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Fußball-WM 2014 Auch am Amazonas ist Fußball-WM

Der örtliche Verein ist viertklassig, das Stadion im brasilianischen Manaus völlig überdimensioniert. Das ist jedoch kein Grund für Fifa und Regierung, kleinere Brötchen zu backen bei der Vorbereitung auf die Fußball-WM 2014.

Trotz harscher Kritik gibt es für die Verantwortlichen keinen Grund, am Bau der Arena zu zweifeln. Foto: REUTERS

Man braucht den Pressemann gar nicht auf die historische Parallele ansprechen, er kommt von sich aus drauf. „Wir können den Vergleich mit dem Opernhaus gar nicht vermeiden“, sagt der Sprecher der Sonderbehörde UPG, die in der Amazonas-Metropole Manaus ein funkelnagelneues Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft errichten lässt, „hier ist alles teurer, weil es ja keine Straßen nach Manaus gibt, der Stahl kommt per Schiff sogar aus Europa den Amazonas hinauf, so wie damals die Stahlträger für die Oper“. Und die Fertigstellung des Bauwerkes hinkt genauso hinter dem Terminplan her wie vor 120 Jahren, mit dem Unterschied, dass heute die unerbittliche Fifa keinen Aufschub duldet.

Wird diese „Arena da Amazônia“ nicht genauso luxuriös und genauso überflüssig sein wie der 1896 eingeweihte Musentempel, den sich die Kautschuk-Barone damals als standesgemäßen Spielplatz leisteten? Bei aller brasilianischen Liebe zum Fußball, solche Fragen kann man schon mal aufwerfen: Ein 200 Millionen Euro teures Stadion – für nur vier WM-Spiele? In einer Region, deren Fußball so viertklassig ist, dass praktisch alle 45 448 zahlenden Zuschauer der 59 Spiele um die Landesmeisterschaft 2013 auf einmal in das neue Stadion passen würden? Und das in einer Zwei-Millionen-Stadt, die die aufgesammelten Straßenkinder wieder auf die Straße schickte, weil die 39 zur Verfügung stehenden Heimplätze alle belegt waren, wie zufällig in derselben Woche in der Zeitung stand, in der bekannt wurde, dass das Super-Stadion nochmal 17 Millionen Euro teurer wird?

Der Fußballrasen der Sorte „Bermuda 419“ hat längst Wurzeln geschlagen, und mit dem Grün der als besonders tropentauglich geltenden Sorte harmonieren die Plastiksitze im Stadion, deren heitere Kolorierung an tropische Früchte gemahnt, wie Miguel Capobiango, der Chef der Sonderbaubehörde, schwärmt. Er führt Journalisten gerne über seine Riesenbaustelle, über der die bunten Kräne in den blauen Tropenhimmel ragen, und natürlich streicht er die Vorteile des Stadions heraus: Das Design der netzartigen Fassade, das Elemente der hiesigen Natur aufgreife, wie etwa Fischhautschuppen, oder die stählerne Außen- und Dachkonstruktion, die sich über die Beton-Tribünen stülpt und ein angenehmes Innenklima zu schaffen verspreche.

Vielzweck-Bau für Konzerte oder Handelsmessen

Die Amazonas-Arena sei nach US-Öko-Kriterien zertifiziert worden, weil in ihr zum Beispiel Regenwasser gesammelt und für die Klospülungen verwendet werde. Das Material des geschredderten Vorgänger-Stadions habe man wiederverwendet, und die neue Dachmembrane spende zwar Schatten, werde aber so transparent sein, dass abends erst spät das Licht angeschaltet werden muss, sagt Capobiango. Wenn nur die Zeit nicht wäre: Am 20. Dezember muss alles fertig sein.

Schön und gut – aber braucht Manaus so einen Sportpalast? „Na klar“, antwortet Capobiango, „zuerst für die WM, und später für den Regionalfußball“. Der liege zwar zurzeit darnieder, aber ein modernes, attraktives Stadion locke mehr Zuschauer an, die wiederum für Sponsoren interessant seien – es fließe mehr Geld, und dadurch komme der Fußball wieder auf die Beine in Manaus.

Und außerdem, versichert Capobiango, sei die Arena, wie heutzutage üblich, ein Vielzweck-Bau, der das benachbarte Kongresszentrum der Stadt ergänze – ideal für Konzerte, Massengottesdienste oder Handelsmessen. Die künftigen Kosten des Stadions schätzt Capobiango auf zwei Millionen Euro pro Jahr – kein Problem für die künftige Betreibergesellschaft, das zu erwirtschaften, sagt er.

Die Autofahrt vom Stadion zum Getränkemarkt „Erika“ im Viertel São José II kann im Spätnachmittagsstau schon mal an die zwei Stunden dauern. Seine Besitzerin Socorro Carvalho hat nichts gegen Fußball und nichts gegen das Stadion, aber den Schriftzug „BRT 602“, den man ihr wie ein Kainsmal an die Hausfassade gemalt hat, den mag sie gar nicht. „Sie kamen vor zwei Jahren, haben alles fotografiert und dokumentiert, und uns haben sie nur gesagt, das hängt mit dem BRT zusammen“, sagt Socorro, „bis heute warten wir darauf, dass wir endlich mal etwas Genaueres erfahren“.

