völler ebenso einsam wie zunächst erfolglos aus der von der Mannschaft verlassenen Herberge an der Algarve um einen Nachfolger bemühte, probten sie dann den Aufstand.

Mayer-Vorfelder unterschätzte den Widerstand der Basis und das Machtstreben von Theo Zwanziger und entging seiner Abwahl vor seinem Lebenstraum, der Weltmeisterschaft im eigenen Land, nur, indem er sich von 2004 bis 2006 auf eine Doppelspitze einließ. Danach wurde er zum Ehrenpräsidenten ernannt, war bei Präsidiumssitzungen in Frankfurt weiterhin stets präsent und bei seinen geliebten Zigarettenpausen ein beliebter Ansprechpartner der vor der DFB-Zentrale ausharrenden Reporter. Auch bei den Mitarbeitern im Verband war der lebensfrohe gebürtige Mannheimer durchaus beliebt. Herrische Anwandlungen, ein Charakterzug sowohl seines Vorgängers, des inzwischen 90-jährigen Egidius Braun, als auch seines Nachfolgers Zwanziger, waren dem zur Unpünktlichkeit neigenden Patriarchen fremd. Seine schwere Hörschwäche machte es ihm zum Ende seiner Präsidentschaft zunehmend schwerer, in größeren Räumen den Sitzungen folgen zu können.

Bundestrainer Joachim Löw meldete sich am Dienstag angesichts des Todes seines ehemaligen Vorgesetzten beim VfB Stuttgart und im DFB zu Wort und teilte unter anderem mit, er sei Mayer-Vorfelder „für vieles sehr dankbar“. Löw hatte es in Stuttgart als junger Trainer wahrlich nicht leicht mit dem Klubchef, der am partnerschaftlichen Führungsstil des „netten Herrn Löw“ trotz Erfolgen wie Pokalsieg, Erreichen des Europapokalfinales und Platz vier in der Bundesliga immer wieder herumkrittelte und den Trainer schließlich durch Winfried Schäfer ersetzte. Eine schwerwiegende Fehlentscheidung.

Mayer-Vorfelder war es gewohnt, als Reizfigur wahrgenommen zu werden. In seine Amtszeit als DFB-Präsident fiel die damals gängige Missfallenkundgebung „Fußballmafia DFB“ in deutschen Stadien; Aussagen wie „Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in der Anfangsformation stehen, kann irgendetwas nicht stimmen“, erregten erheblichen Widerspruch in kritischen Fankreisen an. Rhetorikprofessor Walter Jens formulierte seinerzeit in der Frankfurter Rundschau: „Mayer-Vorfelder ist ein rabiater und zu keiner Selbstkritik fähiger Erzkonservativer.“

Mayer-Vorfelder focht das nicht an. Grundsätzlich lautete seine Maxime: „Ich glaube nicht, dass Wegducken und Leisetreterei Politik und Demokratie befördern. Vielmehr heißt es, aufrecht zu bleiben, zu seiner Auffassung zu stehen, Mut und Flagge zu zeigen.“ Er sei „ein Stück stolz darauf, dass ich mich in all den Jahren nicht habe verbiegen lassen“. Er sei „immer der geblieben, der ich war – mit allen guten und weniger guten Seiten“.

Theo Zwanziger, dessen Mitregentschaft im DFB Mayer-Vorfelder zwei Jahre lang wohl oder übel akzeptieren musste, mit dem Widersacher aber schließlich ein zumindest respektvolles Miteinander entwickelte, lobte gestern in der „Rheinischen Post“ das Lebenswerk des Verstorbenen: „Seine größte Leistung war gewiss die totale Veränderung der Nachwuchsförderung ab 2002 in Deutschland. Der Ausbau der Leistungszentren ist sein Verdienst – und damit ist er für mich der eigentliche Vater des WM-Erfolgs 2014. Ohne diese Maßnahmen hätten wir Spieler wie Mesut Özil, Mario Götze und Mats Hummels überhaupt nicht gefunden.“ Mayer-Vorfelders erfolgreiche Reformbestrebungen für den Jugendfußball sind auch deshalb bemerkenswert, weil er als baden-württembergischer Kultusminister einst Schüler von der Abiturprüfung auszuschließen gedachte, wenn sie Turnschuhe trugen.

In seinen letzten Lebensjahren hat sich  „MV“ aus der Öffentlichkeit mehr und mehr zurückgezogen und bei seltenen Gelegenheiten, wie zuletzt der Präsentation des WM-Films „Die Mannschaft“ im vergangenem November und dem 90. Geburtstag von Egidius Braun im Februar, fast ausschließlich an der Seite seiner Frau Margit gezeigt. Bei der Europameisterschaft 2012 sah man ihn vor einem Spiel der deutschen Mannschaft zum Ausruhen bei 30 Grad im Anzug einsam auf einer Bank im ukrainischen Lemberg sitzen, derweil die Gattin shoppen war, er freute sich, als Fans ihn erkannten und zum gemeinsamen Foto baten. Im Württembergischen Fußballverband (WFV) hatte er bis zuletzt sein stets rauchgeschwängertes Büro. Dort trauern sie um einen „streitbaren und umtriebigen Multifunktionär und ausgesprochen sympathischen Freund“.

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