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WM-Eröffnung Schön, aber sündhaft teuer

Das Stadion Itaquerão in Sao Paulo, in dem das Eröffnungsspiel stattfindet, ist ein Musterbeispiel für Verschwendung.

Werkeln bis zum Schluss: Das Stadion in Sao Paulo. Foto: REUTERS

Die Hektik der letzten Stunden? Nein, es geht eher gemächlich zu am Itaquerão, dem nagelneuen Stadion in São Paulo, das die Fifa als Schauplatz für Eröffnungsshow und -spiel ihrer Fußball-Weltmeisterschaft erkoren hat. Auf einem Handkarren rollen noch ein paar verpackte Flachbildschirme an, ein Lastwagen liefert Chemieklos im Zehnerpack. Ein paar Gärtner verlegen die letzten bräunlich verdorrten Grasrechtecke in den weiträumigen Außenanlagen, die von gerade eingesetzten, blätterlosen Baumkrakeln bestanden sind.

Seit der Weltverband (Fifa) vor ein paar Tagen das Stadion übernommen hat, werden alle, die keine schulheftgroße Identifikation vor der Brust baumeln haben, von den Ordnern mit misstrauischem Was-willst-du-denn-hier-Blick gemustert. Und José Carlos Silva belegt seine letzten Brötchen. Seit drei Monaten steht er bei Wind und Wetter mit seinem Lieferwagen vor der Stadionbaustelle und verkauft Getränke und „lanchinhos“, Imbisse, für all die, die beim Stadion letzte Hand anlegen. Aber damit ist nun Schluss: Seit Dienstag gilt die Fifa-Bannmeile, innerhalb derer nicht Fifa-lizenzierte Verkäufer vertrieben werden.

Diese allerletzten Handgriffe hätten längst gemacht sein sollen. Im März 2013 werde das Stadion fertig, hieß es beim Baubeschluss 2010. Und ob es richtig fertig ist, wenn am Donnerstag eine Milliarde Menschen in aller Welt am Fernseher sitzen und das von 600 Künstlern bestrittene Eröffnungsspektakel und anschließend das Spiel Brasilien - Kroatien sehen, ist eine Frage der Definition.

Die brasilianische Regierung tut jedenfalls so, als sei Unfertiges fertig. Sie weiht nach Herzenslust eine Arena nach der anderen ein und spielt die unglaublichen Verzögerungen herunter: „Ein wunderbares Stadion“, lobte Präsidentin Dilma Rousseff schon Anfang Mai bei einem Einweihungsakt. Dass in der Elf-Millionen-Metropole die U-Bahn bestreikt wird – am Dienstag wurde der Ausstand ausgesetzt, zunächst nur für zwei Tage –, erhöht die Chance für Pleite und Blamage am Eröffnungstag.

Fertig? Die steil in den Himmel ragenden provisorischen Tribünen, die neben dem Stadion stehen und die Kapazität auf die von der Fifa geforderten 66 000 Zuschauerplätze bringen sollen, wurden erst am Montagabend von der Feuerwehr abgenommen, die in Brasilien für so etwas zuständig ist. Wie viele Plätze es nun hat, ist offen. Angeblich wegen der TV-Kameras ist die Zahl unter das Fifa-Limit geschrumpft, angeblich auf gut 61 000.

Die anderen Neubauten sehen aus wie Variationen von Autoreifen in Beton

Aber kein Zweifel – das neue Stadion von São Paulo hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens wird es nach der WM nicht ungenutzt herumstehen, wie man das von den vier sogenannten weißen Elefanten – Brasília, Cuiabá, Manaus und Natal – befürchtet. Anders als diese Städte, deren zahlendes Publikum bei rund 3300 pro Spiel liegt, ist São Paulo eine Fußball-Stadt. Und der Bauherr des Stadions ist der Publikumsmagnet Corinthians, einer der großen Fußballklubs Brasiliens.

Der zweite Vorteil: Das Stadion ist wunderschön. Die meisten anderen Neubauten sehen aus wie Variationen von Autoreifen in Beton. In São Paulo sitzen sich die 48 000 Zuschauer – wenn man sich die Provisorien wegdenkt – auf den Längsseiten eines Rechtecks gegenüber, und die beiden Tribünen werden von einem höchst elegant gekrümmten Dach nicht nur bedeckt, sondern zueinander in Beziehung gesetzt. Das Stadtviertel Itaquera – aus dessen Vergrößerungsform Itaquerão der Volksmund den Namen gemacht hat – ist graues, glanzloses Mittelmaß, in dem sich die strahlend weiße Konstruktion wie ein Stück von unerhörtem Luxus ausnimmt.