BRT, das ist das Kürzel für ein Schnellbus-System mit Sonderspuren, dem ihr Haus und ein paar hundert andere in der Gegend weichen sollten. „Ist ja wahr, dass der Verkehr in Manaus furchtbar ist, und ob der BRT die Lösung wäre, kann ich nicht beurteilen“, sagt sie, „aber na schön, für den Fortschritt würde ich ja gehen, bloß die Entschädigung muss doch stimmen“. Aber ob die stimmt, ist genauso unklar wie alles andere. Selbst ob der BRT jemals gebaut wird, steht in den Sternen.

Elf Milliarden Euro für innerstädtischen Verkehr

Als Brasilien 2007 den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft bekam, drang die Regierung bei der Fifa auf ein Maximum an Austragungsorten – zwölf, wobei es acht auch getan hätten. Hintergedanke war natürlich ein gewaltiges Investitionsprogramm, das nicht nur unter den brasilianischen Baulöwen freudiges Gebrüll auslöste, sondern auch bei den Kommunalpolitikern. Denn neben Stadien und Flughäfen, also den für die „Copa“ unabdingbaren Dingen, sollten auch die Städte und ihre Verkehrssysteme modernisiert werden – das geradezu klassische Argument weltweit, die horrenden Kosten eines Mega-Sportereignisses dem Steuerzahler schmackhaft zu machen. „Urbane Mobilität“ als „legado“, als Vermächtnis der WM – das ist seitdem die Lieblingsphrase der brasilianischen Politik.

Rund elf Milliarden Euro will Brasilien bis 2015 in den Ausbau des innerstädtischen Verkehrs stecken, und ein Drittel davon war ursprünglich in einem Sonderprogramm verbucht, das speziell für die WM aufgelegt wurde. Aber das Volumen dieses Programms ist im Laufe der Zeit um 30 Prozent geschrumpft, weil die im Zusammenhang mit der WM geplanten Projekte gestrichen, verkleinert oder verschoben wurden. Die meisten dieser Vorhaben tauchen zwar in einem anderen Investitionsprogramm wieder auf. Aber damit haben sie ihre Dringlichkeit verloren. Sie sind auf die lange Bank geschoben – womöglich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Hauptsache, Flughäfen und Stadien sind fertig, sagen die Politiker, die Fußballfreunde kann man in gecharterten Bus-Flotten befördern, und zwar über leere Straßen, weil die Spieltage zu Feiertagen erklärt werden – so einfach geht das nun. Im Oktober, acht Monate vor Beginn der WM, waren von 54 Verkehrsprojekten gerade mal vier fertig. Erinnert sich noch jemand daran, dass bei den Massendemonstrationen, die Brasilien im Juni überzogen, die miserablen, langsamen, teuren Busse und Bahnen der Auslöser und Hauptgrund des Protestes waren?

Verkehrsplaner bemängeln, die Projekte urbaner Mobilität seien zu zufällig, zu schlampig und ohne Einbettung in Stadtentwicklungspläne entworfen worden, und Brasiliens Rechnungshof CGU rügt in einem Report das „kulturelle Defizit Brasiliens im Hinblick auf mittel- und langfristige Planung“. Einige Städte haben die Chance zur Modernisierung ihres Verkehrs besser genutzt, andere weniger. Und Manaus ist das Horrorbeispiel.

Chaos-Metropole im Dauer-Stau

„Ich war für die Copa, ich dachte, wir können sie nützen, um die Verkehrsprobleme der Stadt zu lösen“, sagt Geraldo Alves, Professor für Stadtplanung an der Universität Manaus, „es ist schon sehr enttäuschend, dass nun nichts geschieht“. „Nichts“ stimmt nicht ganz: Bernardo Monteiro, der Tourismus-Chef von Manaus, rühmt wortreich die 50 Kilometer Bürgersteig, die die Stadt bis Juni ausbessern will. Als ob dafür eine WM nötig wäre.

Aber alles andere, was den zwei Millionen Einwohnern dieser schnell und ungeplant gewachsenen Chaos-Metropole aus dem Dauer-Stau helfen könnte, ist erstmal gestrichen: Der BRT ist hierbei das kleinere, vergleichsweise bescheidene 100 Millionen Euro teure Projekt, dessen Verschiebung man den Betroffenen wie Socorro Carvalho nicht einmal offiziell mitzuteilen für nötig befunden hat. Und das teurere ist der „Monotrilho“, eine auf Stelzen geführte Hochbahn. Beide Systeme hätten sich zu einem das Zentrum der Stadt umschließenden Ring verbinden sollen.

