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Willian Wenn das Raketlein zündet

Der Flügelflitzer Willian schwingt sich im Windschatten von Neymar zu einer prägenden Figur der Seleçao auf.

Willian
Willian drehte im Achtelfinale gegen Mexiko erstmals bei dieser WM so richtig auf. Foto: rtr

Mitunter ist es nur noch ein imaginäres Abklatschen, wenn ein Spieler in der ersten Minute der Nachspielzeit ausgewechselt wird. Der betroffene Akteur gibt sich oft gar keine große Mühe mehr, die Ersatzspieler mit der ausgestreckten Hand zu erreichen, die noch auf den Sitzen lümmeln.

Als jedoch beim WM-Achtelfinale am vergangenen Montag zwischen Brasilien und Mexiko (2:0) in Samara auf der Leuchttafel die Nummer 19 aufblinkte und dann Willian Borges da Silva, kurz Willian, vom Feld kam, war das auf der brasilianischen Ersatzbank anders: Fast jeder wollte dem nach Marcelo mächtigsten Wuschelkopf der Seleçao gratulieren. Abklatschen, herzen und umarmen.

Der Irrwisch hatte in einer überragenden zweiten Halbzeit dermaßen aufgedreht, als hätte ihn jemand einen Zusatzbeschleuniger in der blauen Hose implementiert. Wie Daniel Düsentrieb war der 29-Jährige auf dem von einem deutschen Unternehmen verlegten Rasen herumgeflitzt. Die Vorarbeit zum wegweisenden 1:0 von Neymar war nur einer von vielen bemerkenswerten Willian-Durchstößen. Der Stürmer legte laut Fifastatistik im zweiten Durchgang insgesamt 216 Meter im Vollsprint zurück – in der Geschwindigkeitsstufe von mehr als 25 Kilometern pro Stunde also. Der Teamdurchschnitt seiner Mitspieler lag bei 217 Metern – aber in den kompletten 90 Minuten.

Die Initialzündung beim Rechtsaußen erfolgte zur rechten Zeit und am richtigen Ort. Immerhin hat Nationaltrainer Tite seinen Flügelmann mal „Foquetinho“ getauft, die kleine Rakete. Dass die nun gerade in Samara startete, hätte nicht besser passen können, denn die bis 1991 für Ausländer noch komplett gesperrte Stadt am südöstlichen Wolgalauf ist die russische Raketenhochburg. Hier wurde die Sojusrakete gebaut, mit der Jurij Gagarin 1961 als erster Mensch ins Weltall flog, und ein Original steht zentral an der Metrostation Rossiyskaya.

In der Pressekonferenz nach dem Achtelfinale kam unweigerlich die Frage auf, was Tite denn mit seinem bisweilen etwas untertourig laufenden Offensivstar vom FC Chelsea gemacht habe. Solche Fragen pflegt der Grandseigneur sofort an seinen Taktikexperten Sylvinho weiterzureichen, der in seiner Eigenschaft als Co-Trainer von einem Vieraugengespräch berichtete. „Es ging darum, wie wir besser hinter die letzte Linie kommen. Uns war klar, dass gegen Mexiko unsere beiden Flügel funktionieren müssen.“ Dass sich Willian dabei im Windschatten des nicht positionsgebundenen Neymar bewegte, war gewollt. Ähnlich wird auch die Marschroute fürs Viertelfinale am heutigen Abend gegen Belgien (20 Uhr, ZDF) sein.

Willian begegnet in der Kasan-Arena seinem Londoner Klubkollegen Eden Hazard, der auf die „Roten Teufel“ einen ähnlichen Einfluss nimmt. „Ich werde alles daran setzen, dieses Spiel zu gewinnen. Danach werden wir aber Freunde bleiben“, richtete Willian aus. „Hazard ist einer der Besten der Welt. Wir spielen seit fünf Jahren zusammen, jetzt aber erstmals gegeneinander.“

Gut möglich, dass die beiden bald aber auch auf Vereinsebene zu Gegnern werden. Angeblich ist der FC Barcelona bereit, für Willian 56 Millionen Euro zu zahlen. Auch sein früherer Trainer Jose Mourinho soll mit Manchester United an einer Verpflichtung interessiert sein. Die schwere Phase nach dem Tod seiner Mutter am 11. Oktober 2016, die wenige Stunden nach einem Treffer von Willian für Brasilien in einem Länderspiel gegen Venezuela an einem Krebsleiden gestorben war, ist endgültig ausgestanden.

Zündet das Raketlein in Russland sogar noch bis zum Finale am 15. Juli in Moskau, dürfte das den Preis in schwindelerregende Sphären treiben.

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