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Futsal Futsal auf dem Vormarsch

Der DFB hofft mit der Gründung der Nationalmannschaft auf einen Boom der Hallensportart in Deutschland.

10.02.2016 13:13
Timur Tinç
UEFA Futsal EURO 2016
Der Ball ist kleiner und schwerer als beim Fußball. Um das Spielgerät und den Einzug ins EM-Halbfinale kämpfen hier der Spanier Pola (li.) und der Portugiese Cardinal (re.). Foto: dpa

Die K.O.-Phase der Futsal-Europameisterschaft in Serbien ist im vollem Gange. Am heutigen Donnerstag steigen die Halbfinals in der vom Fußball-Weltverband Fifa anerkannten Variante des Hallenfußballs. Beim Fünf gegen Fünf auf drei Meter große Handballtore mit einem etwas kleineren Ball (62 bis 64 Zentimeter Durchmesser) als dem Fußball, geht es um Ballkontrolle und schnelle Kombinationen.

Während Spanien, Kasachstan, Russland und Serbien bei der bereits zehnten EM um den Titel kämpfen, hat Paul Schomann von Montag bis Mittwoch den allerersten DFB-Sichtungslehrgang als Futsal-Nationaltrainer geleitet. 24 Hallenkicker aus ganz Deutschland waren in der Sportschule Kaiserau im westfälischen Kamen dabei, nächste Woche versammeln sich weitere 30 Futsaler in Grünberg. „Wir werden 22 bis 24 Spieler herausfiltern und im März die erste Auswahlschulung durchführen“, sagt Schomann. Unterstützt wird er dabei von einem kroatischen Trainer, der auch Instrukteur beim europäischen Fußballverband Uefa ist. „Futsal ist auf dem Vormarsch“, sagt der 64-Jährige, der seit 2001 zum Trainerstab des Deutsche Fußball-Bundes (DFB) gehört.

Anfang Dezember hatte der DFB nach vielen – und immer noch vorhandenen Vorbehalten in den eigenen Reihen – beschlossen, eine Nationalmannschaft zu gründen. Ende Oktober/Anfang November sollen die ersten offiziellen Länderspiele folgen. Im Januar 2017 steht die Vorqualifikation für die EM 2018 in Slowenien an.

Rainer Milkoreit ist überzeugt, dass die Nationalmannschaft dem Futsal in Deutschland neue Impulse verleihen wird. „Wir müssen Futsal schnell voranbringen, um in Europa mitzuhalten“, sagt der für den Breitenfußball zuständige DFB-Vizepräsident. Dafür hat der Verband den Etat von rund 150 000 Euro auf eine halbe Millionen Euro aufgestockt. In Süd- und Osteuropa, Südamerika und weiten Teilen Asiens gehört Futsal zur Fußballkultur, während in Deutschland lange Jahre mit einem normalen Fußball, großen Toren und Bande in der Halle gespielt wurde.

„Hallenfußball muss in drei Jahren gleich Futsal sein“, fordert Paul Schomann. Es werden immer noch einige Ausnahmen gemacht, obwohl der DFB vor einiger Zeit die Landesverbände verpflichtet hat, Hallenfußball nach Futsal-Regeln spielen zu lassen. „Wenn ein Spieler extrem von dem abweicht, wie er draußen trainiert, dann stagniert er in seiner Entwicklung“, erklärt Schomann. Vor allem, weil der Fußball auf dem Hallenboden unnatürlich wegspringt. Das passiert mit dem Futsal-Ball, der weniger Druck hat, nicht. Bei der Eliteförderung den deutschen Jugendnationalmannschaften soll Futsal im Winter als zusätzliche Unterstützung im technischen Bereich dienen, wie das in Spanien, Brasilien und vielen anderen Ländern schon gemacht wird. „Wir sind dabei, dass in die Stützpunkte weiterzugeben“, sagt Schomann, dessen Vertrag als Nationaltrainer im November endet. Danach soll ihn ein erfahrener Trainer aus dem Ausland ablösen, sagt Milkoreit. Zusammen mit DFB-Sportdirektor Hansi Flick werde bereits gesucht, schließlich wolle man rasch mit der professionellen Trainerausbildung starten.

