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Kevin-Prince Boateng Widerborstiger Exzentriker

Kevin-Prince Boateng kann sich nur schwer unterordnen, bezieht aber stets eindeutig Stellung – auch zum Thema Rassismus. Dass er nun im Mittelpunkt eines Konfliktes steht, der das ganze ghanaische Team zerrüttet, ist ganz bestimmt kein Zufall.

20.06.2014 16:13
Daniel Theweleit
Liebt "alles-oder-nichts"-Momente: Kevin-Prince Boateng. Foto: AFP

Daniel Opare lacht erst mal, als sich jemand nach dem musikalischen Talent von Kevin-Prince Boateng erkundigt. Dann überlegt er, wie er diese Frage beantworten kann, ohne despektierlich zu werden. „Er wird besser, er wird besser“, sagt der Rechtsverteidiger des ghanaischen Teams, das am heutigen Samstag auf Deutschland trifft. Opares Gesicht sagt aber eher: „Das ist ein hoffnungsloser Fall.“ Ghanas Nationalspieler bilden nämlich nicht nur eine ambitionierte Fußballmannschaft, sondern auch eine ziemlich versierte Tanz- und Gesangscombo. Und manchmal veranstalten sie auch kleine Tanzwettbewerbe. Trommeln und Rasseln sind immer dabei, sogar während des Trainings auf dem Rasen.

Boateng hielt sich anfangs von diesen Ritualen fern. Im Trainingslager vor der WM entstanden Fernsehbilder, die die Profis im Mannschaftsbus zeigen: Fast alle Spieler singen und schütteln tanzend im Rhythmus ihre Körper. Boateng aber sitzt mit leerem Blick und dicken Kopfhörern über den Ohren in der letzten Reihe. Er wirkt wie ein Außenseiter. „Das ist eine andere Kultur, das sind andere Sitten“, hat er einmal gesagt. „Wenn man in Afrika lebt, lebt man so, und in Europa lebt man eben so.“

Überall eine Führungsfigur

Da stellt sich natürlich die Frage, ob die kulturelle Barriere zwischen dem Jungen aus dem Berliner Brennpunkt Wedding und den in Ghana aufgewachsenen Fußballern manchmal zum Problem werden könnte. Trainer Kwesi Appiah verneint: „Kevin ist ein richtiger Ghanaer. Er gehört zur Mannschaft und spielt eine wichtige Rolle im Team.“

Eine diplomatische Aussage, denn seit dem ersten WM-Spiel ist das Verhältnis zwischen Appiah und Boateng beschädigt. Der Fußballer vom FC Schalke ist wütend, weil er gegen die USA lange auf der Bank saß. Das war schwer zu ertragen für einen wie Boateng, der immer und überall eine Führungsfigur gewesen ist. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Seit ich geboren wurde, stand ich im Mittelpunkt“, sagt er. „Nicht weil ich das wollte, aber es haben sich stets Leute an mir hochgezogen. Das ist heute immer noch so.“

Als Fußballer ist Boateng natürlich auch im ghanaischen Team hoch angesehen. Er gehört zu den „Big Ones“, wie ein ghanaischer Reporter sagt, zur Gruppe also um Kapitän Asamoah Gyan, Sulley Muntari, Michael Essien und André Ayew. Als Boateng gegen die USA nach einer Stunde eingewechselt wurde, war er sofort eine Instanz auf dem Platz. Es gibt in der Fußballsprache diese Floskel von der „Präsenz“, die ein Spieler habe – Boateng verkörpert diesen Eindruck wie kaum ein anderer. Ob er nach seiner Degradierung zum Ersatzspieler tatsächlich die Revolte angezettelt hat, von der ein ghanaischer Radiosender berichtete, ist allerdings unklar. Der Verband dementiert. Aber diese Geschichte passt zu Boateng.