Die Bahn wurde im März 2011 ausgeschrieben und mit umgerechnet gut 400 Millionen Euro angesetzt. Vier Monate später fällte der Landesrechnungshof ein vernichtendes Urteil über das „unvollständige und fehlerhafte“ Projekt, weil es weder ausreichende technische Vorstudien noch Angaben über die Gestaltung der Fahrpreise enthielt und die Enteignungskosten nicht abschätzte; die Kalkulation sei also aus der Luft gegriffen, die Ausschreibung widerspreche den Vorschriften. Und das Urteil über den BRT lautete so ähnlich: Schlamperei. Im Jahr darauf wurde noch etwas hin- und herlaviert, und im Oktober 2012 gab die Landesregierung bekannt, dass beide Projekte nicht für 2014 fertig würden.

„Ich nehme an, die Bahn ist endgültig beerdigt“, sagt Professor Alves, „und das ist auch gut so“. Denn die Consulting-Firma PwC habe sie vor Jahren ins Gespräch gebracht, und „dann hieß es gleich, so machen wir’s“. Zu einer öffentlichen Debatte oder zur Einbettung des Projektes in einen sorgfältig erarbeiteten Stadtentwicklungsplan sei es nicht gekommen. Und die 400 Millionen, die in der Praxis ja wohl mindestens auf das Doppelte anwachsen würden, seien auch nur der Preis für ein auf 16 Kilometer verkürztes Projekt. Ursprünglich waren 21 Kilometer für 700 Millionen ins Auge gefasst. Alves hat einen anderen, viel billigeren Vorschlag: „Warum nicht Straßenbahnen, die es ja schon einmal gab?“, fragt Alves unter Anspielung darauf, dass in Manaus schon 1899 die Elektrische fuhr, die dritte Brasiliens.

Wenn man von der Flughafen-Erweiterung und den famosen 50 Kilometern Bürgersteig absieht, wird die Weltmeisterschaft also nur eines hinterlassen: das Stadion, das das deutsche Architektenbüro von Gerkan, Marg und Partner, gmp, entworfen hat. Dass seine bloße Existenz dem regionalen Fußball neues Leben einhaucht, wie Capobiango sagt, bestreitet der Sportjournalist Amarildo Silva.

Kein anderes Stadion ist so umstritten

Der Staat finanziere die Clubs ja seit langem, aber die seien miserabel geführt, investierten nicht in den Nachwuchs und kauften nur die drittklassigen Spieler der großen Vereine Brasiliens auf. Daran ändere sich nur durch ein neues Stadion nichts. „Während der Copa wird sich das Stadion sicher bewähren“, sagt er, „aber was ist damit, wenn dieser Zirkus weitergezogen ist?“ Das Risiko, dass die Arena da Amazônia künftig kaum genutzt herumstehe, sei groß. „Warum hat man denn nicht einfach unser altes Stadion renoviert?“, fragt er. Das Stadion war im Übrigen erst 2006 runderneuert worden.

„Ein Umbau, der die Fifa-Normen erfüllt, wäre teurer gekommen als ein Neubau“, verteidigt Ralf Amann, der gmp-Chef in Brasilien, die Arena als „rationale Entscheidung“. Wie Capobiango preist Amann das Stadion als ökologisch korrekt, weil nach der strengen LEED-Norm zertifiziert – aber die Zertifizierungsstufe, die die Arena erreicht, ist die unterste von vieren. Auf Solarstrom zum Beispiel wurde aus Kostengründen verzichtet, obwohl die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW das Stadion in Manaus in einer Studie 2011 als besonders geeignet eingestuft hatte.

„Das Prinzip der kurzen Wege greift“ wegen „vornehmlich lokal vorhandener Baumaterialien“ schon „im Bauablauf“, schreibt gmp in einer Pressemitteilung – angesichts der 7000 Tonnen Stahlträger, die in Portugal gefertigt und über den Atlantik und den Amazonas geschifft werden, eine etwas kühne Behauptung.

Wird die Arena nach der WM überflüssig sein – einer der berüchtigten weißen Elefanten? „Den Businessplan kennen wir nicht“, sagt Amann. Man könne „vielleicht in der Mikroperspektive“ zu dem Schluss kommen, die Arena sei ein weißer Elefant, aber betriebswirtschaftlich rentabel seien Stadien nirgendwo, auch in Deutschland nicht. Dagegen stärke das Bauwerk „in der Makroperspektive“ das Image Brasiliens. Denn heutzutage seien Fußballstadien „überall auf der Welt nicht nur reine Funktionalbauten, sondern Referenzen für den Ort und das Land“.

Ob mikro oder makro, in Brasilien jedenfalls ist kein anderes WM-Stadion so umstritten wie die Amazonas-Arena. Sie werde, höhnte die Zeitung Folha de S. Paulo, „dauerhaft als Beleg für die Unverantwortlichkeit und die Verschwendung der öffentlichen Hand“ in Erinnerung bleiben.

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