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Fußball-Weltmeisterschaften Das Jahrhundertspiel

Die deutsche Mannschaft kennt das Halbfinale gegen Italien nur als Tragödie. Doch die Welt feiert es als das herrlichste Spiel aller Zeiten. Denn was in der Verlängerung geschah, machte aus einer packenden Partie eine Fußball-Legende, einen einzigartigen Thriller.

20.05.2014 08:20
Christine Mitatselis
Legenden: Die Nationalmannschaften aus Italien und Deutschland treffen am 17. Juni 1970 in Mexiko-Stadt aufeinander. Foto: imago

Was war da nur los? Am 18. Juni 1970 kamen Schulkinder überall in der Bundesrepublik mit dicken Augen zum Unterricht. Lehrer, die sich für Fußball interessierten, erahnten den Grund. Die Kleinen hatten am Abend zuvor bis spät in die Nacht vor dem Fernseher sitzen und ein Fußballspiel anschauen dürfen. Die Übertragung begann erst um 23 Uhr. Deutschland gegen Italien, WM-Halbfinale im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt. Es war ein Drama, zum Heulen, die Aufregung wirkte lange nach. Die Mannschaft um Kapitän Uwe Seeler hatte alles gegeben – und doch verloren. 3:4 nach Verlängerung lautete das Resultat dieser monumentalen Auseinandersetzung, die „das Jahrhundertspiel“ genannt werden sollte.

Wolfgang Overath, damals 26 Jahre alt, stand auf dem Platz, als vor 102 000 Zuschauern um den Finaleinzug gespielt wurde. Er war der Spielmacher der Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön. Es war heiß, fast 50 Grad wurden gemessen, denn es wurde am Nachmittag gespielt. Die Hitze habe ihn nicht gestört, erinnert sich der frühere Star des 1. FC Köln 44 Jahre später. Auch an die berüchtigte Höhenluft in der mexikanischen Metropole, über die in Deutschland viel berichtet wurde, seien er und seine Kollegen längst gewöhnt gewesen, als es gegen Italien ging: „Das war gar kein Problem mehr. Die Mannschaft hat immer besser gespielt, je länger das Turnier dauerte.“ Im Viertelfinale hatte das deutsche Team England mit 3:2 nach Verlängerung besiegt.
35 Millionen Zuschauer saßen in der Bundesrepublik vor den TV-Geräten, als die deutschen Spieler am 17. Juni, damals der Tag der deutschen Einheit, gegen Italien, den amtierenden Europameister, antraten. Wer sich die alten Bilder anschaut, dem Kommentar von Ernst Huberty lauscht, der für die ARD am Mikrofon saß, der taucht in die frühe Neuzeit des modernen Fußballs ein. Hall und Knistern in der Ton-Leitung gehören bei Liveübertragungen jener Epoche dazu. Die Sprache des Reporters ist sparsam. Er braucht nicht viele Worte, wählt sie aber mit Bedacht aus. So kann das Spiel in seiner ganzen Pracht wirken.
Italien ist in der siebten Minute durch ein Tor Roberto Boninsegnas in Führung gegangen. Die Deutschen quälen sich. Erst nach dem Seitenwechsel nimmt die Partie Fahrt auf. Deutschland wird besser und drängt auf den Ausgleich. Overath hat einen Lattentreffer, der eingewechselte Siggi Held eine gute Chance. Das Publikum feuert Schöns Auswahl mit „Alemania“-Rufen an.

Huberty kommentiert: „Die Mexikaner spüren, was hier los ist. Wie sich eine Mannschaft aufbäumt gegen ein fehlendes Tor, gegen das fehlende Glück.“ Der Kampf hinterlässt Spuren. Der 24-jährige Franz Beckenbauer hat den rechten Arm mit Klebeband am Körper fixiert. Nach einem schweren Foul von Pierluigi Cera spielt der junge Münchner 50 Minuten lang mit dem Handicap einer Schultereckgelenksprengung. Referee Arturo Yamasaki hat die Attacke nicht bestraft. Huberty ist auch mit der sonstigen Leistung des Peruaners nicht glücklich, der den Deutschen potentielle Strafstöße verwehrte, zwei an Beckenbauer und einen an Seeler: „Der Schiedsrichter ist immer dann energisch, wenn ein Foul außerhalb des Strafraums begangen wurde. Innerhalb des Strafraums, da scheint ihn panische Angst zu überkommen“, tadelt Huberty.
Die Nachspielzeit bricht an, Helmut Schön gibt auf der Bank bereits ein Interview. Das Spiel scheint gelaufen. Doch dann flankt der Frankfurter Jürgen Grabowski vors Tor. Verteidiger Karl-Heinz Schnellinger, beim AC Mailand aktiv, hat sich über die Mittellinie gewagt und grätscht in die Flugbahn des Balles. Tor! 1:1! Huberty: „Unglaublich. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen, ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben.“ Seit Schnellingers Großtat hat das Wort „ausgerechnet“ seinen festen Platz in Sportberichterstattung.
In der Verlängerung geschehen noch viel unglaublichere Dinge. Gerd Müller, 24, dessen Bewacher Roberto Rosato ausgewechselt wurde, ist plötzlich erwacht. Er schießt das 2:1, indem er den Ball nach einer verkorksten Rückgabe von Fabrizio Poletti mit der Fußspitze ins Tor befördert. Hubertys Worte dazu sind ebenfalls legendär: „Meine Damen und Herren, wenn sie jemals ein echtes Müller-Tor gesehen haben, dann jetzt.“

Den Spielern gehen die Kräfte aus, die Fehler häufen sich. Held will bei einem Freistoß in der Abwehr aushelfen, wehrt einen Ball ungelenk mit der Brust vor die Beine von Tarcisio Burgnich ab, so fällt das 2:2. Der Schiedsrichter macht sich danach erneut bei den Deutschen unbeliebt, als er ein Foul am eingewechselten Reinhard „Stan“ Libuda übersieht. Gleich darauf erzielt Luigi Riva das 2:3 – in der 103. Minute. Ist das Spiel gelaufen? Die Antwort gibt Gerd Müller, als er sieben Minuten später erneut zuschlägt, diesmal nach einem Hechtsprung per Kopf – 3:3. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Sollte das Los entscheiden? Nein.
Gianni Rivera trifft im Gegenzug, als die müden Deutschen in ihrem Jubel die Verteidigung vergessen. „Rivera, Rivera 4:3“, ruft Huberty. Es ist vorbei. Schöns Spieler können nichts mehr ausrichten. „Ein Spiel, ein Kampf, den sie miterlebt haben. Alle Höhen und Tiefen der Freude und der Enttäuschung, die man nur durchleben kann, haben die Spieler auf dem Spielfeld durchlebt – und auch sie sicher zu Hause“, schließt Huberty seinen Kommentar.
Wie er Recht hatte. In Deutschland weinen die Kinder, Erwachsene haben sich verletzt, als sie im Eifer des Gefechts aufsprangen und mit den Köpfen gegen Wohnzimmer-Lampen prallten. In Wolfsburg ziehen 2000 bei Volkswagen beschäftigte Italiener spontan durch die Straßen.

Jenseits des Atlantiks arbeiten besonders die südamerikanischen Journalisten, die es immer schon gern sehr blumig mögen, an der Legende. Sie sind sich einig: Dieses Halbfinale zwischen zwei heldenhaft kämpfenden Mannschaften habe weder Sieger noch Verlierer verdient. Es werde und müsse als etwas ganz Besonderes in die Geschichte des Fußballs eingehen, orakelten sie. Und behielten recht. Es gab viele große Duelle bei Fußball-Weltmeisterschaften, aber kein anderes verdiente sich Titel des Jahrhundertspiels. Die Italiener nennen es „partita del secolo“.
War das Halbfinale in Overaths Empfinden ein Spiel von vielen? Oder schwante ihm, als er vom Platz ging, dass er und seine Mitstreiter Historisches geleistet hatten? „Ich war vor allem sauer, dass wir verloren hatten. Als Fußballer willst du immer gewinnen“, sagt Overath. „Ich dachte mir aber schon, dass es ein besonderes Spiel war. So viel Dramatik erlebt man ganz selten – wenn es auch aus Fehlern passiert.“ Es sei kein Wunder, dass die Partie, besonders dann, wenn Weltmeisterschaften anstünden, immer noch in voller Länge im Fernsehen gezeigt werde. Zu einigen Italienern hat Overath noch Kontakt. Giancarlo de Sisti hat er im vergangenen Jahr getroffen, als dieser 70 wurde. „Die Italiener waren nicht unfair. Sie haben gesehen, dass sie auch viel Glück hatten“, sagt der ebenfalls 70-jährige Overath.
Auch in Mexiko erinnert man sich. Am Aztekenstadion gibt es eine Gedenktafel: „El Estadio Azteca rinde Homenaje a las selecciones de: Italia (4) Y Alemania (3), protagonistas en el Mundial de 1970, del Partido Del Siglo, 17 de Junio de 1970“, ist dort auf Spanisch zu lesen. „Das Atzekenstadion ehrt die Nationalmannschaften von Italien (4) und Deutschland (3), Protagonisten bei der WM 1970 des Jahrhundertspiels, 17.Juni 1970.“

Wem Pathos und Heldenverehrung fremd sind, wird womöglich feststellen, dass der Fußball der frühen Neuzeit viel, viel langsamer und behäbiger war der heutige, dass manche Profis gar nicht wie Sportler aussahen. Bemerkungen dieser Art lassen Overath kalt: „Wir haben sehr guten Fußball für die damalige Zeit gespielt. Man kann verschiedene Zeiten nicht miteinander vergleichen“, meint er. „Wenn ich Spiele von 1966 im Fernsehen sehe, dann denke ich: Ist das langsam. 1970 waren wir schon ein Stück weiter und 74 auch wieder.“ Ein Mann wie Pelé wäre heute auch überragend, natürlich „anders trainiert und fitter.“ Das sei natürlich hypothetisch. „Denn ich kann den alten Pelé ja nicht mehr reinstellen in ein Spiel.“
Apropos Pelé. Im Finale von Mexiko hatte Brasilien, angeführt vom 29-jährigen Pelé, leichtes Spiel mit ermatteten Italienern. 4:1 siegten die Südamerikaner am 21. Juni 1970 und gewannen ihren dritten WM-Titel. Deutschland hatte am Tag zuvor mit letzter Kraft ein 1:0 gegen Uruguay im Spiel um Platz drei zustande gebracht – Torschütze: Wolfgang Overath.
Als die Helden heimkamen, wurden sie wie Weltmeister empfangen, 60 000 Menschen feierten am Frankfurter Römer die deutschen Jahrhundertspieler.

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