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WM-Aus Löw bittet um Bedenkzeit

Kim und Son besiegeln die historische WM-Pleite für die deutsche Mannschaft. Der Bundestrainer will noch nicht entscheiden, ob er nach dem überraschenden Aus zurücktritt.

27.06.2018 18:45
WM 2018 - Südkorea - Deutschland
Südkorea nach dem 2:0. Foto: dpa

Aus und vorbei! Nach dem historischen WM-K.o. entschuldigte sich der „brutal frustrierte“ Joachim Löw bei den deutschen Fußball-Fans und schloss einen Rücktritt als Bundestrainer nicht aus. „Es ist zu früh für mich, die Frage zu beantworten, jetzt brauchen wir ein paar Stunden, um klarzusehen“, bat der entthronte Weltmeister-Coach um Bedenkzeit. „Es ist für uns eine riesige Enttäuschung, wie müssen schauen, dass wir das jetzt annehmen“, sagte Löw nach dem beschämenden 0:2 (0:0) gegen Südkorea.

Orientierungslos irrte Löw nach dem Abpfiff über den Rasen der Arena in Kasan, offensichtlich konnte er den K.o. nicht fassen. „Gratulation an die Gegner, die uns besiegt haben, wir haben es auch nicht verdient, weiterzukommen“, sagte Löw. Der Schlafwagen-Fußball gegen limitierte Südkoreaner wurde mit dem historische Vorrunden-Aus bei einem WM-Turnier bestraft.

Youngg-won Kim (90.+2) und Hyeung-Min Son (90.+6) besiegelten die peinliche Niederlage mit ihren Treffern in der Nachspielzeit. Weil Schweden parallel gegen Mexiko mit 3:0 gewann, hätte nicht einmal eine Nullnummer gereicht. Das behäbig agierende Löw-Team fiel mit drei Punkten sogar noch hinter die Südkoreaner auf den letzten Platz der Gruppe F zurück. Schweden und Mexiko (je 6) sind im Achtelfinale.

„Ganz schwierig in Worte zu fassen. Wir haben bis zum Schluss dran geglaubt. Wir haben den Ball nicht ins Tor gebracht. Wir hatten genug Gelegenheiten. Das hat uns heute das Genick gebrochen“, klagte Mats Hummels und zog ein knallhartes WM-Fazit: „Das letzte überzeugende Spiel war im Herbst 2017. Das ist ein ganz, ganz bitterer Abend.“

Vier Jahre nach dem Triumph von Rio ist nach nur zehn Turnier-Tagen das Unternehmen Titelverteidigung mit dem Tiefpunkt deutscher WM-Geschichte beendet. Schon am Donnerstag geht es zurück nach Deutschland, wo ab sofort heftige Debatten auch um die Zukunft von Weltmeistercoach Löw entbrennen dürften, trotz der gerade erfolgten Vertragsverlängerung bis 2022.

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff rechnet nicht mit einem Rücktritt von Löw. „Es ist nicht der Zeitpunkt, Einzelanalysen zu machen. Ich gehe fest davon aus, dass Jogi weitermacht“, sagte er. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel wollte nicht über gravierende Personal-Konsequenzen sprechen. Löw ist seit 2006 Bundestrainer und hatte seinen Vertrag kurz vor der WM bis 2022 verlängert.

Wie 1958, 1978 und 1994 konnte Deutschland seinen WM-Titel nicht verteidigen. Die DFB-Elf ereilte zudem das gleiche Schicksal wie Italien 2010 und Spanien 2014, die ebenfalls als Champion nach drei Spielen raus waren.

Nach dem so wichtigen Last-Minute-Coup gegen Schweden setzte Löw seine WM-Rotation konsequent fort. Fünf Wechsel nahm er vor. Diesmal traf es zunächst auch Thomas Müller. Sein künftiger Münchner Kollege Leon Goretzka kam für den je fünfmaligen WM-Torschützen der Jahre 2010 und 2014 zu seiner Turnier-Premiere, hatte aber große Probleme, seine Rolle auf rechts zu finden. Auch Niklas Süle, der in der Innenverteidigung neben Rückkehrer Mats Hummels den gesperrten Jérôme Boateng vertrat, kam zu seinem ersten WM-Spiel. Die gegen Schweden aussortierten Mesut Özil und Sami Khedira durften im Mittelfeld wieder mitwirken. Löws Signal: Der Konkurrenzkampf wird hochgehalten. Aber: Der Effekt blieb aus.

„Wir hoffen auf eine gewisse Frische, Dynamik und Schnelligkeit“, begründete Teammanager Oliver Bierhoff noch kurz vor dem Anpfiff im ZDF die Personalauswahl des Bundestrainers. Das hatte auch schon Assistenztrainer Marcus Sorg als ganz wichtiges Kriterium genannt.

Löws Taktik-Beobachter auf der Tribüne konnte aber per Funk keine guten Nachrichten auf die Bank übermitteln. Gerade Frische, Dynamik und Schnelligkeit fehlten im deutschen Spiel - auch bei Khedira und Özil, die eher im phlegmatischen Mexiko-Modus agierten. Eine lange Abtastphase beider Teams brachte vor allem Zeitlupenfußball im Mittelfeld. Schwerfällig und behäbig war der Aufbau. Ungenaue Pässe und Flanken, zu wenig Bewegung: So kam das Offensivspiel nicht in Schwung.

Zum Abschluss kamen die Südkoreaner. Torwart Manuel Neuer hatte bei einem Freistoß von Woo-Young Jung (19.) große Fangprobleme, rettete dann aber selbst mit wuchtigem Einsatz vor Heung-Min Son. Der Stürmerstar von Tottenham Hotspur kam kurz darauf zu einem Volley-Schuss (25.).

Die Hitze in Kasan konnte nicht als Ausrede dienen. Das deutsche Spiel plätscherte langsamer dahin, als die Wolga am Stadion vorbeifloss. Neben der fehlenden Dynamik gab es auch ein taktisches Manko. Wenn der noch recht agile Timo Werner immer wieder auf die Flügel auswich, fehlte eine Anspielmöglichkeit im Angriffszentrum. WM-Rekordtorschütze und Löw-Assistent Miroslav Klose sah es auf der Tribüne neben Boateng mit Sorge. Als Werner (43.) dann endlich einmal zum Abschluss kam und den Pfosten traf, hätte ein Tor wegen eines Foulspiels von Jonas Hector ohnehin nicht gezählt. Zur Halbzeit gab es Pfiffe aus dem deutschen Fan-Block.

Die große Chance zur Führung bot sich Goretzka (47.). Sein Kopfball wurde von Südkoreas Schlussmann Hyeon-Woo Jo glänzend pariert. Kurz nach der Führung der Schweden gegen Mexiko in Jekaterinburg vergab Werner eine weitere Großchance. Nun wurde der Druck immer größer. Löw reagierte und brachte Stoßstürmer Gomez für den so enttäuschenden Khedira.

Auch Müller (63.) wurde vom entthronten Weltmeister-Coach noch gebracht. Das zweite schwedische Tor machte die Ausganglage leichter. Nun fehlte wieder nur ein Tor, um den K.o. abzuwenden. Gomez hatte bei einem Kopfball (68.) eine gute Chance, kurz darauf traf er den Ball vor dem Tor nicht richtig. Es fehlte die Körpersprache, das Aufbäumen. Das waren nur noch Verzweiflungsaktionen. Nur Mats Hummels rüttelte immer wieder auf und hatte per Kopfball die Chance zum Lucky Punch (87.). Ohne Erfolg. Kim und Son besiegelten die historische deutsche Fußball-Pleite. (Klaus Bergmann, Jens Mende, Christian Kunz und Arne Richter, dpa)

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