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Randale bei Erstligaspiel in Brasilien Brasiliens hässliches Gesicht

Das Saisonfinale im Land des WM-Gastgebers wird von brutalen Prügeleien überschattet. Die Staatsanwaltschaft des Obersten Sportgerichts Brasiliens STJD hat nach den Gewaltexzessen jetzt Rekordstrafen gefordert.

10.12.2013 10:04
Ein Schwerverletzter wird abtransportiert. Foto: rtr

Das Saisonfinale im Land des WM-Gastgebers wird von brutalen Prügeleien überschattet. Die Staatsanwaltschaft des Obersten Sportgerichts Brasiliens STJD hat nach den Gewaltexzessen jetzt Rekordstrafen gefordert.

Nur zwei Tage nach dem farbenfrohen Fest bei der WM-Auslosung in Bahia hat Brasiliens Fußball sein hässliches Gesicht gezeigt. Eine Massenschlägerei rivalisierender Fans beim Erstligaspiel zwischen Atlético Paranaense und Vasco da Gama aus Rio de Janeiro versetzte das Land in einen Schockzustand. Wie durch ein Wunder wurden nur vier Personen ernsthafter verletzt. „Niemand schwebt in Lebensgefahr“, sagte Krankenhaussprecher Robson Duarte vom Hospital Municipal São José wenige Stunden nach dem Spiel in Joinville. Der 19 Jahre alte William Batista, mit einem Hubschrauber der Militärpolizei aus dem Stadion geflogen, erlitt eine Schädelfraktur. Die anderen kamen mit zahllosen Blutergüssen und Platzwunden noch glimpflich davon.

Die Bilder des im brasilianischen Free-TV landesweit übertragenen Spiels ließen das Schlimmste, nämlich Todesopfer, vermuten. Es waren gerade 16 Minuten gespielt, Atlético hatte seine Fans mit einem frühen Tor in Feierlaune versetzt, als wie aus dem Nichts die Jagdszenen auf der Tribüne der Arena Joinville begannen. Stadion-Stewards in ihren orangefarbenen Westen und ein provisorisch gespanntes Tau konnten die Atlético-Fans beim Sturm auf die Vasco-Fankurve nicht stoppen.

„Wir sind noch hingelaufen, um unsere Fans aufzuhalten. Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas gesehen“, sagte Luiz Alberto mit Tränen in den Augen. Aus nächster Nähe erlebte der Atlético-Verteidiger dann mit, wie „Barbaren“ auf schon regungslos am Boden liegende Fans eintraten und mit Stöcken einschlugen. Luiz Carlos Júnior, TV-Kommentar von Globo, gestand: „Plötzlich berichtete ich mitten aus einem Kriegsgeschehen.“

Der Widerhall im Ausland kam umgehend über die Online-Portale der internationalen Presse. „Das ist nicht Fußball, das ist Barbarei“ schrieb Spaniens Sportblatt Marca. Für Record aus Portugal waren es „Kriegsszenen“, während Konkurrent A Bola von einer „Schlacht“ sprach. Der englische Mirror stellte gar die Sicherheit bei der WM in sieben Monaten infrage. Zumal die Militärpolizei nur vor dem Stadion stand und erst auf Aufforderung viel zu spät eingriff. Der zuständige Kommandant vor Ort, Adílson Moreira, wies darauf hin, dass das Ministério Público, die Staatsanwaltschaft des Bundeslandes Santa Catarina, Fußballspiele als Privatveranstaltung einstuft, und deshalb die Sicherheit innerhalb der Arenen Aufgabe eines privaten Ordnungsdienstes sei. Gedankenspiele, die in Deutschland unlängst NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) nach Problemen mit Schalker Fans aufgegriffen hatte.

Noch am Sonntagabend veröffentlichte das Ministério Público jedoch eine Gegendarstellung. Es gäbe keine Anweisung, dass die Militärpolizei nicht im Stadioninnern operieren dürfte. Offenbar will sich jetzt jeder aus der Verantwortung stehlen. Auch Moreira, der schlicht behauptet: „Leider wäre dies wohl auch passiert, wenn wir im Stadion gewesen wären. Das ist eine Frage der Kultur.“ Was auch bedenklich stimmte: Nur sechs Personen wurden offiziell festgenommen. Darunter auch der 23-jährige Leone Mendes da Silva, der mit einem Holzstock in der Hand, aus dem an der Spitze ein Nagel ragte, der Dimension des Hasses ein schockierendes Bild gab.

„Ein Jahr zum Vergessen“

Krawalle zwischen Fans rivalisierender Klubs, aber auch innerhalb der eigenen Farben, waren ständiger Begleiter der am Sonntag beendeten Saison. „Mein Gott, das war ein Jahr zum Vergessen“, seufzte dann auch Paulo Schmitt, Chef-Ankläger des Obersten Sportgerichtgs STJD. Der Jurist beklagte vor allem, dass er erst ab nächstes Jahr Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit als Strafe verhängen darf.

Atlético saß wegen seiner gewalttätigen Fans in diesem Jahr mehrfach auf der Sünderbank. Das Duell gegen Vasco musste deshalb auch mindestens 100 Kilometer von der Heimatstadt Curitiba ausgetragen werden. Der Ausweichort Joinville erlebte einen 5:1-Triumph der „Rubro-Negros“ (Schwarz-Roten), die ihr Ticket für den Libertadores-Cup lösten, sowie den zweiten Abstieg des viermaligen Meisters Vasco. Aber das Sportliche war am Sonntag nur eine Randnotiz. (sid)

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