Rund 100 Futsal in Deutschland

Wie groß die Unterschiede auf internationaler Bühne sind, weiß Onur Ulusoy aus eigener Erfahrung. Der 29-Jährige hat 2011 den Verein Hamburg Panthers gegründet und ist Spielertrainer des dreifachen und aktuellen Deutschen Meisters. Im Uefa-Cup sind der Truppe aus Norddeutschland in der Hauptrunde die Grenzen aufgezeigt worden. Null Punkte und 2:27 Tore lautete das bittere Ergebnis nach drei Partien, unter anderem ein 0:9 gegen den italienischen Klub Pescara, der um den Titel in dieser Saison spielen wird. „Die haben alleine für ihre Spieler einen Etat von einer Millionen Euro“, erzählt Ulusoy. „Wir haben noch Alltagssorgen und Berufe.“ Bis auf ein paar Euro gibt es bei den Hamburg Panthers nichts.

Trotz der nationalen Erfolge musste der Klub lange „um zwei Hallenzeiten in der Woche kämpfen“, berichtet Ulusoy. Ein Problem, dass auch andere Klubs haben. „Wir müssen in einigen Jahren dahin kommen, dass Futsalspieler vier bis sechsmal die Woche trainieren und spielen“, sagt Schomann. Der DFB müsse auf den Deutschen Städtetag auf die Wichtigkeit des Hallenfußballs hinweisen, um mehr Trainingsmöglichkeiten zu bekommen. Aber auch die Vereine müssten sich intensiv darum bemühen. Eine Herkulesaufgabe.

Genauso wie die Schaffung von Ligastrukturen. Es gibt lediglich vier Regionalligen, ansonsten wird nur auf Landesebene gespielt. „Das Ziel muss es sein, dass ein regelmäßiger und saisonaler Spielbetrieb in ganz Deutschland initiiert wird“, sagt Schomann. Im Idealfall eine Bundesliga. Es gibt rund 100 Futsal-Teams, mittlerweile haben auch einige Bundesligisten wie der Hamburger SV, Hannover 96, Darmstadt 98 und Hertha BSC eine eigene Mannschaft. „Die Teams werden aber nur geduldet“, sagt Jörg Meinhardt, der als Co-Kommentator die Futsal-EM bei Eurosport begleitet. Der Sportchef des Schweizer Klubs Maniacs Wettingen ist überzeugt: Wenn ein Profiklub Geld in den Futsal investieren würde, „könnte er schnell auch international erfolgreich sein“. Bei der Nationalmannschaft werde das länger dauern.

Dass es nun bald ein Auswahlteam gibt, sieht Onur Ulusoy als „gutes Zeichen in die richtige Richtung.“ Dies sei ein Anreiz für viele Fußballer, die den Sprung in den Profibereich nicht schaffen, zum Futsal zu wechseln. Ulusoy selbst hat schon viele Rasenkicker zu Hallenspezialisten „umgeformt.“ Es dauere zwischen sechs und zwölf Monaten bis ein Spieler die balltechnischen, individualtaktischen Feinheiten sowie das Stellungsspiel auf dem kleineren Feld beherrsche. „Beim Futsal gibt es kein langweiliges Mittelfeldgeplänkel. Es gibt permanent Strafraumszenen, es geht hin und her“, erklärt Ulusoy,

Das hat Rainer Milkoreit am Wochenende bei der EM in Belgrad mit DFB-Interimspräsident Rainer Koch und 14 weiteren Vertretern der Landesverbände hautnah miterlebt. „Das war eine tolle Stimmung und Werbung für den Futsal“, sagt Milkoreit. Er und die deutsche Futsal-Szene hofft nun darauf, dass in naher Zukunft auch mal ein DFB-Team in die K.O.-Runde einer EM einzieht. Das wird aber noch ein weiter Weg.

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