Lade Inhalte...

Fußballgeschichte Verschollen, erschossen, erfroren

Der Finanzberater Peter Plum führt ein bemerkenswertes Archiv über verstorbene Profis der Fußball-Bundesliga. Sein Markenzeichen: Plum trägt keinen Toten nur auf Verdacht in seine Sammlung ein. Von Roland Leroi

30.12.2009 18:12
Roland Leroi
In memoriam Robert Enke Foto: ddp

Irgendwann ist der Fußballer Peter Lechermann einfach von der Bildfläche verschwunden. "Ich habe gehört, dass er noch einen Coffeeshop in Holland betrieben haben soll, aber dann verliert sich die Spur", erzählt Peter Plum, dem diese Lücke zu schaffen macht. Lechermann, der zwischen 1969 und 1971 für den MSV Duisburg aktiv war und anschließend für die San Diego Sockers in der nordamerikanischen Soccer League spielte, ist in der deutschen Fußballgeschichte zwar nur eine Randnotiz. Doch Plum hält nahezu lückenlos parat, was aus den ehemaligen Profis, die seit 1963 in der Bundesliga spielten, geworden ist und hat im niederrheinischen Straelen ein Archiv über alle verstorbenen Bundesligafußballer angelegt.

Es ist eine bemerkenswerte Sammlung, die der 55 Jahre alte Finanzberater zusammengestellt hat. Denn Plum trägt keinen Toten auf Verdacht in sein Archiv ein. Er bemüht sich, an Belege, wie Sterbeanzeigen, Zeitungsartikel, Totenbilder oder persönliche Mitteilungen der Angehörigen zu kommen. "Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass mein Mann am 14. 6. 1992 an einem Herzinfarkt auf dem Sportplatz verstorben ist", steht in einem Brief der Ehefrau des 1963/64 für den 1. FC Saarbrücken aktiven Dieter Haßdenteufel, der 50 Jahre alt wurde.

Dass Herbert Lütkebohmert (45 Jahre/Schalke) an Krebs und Manfred Mannebach (44/St. Pauli) an Herzversagen verstarben, kann in Plums dicken Aktenordnern nachgelesen werden. Ebenso Geschichten über das Ableben von Weltmeister Helmut Rahn (74/Duisburg) oder Werner Greth (Saarbrücken), der im Alter von 31 Jahren 1982 in den Stickstoff-Bottich eines Chemiewerks stürzte und bei Minustemperaturen von 170 Grad erfror.

Heute jährt sich zum 15. Mal der Todestag von Bruno Pezzey. An Silvester 1994 traf sich der ehemalige österreichische Nationalspieler mit Freunden in Innsbruck zum Eishockeyspielen. Nach zwei Stunden Spaß mit Schläger und Puck klagte der ehemalige Frankfurter und Bremer Bundesligaprofi plötzlich über Müdigkeit und Unwohlsein - und brach an der Bande tot zusammen.

Frei zugänglich ist ein Archiv wie das von Peter Plum sonst nicht, auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) führt keine Nachweise über das Ableben seiner ehemaligen Spieler - im Gegensatz zu Plum, der alle Toten alphabetisch von Toni Allemann (72/ Nürnberg) bis Dieter Zorc (69/ Bochum) aufgelistet hat. Neulich musste er Christoph Budde (46/ Mönchengladbach) als den 212. Verstorbenen eintragen. "Alles ist minutiös recherchiert, es gibt nur rund 20 Spieler, deren Spur verloren ging", sagt Plum. Rund 5000 Fußballer kamen seit 1963 in der Bundesliga zum Einsatz.

Um an die Informationen zu gelangen, hat Plum ein Netzwerk aufgebaut. In allen Vereinen kennt er Archivare, die ihn bei Todesfällen sofort benachrichtigen. Hinzu kommt der Austausch mit einem halben Dutzend Autogrammsammlern, die wie Plum regelmäßigen Kontakt zu den Ex-Profis pflegen. Plum nennt sich einen "exzessiven Autogrammsammler", der auf Börsen und im Internet ständig alte Fußballbilder kauft, um diese dann mit dem Wunsch um ein Autogramm an die Ex-Profis zu schicken. Mehr als 2000.00 Autogramme bewahrt er in seinem Keller auf, den er wie eine Schatzkammer hütet. Rund zwei Stunden täglich investiert er in sein Hobby, recherchiert Adressen, schreibt Briefe und führt Telefonate.

Raoul Tagliari zum Beispiel, 1964 der erste Brasilianer des MSV Duisburg, hat er nur mit Hilfe von Dietmar Sukop von der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer ausfindig machen können. Sukop fuhr mit dem Taxi nach Porto Alegre, um in Tagliaris Zahnarzt-Praxis die gewünschten Autogramme zu besorgen. Der allererste Bundesliga-Brasilianer ist gestorben. Zeze, der 1964 für den 1. FC Köln auflief, starb 2006.

Manche Schicksale bewegen Plum. Um möglichst viel zu erfahren über das Ableben des Gladbacher Fußballers Vladimir Durkovic, der 1972 mit 33 Jahren von einem offenbar betrunkenen Polizisten in Sion erschossen wurde, reiste Plum zur Recherche in die Schweiz. Auch der Mord an Heinz Bonn beschäftige ihn. Der ehemalige Profi des Hamburger SV wurde 1991 mit mehreren Messerstichen aufgefunden. Guido Erhard (32/1860 München) warf sich wie Robert Enke (32/Hannover) vor einen Zug.

Plum will die verstorbenen Bundesligaprofis vor dem Vergessen bewahren - und auch seine Autogrammsammlung ausbauen. "Das ist eine echte Herausforderung", sagt er. Vielleicht taucht ja auch irgendwann der verschollene Peter Lechermann wieder auf.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen