Lade Inhalte...

WM-Aus der Deutschen Manuel Neuer spricht gnadenlos Klartext

Die deutschen Spieler hadern nach dem desolaten Ausscheiden als Gruppenletzter mit sich selbst. Manuel Neuer urteilt: „Man hat nicht bemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen.“

Manuel Neuer
„Selbst, wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte doch jeder gerne gegen uns gespielt.“ Foto: dpa

Manuel Neuer trug einen Rucksack, als der Torwart als erster deutscher Spieler den langen Gang aus der Kabine in den Bereich im Bauch der Kasan-Arena kam, wo Reporter aus aller Welt warteten. Der Rucksack auf Neuers Rücken sah schwer aus, aber er war leichter als jener Rucksack, den der deutsche Kapitän aus dieser Weltmeisterschaft in sein künftiges Fußballerleben mitschleppen muss.

Die Presseleute schauten in zwei leere Augen, und sie taten das bald danach ebenso, als Thomas Müller und Mats Hummels sich den drängenden Fragen stellten, und natürlich noch keine Antworten haben konnten so unmittelbar nach dem tiefsten Tiefschlag,  den ein Fußball-Weltmeister erleiden kann: ausgeschieden nach dem 0:2 gegen Südkorea als Gruppenletzter. Mit nur zwei geschossenen Toren in drei Begegnungen, davon zwei Spiele gegen Hinterbänkler des Weltfußballs. Abgeschlagen hinter Schweden, Mexiko und den Asiaten, deren Jubel am Ende orgiastisch war. Aber dafür hatten die deutschen Spieler natürlich keine Blicke mehr, als sie den Innenraum des eindrucksvollen Stadions an der mächtigen Wolga verließen – die Köpfe vor Enttäuschung so tief eingezogen, dass sie kaum aus den Hälsen hervorlugten.

Sie hatten es als Weltmeister nicht besser gemacht als vor ihnen Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014. Keiner von ihnen hatte geglaubt, dass sie es diesen großen Mannschaften nachtun würden und als nun vierter der letzten fünf Weltmeister unrühmlich schon nach drei Gruppenspielen die Heimreise antreten müssten. Am Donnerstag um zwölf Uhr mittags startet die Sondermaschine nach Frankfurt. Geplant war ein Flug am 16. Juli nach Berlin, um sich dort auf der Fanmeile als Titelverteidiger feiern zu lassen. Die Party fällt nun aus.

 

Kein Spieler sparte mit Selbstkritik, manche Aussagen glichen fast einer Selbstkasteiung. Neuer sagte, sie seien nicht nur enttäuscht, „sondern auch sauer auf uns selbst“. Man müsse „ganz klar sagen, dass wir es einfach nicht verdient haben, denn in keinem der Spiele hat man gesehen, dass eine deutsche Mannschaft auf dem Platz war, vor der man Respekt hätte haben müssen“. Und der Kapitän wurde noch deutlicher: „Selbst, wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte doch jeder gerne gegen uns gespielt. So wenig Bereitschaft, wie wir hier bei der WM an den Tag gelegt haben, habe ich von uns allen noch nie gesehen. Man hat nicht bemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen, dazu waren wir zu lethargisch und zu langsam.“ Ein gnadenloseres Urteil über die eigene Mannschaft hat wohl selten ein Fußballprofi gefällt. Es war berechtigt und es zeugte von Realismus. Neuer selbst nahm sich da nicht aus: „Ich bin ein Gesicht derjenigen, die das zu verantworten haben.“ Einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft schloss der 32 Jahre alte Keeper aus. Gut so.

Neuer hatte in der Schlussphase beim Stand von 0:1 noch in der letzten Verzweiflung zu einem irrsinnigen Sturmlauf über die linke Angriffsseite angesetzt. Eine Aktion, die die ganze Kopflosigkeit der Mannschaft gegen die listigen Südkoreaner dokumentierte. Er habe, argumentierte Neuer, „es für sinnlos erachtet, hinten drin stehen zu bleiben, also bin ich nach vorn und wollte gerade eine Flanke reinbringen“. Dabei wurde ihm der Ball stibitzt und Stürmer Heung-min Son konnte zum 2:0-Endstand ins verwaiste deutsche Tor einschieben. Eine Demütigung des höchsten Grades.

Thomas Müller sah noch ein bisschen niedergeschlagener aus als der Torwart. Es waren bei dem Münchner, an dem diese WM irgendwie vorbeigerauscht war, sogar Tränen auf dem Platz geflossen zuvor, aber er stellte sich dennoch aufrecht den Medien. Sie seien, sagte der 28-Jährige „selbst alle fassungslos“. Relativ fassungslos war Müller dann auch, als er wenig einfühlsam gefragt wurde, ob er einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft in Betracht ziehe. Selbstverständlich tue er das nicht, entgegnetet der erst nach einer guten Stunde für Leon Goretzka eingewechselte Offensivmann ohne Offensivdrang. Man hätte ihn fast in den Arm nehmen mögen, so verletzlich sah der Ur-Bayer in diesem Moment aus. Aber es stand ja eine Barrikade zwischen dem Spieler und den Fragestellern. Also ging das nicht.

Müller verwies ausdrücklich darauf, dass sie es gemeinsam lediglich geschafft hätten, ein einziges Tor aus dem Spiel heraus zu erzielen- der Treffer des gegen Südkorea fast unsichtbaren Marco Reus gegen Schweden blieb ein einsamer – der Kunstschuss von Toni Kroos in der Nachspielzeit, der  im Überschwang schon als epochal  bezeichnet worden war, blieb eine Episode, von der bald niemand mehr spricht.

Mit Blick auf eine weitere Zusammenarbeit mit Joachim Löw unterstützten sowohl Müller als auch der gegen Südkorea beste deutsche Spieler Mats Hummels nach der „größten Enttäuschung meiner Laufbahn“ den Bundestrainer, dabeizubleiben. Sie seien von Löws Arbeit grundsätzlich überzeugt, könnten aber nachvollziehen, dass dieser seine Situation nun überdenken wolle. Neuer sagte, er werde sicher mit dem Bundestrainer sprechen und sich anhören, „was der Trainer möchte“. Es klang nicht unbedingt so, als glaube der Torwart an eine gemeinsame Zukunft. Manager Oliver Bierhoff äußerte indes, er gehe davon aus, dass Löw am 6. September beim Länderspiel der bedeutenden Nations League in München gegen Frankreich in der deutschen Coaching-Zone zugegen sei.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen