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WM-Bilanz Nationalmannschaften fehlt die Zeit für Automatismen

Keine Mannschaft hat die Weltmeisterschaft in Russland mit einer besonderen Spielidee prägen können.

Neymar
Nachdenklich: Für Neymar und die brasilianische Mannschaft war bereits im Viertelfinale Schluss. Foto: rtr

Eine Szene aus einem Hotelkomplex von St. Petersburg vor wenigen Tagen: Ein Anhänger der Seleção sitzt an der Theke, ordert ein Bier und redet kein Wort. Manche brauchen halt ein bisschen, um eine Fußball-Enttäuschung zu verarbeiten. Abertausende Brasilianer haben den Schlussakkord der WM 2018 vor Ort noch erlebt, aber statt empathisch den Rekordweltmeister anzufeuern, haben sie apathisch die Kür des neuen Weltmeisters verfolgt. Ist etwa der brasilianische Lebensstil angesagt, der brasilianische Fußballstil aber aus der Zeit gefallen? Mitnichten. 

Lange galt der sehr geordnete Auftritt der Südamerikaner – nur ein Gegentor bis zum Achtelfinale – als titelverdächtig. Ihre Schwäche war letztlich die fehlende Effektivität. In fünf Spielen verzeichnete Brasilien 103 Torschüsse - mehr als die Halbfinalisten Kroatien (100), Belgien (94), England (81) oder Frankreich (75) nach sechs Partien. Auch die 292 Angriffsversuche sind einsame Spitze. Nationaltrainer Tite führte auf die Fährte, was gefehlt haben könnte: „Wir müssen spielen wie eine Vereinsmannschaft. Das Wichtigste ist die Balance.“ 

DFB-Team mit unterirdischer Quote

Die kippte in einer einzigen Halbzeit im Halbfinale gegen Belgien (1:2), der vielleicht hochwertigsten Paarung des Turniers. Danach waren die Europäer zum fünften Male nach 2006, 1982, 1966 und 1934 im Halbfinale unter sich. Allerdings nicht die erwarteten Großmächte. Nachdem sich Italien und Niederlande gar nicht erst qualifiziert hatten, führten die im Achtelfinale entzauberten Spanier und die in der Vorrunde düpierten Deutschen vor, dass Ballbesitz heutzutage fast gar nicht mehr zählt. 

Bei keinem WM-Teilnehmer standen Aufwand und Ertrag in einem derart krassen Missverhältnis wie bei der deutschen Nationalmannschaft: Von 72 Torschüssen fanden nur zwei den Weg ins Ziel. Eine unterirdische Quote. Dass der Technischen Studiengruppe der Fifa nichts anderes als „Pech“ als Ursache einfiel, wirkte ein bisschen arg dünn. Es war offensichtlich, dass das Team nicht mit der nötigen Spannkraft ausgestattet war und durch die Vorrunde schlurfte wie ein Tourist zum Kasaner Kreml. 

Und auch das muss Löw in seine Analyse einfließen lassen: Das Turnier brachte für den Weltfußball kaum Fortschritte. Die letzte Revolution hatte vor acht Jahren die Tiki-Taka-Methode der Spanier ausgelöst, die Deutschland dann 2014 in eine neue Stufe überführte - mit weniger Selbstzweck und weniger Selbstverliebtheit. 2018 fehlt ein Team, das durch eine bahnbrechende Spielkultur auffällt. Dafür fehlt Nationalmannschaften vor allem die Zeit, um Automatismen zu verfeinern. Diese Evolution gibt es wohl nur noch im Vereinsfußball. Die Plattform als Trendsetter ist längst die Champions League, in der sündhaft teure und eigens komponierte Kader brillieren.

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