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WM-Bollwerk Frankreich Brachial ins Finale

Warum der Entwicklungsprozess von Kopfballspezialist Samuel Umtiti perfekt in die französische Geschichte passt.

Samuel Umtiti
Kraftpaket aus Barcelona: Samuel Umtiti nach seinem Siegtreffer gegen Belgien. Foto: dpa

Didier Deschamps saß bereits, als Samuel Umtiti, erschienen in dunkelblauer Sporthose, erst noch den Stuhl zurechtrückte. Kaum hatte sich Frankreichs Torschütze beim 1:0-Sieg gegen Belgien am Podium platziert, hielt ihm der Nationaltrainer vor der Pressekonferenz die ausgestreckte Hand aufs Kraushaar. Bloß nicht abheben? Mitnichten. Der General führte mit der Geste nur auf die Fährte, dass ein 1,82 Meter kleiner Abwehrspieler seinen 1,94 Meter großen Gegenspieler, im speziellen Fall Belgiens Mittelfeldrecken Marouane Fellaini, im entscheidenden Luftduell eines WM-Halbfinals locker überragte.

Der Schlüsselmoment stammte aus der 51. Minute, in der es aussah, als habe der eine Sprungfedern und der andere Bleischuhe an den Füßen. Den Deschamps-Handstreich nahm das Auditorium auf der Krestowski-Insel von St. Petersburg gerne auf. Was also war da los? „Bei diesem Tor war viel Wille dabei“, antwortete der „Man of the match“, nachdem er sich zwei, dreimal kräftig durchs ganze Gesicht gestrichen hatte, weil es der Kraftprotz selbst noch nicht fassen konnte. „Mich macht dieses Tor sehr stolz. Wir haben noch nicht allzu viel realisiert, aber wir wissen schon, dass wir Großes geleistet haben. Jetzt gibt es noch ein Spiel, damit wir etwas ganz, ganz Großes schaffen.“ Sonntag im Finale in Moskau.

Bereits im Viertelfinale hatte ein Abwehrspieler den Bleus den Weg bereitet. Umtitis Nebenmann Raphael Varane gab gegen Uruguay (2:0) den Befreier, wobei die französische Fußball-Geschichte kennt, dass Torverhinderer bei einer WM auf einmal zu Torjäger mutieren. 1998 kam der Gastgeber Frankreich ja auch nur ins Endspiel, weil sein damaliger Rechtsverteidiger Lilian Thuram sich beim 2:1 gegen Kroatien zum gefeierten Doppeltorschützen aufschwang. Umtiti ging auf die Parallelen eher unwillig ein: „Sie haben 1998 ihre Arbeit gemacht, wir machen unsere. Jetzt wollen wir unsere Geschichte schreiben und den Goldpokal nach Hause bringen.“

Dass sein drittes Länderspieltor im 24. Einsatz sein mit Abstand wichtigstes war, stand in dem sündhaften teuren Stadiontempel an der Newa-Mündung außer Frage. Perfektes Timing paarte sich mit purer Entschlossenheit, weil sich jede Faser von Umtitis muskulösem Körper spannte. Gut, der Ball kam nach einer Ecke von Antoine Griezmann, sich vom Tor weg bewegend, perfekt geflogen, ihn aber derart brachial in Bedrängnis gegen einen so viel größeren Kontrahenten über die Linie zu wuchten, erfordert eine besondere Gabe.

Im Ablauf erinnerte vieles an das WM-Halbfinale 2010 zwischen Spanien und Deutschland (1:0), als der sogar nur 1,78 Meter vom Scheitel bis zur Sohle messende Carles Puyol den Ball nach einer Ecke in die Maschen rammte. Damals war Spanien mit seinem Tiki-Taka nicht durchgekommen, so dass ausnahmsweise das Stilmittel Ecke-Kopfball-Tor für die spätere weltmeisterliche Krönung erlaubt war. Frankreich ahmte die Methode acht Jahre später nach, weil Topsprinter Kylian Mbappé keinen Raum und Techniker Griezmann keine Lücke vorfand.

Puyol war damals ein Anführer vom FC Barcelona und beendete seine Karriere 2014. Bei den Katalanen steht Umtiti seit 2016 unter Vertrag, kürzlich hat der Klub das Arbeitspapier bis 2023 verlängert. Lange war der in Kameruns Hauptstadt Yaoundé geborene Fußballer seinem Heimatverein Olympique Lyon treu geblieben, der seine Entwicklung zum Profi stets mit gewisser Fürsorge begleitete. Einem der hoffnungsvollsten Verteidigertalente, das an guten Tagen dank seiner Schnelligkeit und seinem Stellungsspiel fast ohne Grätschen und erst recht ohne Fouls auskommt, haftete ja der Makel an, sich bisweilen kaum erklärliche Aussetzer zu leisten. Als wollte die Nummer fünf der Équipe Tricolore, seit der EM 2016 mit einem Stammplatz ausgestattet, solche Vorbehalte belegen, leistete sich Umtiti gleich bei seinem WM-Debüt einen solchen Blackout.

„Big Sam“ war zum Auftakt gegen Australien (2:1) ziellos durch die Luft gesegelt, den Arm in der Höhe wie ein Volleyballer. Für das Handspiel gab es eine Gelbe Karte und für den Gegner einen Elfmeter. Als wäre das nicht genug, postete er hernach über die sozialen Netzwerke noch ein Bild, auf dem er in der Szene einen Basketballer nachstellte. Doppelt töricht. Umtitis Umgang mit einem Fehler diente vielen Landsleuten wieder als Beleg für die Unreife ihrer abgehobenen Jungstars. Urteil: Nicht titeltauglich.

Doch was in der Tatarenstadt Kasan noch so flatterhaft aussah, mutete dreieinhalb Wochen später in der Zarenstadt St. Petersburg hochseriös an. „Meine Spieler haben einen Entwicklungsprozess durchlaufen“, sagte Deschamps in der Nacht zu Mittwoch noch. Der 49-Jährige hätte wohl wieder seine Hand auf den Kopf von Umtiti gelegt, wenn dieser dort noch gesessen hätte. Aber nachdem ihm der Trainer persönlich geholfen hatte, um ohne Übersetzung die letzte auf Russisch gestellte Frage zu beantworten, durfte der Matchwinner – begleitet von einem Klaps auf die Schulter – gehen. Motto: ab unter die Dusche. Kannst gerne im Luschniki-Stadion aus demselben Anlass wiederkommen.

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