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WM 2018 „Hitler kaputt!“

Es herrscht Begeisterung: Immer mehr Russen nehmen das Wort „Weltmeister“ in den Mund.

Fans in Moskau
Fans feiern das russische WM-Märchen in Moskau. Foto: dpa

Russland freut sich. „Hitler kaputt!“, ruft ein junger Mann in weiß-rot-blauer Kriegsbemalung, als er hört, dass er es mit einem Deutschen zu tun hat. Aber danach redet er nur noch über Fußball. Er heißt Nikita und sitzt mit seinem Freund Oleg im Moskauer Café „Schokolodniza“. Sie trinken Wodka und Kirschsaft auf ihr Nationalteam.

Heute spielt Russland in Sotschi gegen Kroatien um den Einzug ins WM-Halbfinale. Zuvor hatte die Sbornaja sensationell den Favoriten Spanien aus dem Turnier geworfen. Russland ist in einen WM-Rausch geraten, Fußballbegeisterung und Hurrapatriotismus vermischen sich. Viele Fans aber zwicken sich noch immer skeptisch in den Arm, um zu prüfen, ob sie diese WM nicht träumen. 

Russland jubelt

„Jetzt können wir jeden schlagen, wir können Weltmeister werden“, jubelt Oleg. Aber Nikita grinst schräg. „Das ist alles getürkt, die Fifa hat im Voraus bestimmt, wie dieses Turnier ausgeht.“ „So ein Quatsch. Du glaubst doch nicht, dass die Spanier absichtlich verloren haben“, entgegnet Oleg.

Nach dem Erfolg über Spanien am Sonntag hatten Zehntausende jubelnde russische Fans das Zentrum Moskaus überschwemmt, hupende, russisch beflaggte Autos verstopften die Hauptstraßen bis zum Morgengrauen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach von „epischer Begeisterung“ und verglich den Jubel mit der „Chronik des Jahres 1945“, als die Sowjetunion den Krieg gegen Hitlerdeutschland gewann. 

Der Sieg gegen Spanien wiederhole die siegreiche Abwehrschlacht gegen die letzte deutsche Großoffensive im Kursker Bogen 1943, schwärmt der nationalpopulistische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski. Er sagt eine Finale Russland gegen Belgien vorher. „Wir haben dieser WM das Rückgrat gebrochen und marschieren jetzt auf Berlin. Berlin – das ist für uns Belgien.“ Und die Belgier dürften schon im Voraus weinen.

Die allrussischen Freudengesänge über den erste Einzug der Sbornaja in ein WM-Viertelfinale seit 1970 übertönten auch die landesweiten Proteste gegen die Erhöhung des Rentenalters. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrum betrachten 56 Prozent der Russen die WM als das eindrücklichste Ereignis im Juni, nur 31 Prozent sprachen von der Rentenreform. 
Selbst der Oppositionelle Alexei Nawalny, einer der Organisatoren der Proteste, twitterte nach dem Fußballsieg: „JAAAAAA! Wir müssen zu Demonstrationen mit der Forderung aufrufen, Akinfejew zum Helden Russlands zu erklären.“ Torwart Igor Akinfejew hatte zwei Strafstöße der Spanier abgewehrt, danach postete ein Internetnutzer: „Ich werde meinen Sohn Igor nennen. Und meine Tochter auch.“ Den hochgerissenen linken Fuß, mit dem Akinfejew den entscheidenden Schuss abwehrte, feierte der Kultrocker Sergei Schnurow in einem Gedicht als „Fuß Gottes“. Niemand weiß, welche Siege Russland bei dieser WM noch feiert und wie sie die Gesellschaft beeinflussen. Aber das Turnier hat das ganze Land in seinen Bann gezogen.

Dabei zweifeln viele Russen weiter an den Künsten ihrer Kicker. „Unsere können keinen Fußball spielen“, sagt der Taxifahrer Ruslan, „sie hatten bisher nur Riesenglück.“ Und Denis, Lagerverwalter und ZSKA-Moskau-Fan, schimpft: „Es gibt in Russland keinen Fußball. Nicht Leistung, sondern Schmiergeld zählt.“ Bekannte, erzählt er, hätten drei Wohnungen in Moskau verkauft, damit ihr Sohn im Profikader von Spartak Moskau spielen dürfe. Und viele Moskauer spekulieren jetzt eifrig, der Kreml habe seinen Einfluss bei der Fifa geltend gemacht, um der Sbornaja den Weg bei dieser WM zu ebnen. In der Nacht nach dem Sieg über Spanien hissten Fans im Stadtzentrum auch „Danke Putin!“-Flaggen.

Keine Bevorteilung für Russland

Dabei hat bisher kein Fifa-Schiedsrichter die russische Mannschaft bevorteilt. Aber die seuchenhafte Lustlosigkeit, mit der Favoriten wie Deutschland oder Spanien auftraten, hat dazu geführt, dass Russland nach Kroatien nur noch England oder Schweden schlagen müsste, um das Endspiel zu erreichen. „Zum ersten Mal seit 1966 haben wir die Möglichkeit, um einen der ersten Plätze zu kämpfen“, schreibt das Fachblatt „Sportexpress“. „Eine einmalige Chance für diese Generation. Die nächste mag erst 2070 wieder kommen.“ Hier und jetzt könnten die russischen Fußballer „die Geschichte auf den Kopf stellen, sehr russisch, irrational, ohne Logik“.

Immer mehr Russen nehmen die Worte „Finale“ oder „Weltmeister“ in den Mund. „Es wird schon sehr schwer sein, die Kroaten zu schlagen, die sportlich in allen Bereichen überlegen sind“, sagt Samwel Awakjan, Chefredakteur des Fachportals „championat.com“. „Um in das Finale zu gelangen, muss schon sehr viel zusammenkommen.“ Schon da sind der Heimvorteil, die landesweite Begeisterung, eine ungewohnt disziplinierte und kampfstarke Mannschaft sowie die bisher gelungene Taktik von Trainer Stanislaw Tscherkessow. 

„Wir hatten Glück, dass die Spanier praktisch ohne Trainer gespielt haben“, schränkt Alexei Lebedew, Sportchef der Zeitung „Moskowski Komsomoljez“, ein. Er tippe auf das Finale Brasilien – England, Russlands Chancen auf das Endspiel lägen bei einem Prozent. Welche Chancen er den Russen gegen Spanien gegeben hätte? „Auch ein Prozent“, der Experte grinst. Für Russlands Fußball scheint im Moment nichts unmöglich zu sein.

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