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Spanische Nationalmannschaft Wenn klare Kante mehr wert ist als ein WM-Titel

Die Entlassung des spanischen Nationaltrainers Julen Lopetegui, einen Tag nur vor Beginn der Fußball-WM in Russland, ist konsequent. Aber ist sie auch schlau? Unser Kommentar.

Lopetegui
Trainiert bald Real Madrid: Julen Lopetegui. Foto: afp

Als Spieler erwarb sich Luis Rubiales den Spitznamen „Pundonor“, was übersetzt so viel bedeutet wie der Stolze oder der Mutige. In 52 Erst- und mehr als 200 Zweitligaeinsätzen, so ist es überliefert, leistete der Mann mit der markanten Glatze grundehrliche Verteidigerarbeit, direkt, ohne großen Schnörkel, und auch in seiner jetzigen Funktion als Präsident des spanischen Fußballverbandes mag sich dieser geradlinige Mann nicht so gerne austanzen lassen. Die Entlassung des Nationaltrainers Julen Lopetegui, einen Tag nur vor Beginn der Fußball-WM in Russland, ist konsequent, vielleicht ist sie sogar richtig. Aber ist sie auch schlau?

Es gibt nicht wenige Stimmen in Spanien, die behaupten, Rubiales habe alleine aus gekränktem Stolz gehandelt, weil Real Madrid Lopetegui hinter dem Rücken des spanischen Verbandes für die nächste Saison als Nachfolger des scheidenden Zinédine Zidane an Land gezogen hat und mit der Verkündung nicht warten konnte oder wollte oder beides. Der Verbandsboss geht auf jeden Fall ein hohes Risiko ein mit der Ad-hoc-Entlassung des Coaches, der die Seleccion zum Topfavoriten auf den Titel in Russland geformt hat, der das Vertrauen aller Spieler genoss, ob vom FC Barcelona oder von Real Madrid. 

Es heißt, die Mannschaftskapitäne Sergio Ramos, Andres Iniesta und David Silva hätten versucht, Rubiales noch umzustimmen, unterstützt von den Führungsspielern Gerard Pique, Sergio Busquets und Pepe Reina. Die Mannschaft wollte mit Lopetegui also dieses WM-Turnier bestreiten, aber das war Rubiales offenbar egal. Er setzt darauf, dass das Team so gefestigt und eingespielt ist, dass es auch solch eine einschneidende Maßnahme wegsteckt, und er setzt auf das einnehmende Wesen des großen, aber als Trainer arg unerfahrenen Fernando Hierro, der das Team nun kurzerhand übernimmt. 

Wenn es gut geht, kriegt Rubiales beides, ein erfolgreiches Turnier, vielleicht sogar den Titel – und eine starke Botschaft. „Die Nationalmannschaft gehört allen Spaniern und vertritt die Werte von Allen, und wir als Verband haben die Pflicht diese zu verteidigen“, sagte er. Verteidigen gegen Machenschaften wie die von Real Madrid, dessen reichlich selbstherrlicher Präsident Florentino Pérez lieber schnell mit der Lopetegui-Verpflichtung prahlen wollte, statt die Ziele der Nationalmannschaft zu respektieren. Er wollte diesen Trainer, und er hat ihn bekommen, und der Rest schert Perez nicht.

Verbandschef Rubiales, der Stolze, hat jedenfalls klare Kante gezeigt im Fall Lopetegui. Manchmal ist das sogar mehr wert als ein Titel.

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