Als Teenager soll er mit einigen Kollegen aus dem Hertha-Nachwuchs Autospiegel abgetreten haben, immer wieder gab es Geschichten über Disziplinlosigkeiten. Er schien alles zu tun, um dem Klischee vom Ghetto-Kid zu entsprechen. Seine Stiefmutter Martina hat dem „Spiegel“ vor der WM 2010 gesagt: „Kevin-Prince liebt es, Leute zum Lachen zu bringen. Aber er kann sich nicht unterordnen, hat eine große Klappe und hält sich nicht an Regeln. Das schlägt immer wieder durch.“

Martina ist die leibliche Mutter von Jérôme, dem deutschen Nationalspieler. Jérôme Boateng war schon immer der Brave: verantwortungsbewusst, angepasst, zuverlässig. Dafür ist dort, wo sein älterer Halbbruder auftaucht, mehr los. Und in der Unterhaltungsshow Weltmeisterschaftsfußball ist das bestenfalls eine Bereicherung. „Es ist wie im alten Rom“, sagt der 27-Jährige in einem „Sport-Bild“-Interview zur WM: „Es stehen Leute um das Spielfeld und wollen sehen, wie sich zwei Mannschaften bekriegen. Die Mannschaft, die es mehr will, gewinnt. Daher werden wir bis aufs Blut gegen Deutschland kämpfen.“

So denkt Kevin-Prince Boateng. Der DFB-Auswahl fehlen in seinen Augen „die Typen“ für solch einen martialischen Wettkampf. Deshalb glaubt er auch, dass Deutschland keine Chance habe, Weltmeister zu werden. Der Ansammlung braver Jungs, die im perfekt strukturierten deutschen Ausbildungssystem nicht nur fußballerisch, sondern auch charakterlich zurechtgeschliffen wurden, fehle „eine Persönlichkeit, die die Mannschaft auch mal mitreißt“.

Erwachsen geworden

Kevin-Prince Boateng ist so eine Persönlichkeit. Ganz so wie Helmut Rahn, mit dem er über seine Mutter verwandt ist. Der „Boss“, der Deutschland im Finale der WM 1954 zum Titel schoss, ist sein Großonkel. Und auch er selbst spielte insgesamt 41-mal für verschiedene Auswahlteams des DFB. Aber als er kurz vor der U21-EM 2009, die Deutschland mit Spielern wie Mats Hummels, Manuel Neuer, Sami Khedira, Mesut Özil und Jérôme Boateng gewann, wegen kleiner Disziplinlosigkeiten aus dem Kader flog, schloss er mit dem DFB ab.

Es folgte eine schwere Zeit. Er landete bei Tottenham Hotspur wo er einmal aus Frust über seine Reservistenrolle an einem Tag drei Autos kaufte, einen Lamborghini, einen Hummer und einen Cadillac Oldtimer. Und als er 2010, inzwischen beim FC Portsmouth, Michael Ballack umtrat, was den deutschen Kapitän die WM kostete, war er endgültig zum Prototyp des Fußballbösewichts geworden.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er seine ganz finstere Zeit bereits hinter sich. Er lebte professioneller und hatte sich entschieden, für Ghana, das Heimatland seines Vaters, anzutreten. Bei der WM 2010 spielte er derart beeindruckend, dass der große AC Mailand ihn unter Vertrag nahm. Und dort ereignete sich etwas, was zumindest medial als Metamorphose wahrgenommen wurde.

Als Spieler in Mailand erzwang er im Januar 2013 den Abbruch eines Freundschaftsspiels beim Viertligisten Pro Patria, weil das Publikum Affenlaute von sich gegeben und andere rassistische Beleidigungen gegrölt hatte. Diese Aktion machte ihn zu einem Helden.

Boateng wurde zu einer UN-Gesprächsrunde am Anti-Rassismustag nach Genf eingeladen, wo er einer Rede halten durfte. Und jetzt will er gemeinsam mit seiner Verlobten, einem italienischen Showgirl, eine Schule in Ghana bauen. „Es gibt den neuen Prince. Ich habe eine neue Karriere gestartet und bin erwachsen geworden“, sagt der 27-Jährige.

Nach seinem Wechsel zum FC Schalke im vorigen Sommer wurde er auch dort schnell zu einem zentralen Spieler, wobei der widerborstige Exzentriker von einst, der Unangepasste aus dem Wedding nicht tot ist. So tauchte in der zurückliegenden Saison ein Bild aus der Schalker Kabine im Netz auf, das Boateng direkt nach einem Bundesligaspiel mit Bier und Zigarette in der Hand zeigt.

Und dass er nun im Mittelpunkt eines Konfliktes steht, der das ganze ghanaische Team zerrüttet, ist ganz bestimmt kein Zufall.

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