Und das ist sie auch. Kein anderes WM-Eröffnungsstadion war jemals teurer, pro Zuschauerplatz umgerechnet: 5705 Euro, wobei dieser Wert noch steigt: Ohne die Provisorien gerechnet, sind es nochmal 81 Euro pro Nase mehr. Und damit liegt es an zweiter Stelle hinter dem superteuren Mané-Garrincha-Stadion von Brasília, das mit 6734 Euro pro Platz die Rangliste der verfeuerten Stadion-Millionen anführt.

Der Bauherr hat genommen, was gut und teuer ist: Die Innenausstattung aus San Francisco, der Marmor für die Böden aus Griechenland, die bis zu 500 Kilo belastbaren Kloschüsseln aus Japan. Das Dach hat der Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek entworfen. Das Licht leuchtet 40 Prozent heller als im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Alle 53 Toiletten haben Bildschirme. Gespielt wird auf Rasen über 43 Kilometern unterirdischer Wasserleitung, die bei Hitze die sensiblen Grashalme des Rasens kühlt. Ob die elektronische Anzeigetafel die größte der Welt ist oder nur eine der größten, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden.

2007 bekam Brasilien den Zuschlag für die WM, dann folgte ein drei Jahre langes Hin und Her, ob man das alte Morumbi-Stadion auf Fifa-Niveau veredeln solle. Im August 2010 schließlich wurde beschlossen, in Itaquera neu zu bauen. Von 335 Millionen Reais – heute wären das 110 Millionen Euro – war damals die Rede. Nun steht die Rechnung bei 1,2 Milliarden Reais, 393 Millionen Euro. Der Bauherr hat sehr viel Geld in die Hand genommen. Das Problem: Er hat es nicht.

Mitunter fällt es etwas schwer, die Vokabel Erpressung zu vermeiden

Kein anderes WM-Stadion Brasiliens ist so wackelig finanziert wie das von São Paulo. Die Verdreieinhalbfachung erklärt sich natürlich nicht durch ein paar Sonderwünsche, mit denen Corinthians nachgekleckert kam, und auch nicht mit den Fifa-Anforderungen, auf die man in Brasilien gern die Schuld für hohe Preise abwälzt; 2010 waren die Fifa-Wünsche ja längst Gesetz. Die Gründe für die Preisexplosion sind eher im Zusammenspiel der wichtigsten Akteure – des Vereins, der Politik, der Baufirma und der Fifa – zu suchen. Sie haben sich gegenseitig verlockt und verführt, sie haben getäuscht und Druck gemacht. Mitunter fällt es etwas schwer, die Vokabel Erpressung zu vermeiden.

Die Fifa war gegen die Renovierung des Morumbi-Stadions. Corinthians sah die historische Chance, nach Jahrzehnten erfolglosen Planens – es fehlte immer das Geld – endlich zu einem eigenen Stadion zu kommen. „Die Politik hat einen unerträglichen Druck ausgeübt, damit sich São Paulo nicht das Eröffnungsspiel entgehen lässt“, zitiert das Wirtschaftsblatt „Exame“ den Corinthians-Vize Luis Paulo Rosenberg. Das heißt natürlich: Corinthians konnte Druck ausüben.

Der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, bekannt als fanatischer Corinthians-Anhänger, dachte an die vielen anderen Corinthias-Anhänger, die alle Wähler sind, und förderte das Projekt. Die Baufirma Odebrecht verzögerte den Bauablauf, um ihre Bedingungen durchzusetzen, so „Exame“. Und der Wettlauf gegen die Zeit erhöhte die Kosten – immer zu Lasten des wichtigsten Akteurs, der aber nicht groß gefragt wurde: Des Steuerzahlers.

420 Millionen der 1,2 Milliarden stammen aus Steueranreizen, mit denen die Stadt São Paulo Unternehmen in bescheidene Viertel wie Itaquera lockt; dass Stadien als Unternehmen angesehen werden, wurde erst später aufgenommen. Weitere 400 Millionen sind Kredite der Entwicklungsbank BNDES, und nochmal 350 Millionen wirft die Bundes-Sparkasse in den Ring. Die gehört ganz dem Staat – anders als die halbstaatliche „Banco do Brasil“, die auch private Anteilseigner hat und das riskante Kreditgeschäft dankend abgelehnt hat. Drei Grundstücke, die Corinthians als Sicherheit hat, gelten als um 30 Prozent überbewertet.

Und vor allem steht in den Sternen, wie der Klub all das jemals zurückzahlen soll. 345 Millionen Reais will Corinthians-Präsident Andrés Sánchez künftig pro Jahr einnehmen. Zum Beispiel 120 Millionen durch den Verkauf von Eintrittskarten – aber der Klub hat aus dieser Quelle nie mehr als 35 Millionen bezogen. Für die Vermietung von Logen setzt Sánchez neunmal mehr an als das Maracanã. Und ob sich jemand findet, dem es 400 Millionen wert es, das bisher namenlosen Stadion nach sich benennen zu lassen, ist doch sehr fraglich.

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