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Uruguay Oscar Tabárez, der Methusalix von Uruguay

Uruguays Nationaltrainer ist mit 71 Jahren der älteste Trainer der WM und entfacht bei seiner Mannschaft ungeahnte Kräfte – ganz ohne Zaubertrank. In Russland kann er sich vor allem auf seine beiden Superstars verlassen.

World Cup - Round of 16 - Uruguay vs Portugal
Oscar Tabárez' Gesicht flößt Respekt ein - daher wird ein Pappkopf des Trainers wohl auch von den Fans im Stadion hochgehalten. Foto: rtr

Bei den unbeugsamen Galliern, da gibt es zwei Hauptcharaktere: die Haudraufs Asterix und Obelix, die es wahlweise mit Piraten, Wikingern und am liebsten natürlich mit den Römern aufnehmen. Fast jedes Kind kennt sie, diese beiden Helden der erfolgreichsten französischen Comic-Reihe. Nicht ganz so im Fokus steht ein anderer: graues Haar, nach vorne gebeugte Haltung, am Stock gehend. Der Dorfälteste, Methusalix, der es sich trotz der vielen Jahre auf dem Buckel nicht nehmen lässt, genüsslich Zaubertrank zu schlürfen und kräftig einzudreschen auf diese so bemitleidenswerten Prügelknaben von Julius Cäsar. 

Wie nun also den Bogen von den Abenteuern des umlagerten gallischen Dorfs zum rollenden Ball in Russland spannen? Nun ja, mit Fäusten tragen Luis Suarez und Edinson Cavani ihre Duelle auf dem Rasen tatsächlich nicht aus. Draufgänger, echte Anführer, Helden einer Nation, sind die beiden Angreifer der uruguayischen Nationalmannschaft aber allemal. Was schnell zu Oscar Tabárez führt, dem Trainer der Celeste, mit 71 Jahren der älteste Coach bei der WM. Wenn man so will und den gewagten Vergleich auf die Spitze treibt: der Methusalix von Uruguay.

Nun passt in dieses Bild, das Tabárez auch noch optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Dorfältesten der Gallier nicht abstreiten kann. Graue Haare? Check. Gebeugte Haltung? Check. Am Stock gehend? Check. Das Guillain-Barré-Syndrom, eine Nervenkrankheit, die zu Muskellähmungen vor allem in den Beinen führt, zwingt den Trainer der „Urus“ dazu, sich an einer Krücke gestützt zu bewegen. Die Spiele verfolgt er meist sitzend. Schießt Uruguay ein Tor, freut sich Tabárez still in sich hinein, während die restliche Bank enthusiastisch aufspringt.

Seit knapp zwei Jahren muss der 1947 in  gutem Hause in der Hauptstadt Montevideo geborene Tabárez nun schon mit seiner Krankheit leben. Zu Trainingseinheiten lässt er sich gerne mit einem Golfkart kutschieren. Der 71-Jährige ist gezeichnet von seiner Erkrankung, reden will er darüber aber nur sehr selten. Er habe keine Schmerzen, sagt er, nur „motorische Einschränkungen“. Aber der Kopf funktioniere noch einwandfrei. Und: „Nichts hat sich durch die Krankheit für meinen Job oder im Umgang mit den Spielern geändert. Ich werde weitermachen, solange die Ergebnisse stimmen. Jetzt bin ich schon zum vierten Mal bei einer WM. Jeder Herausforderung begegne ich positiv.“

In Russland läuft es für seine Mannschaft bisher nahezu optimal. Die Vorrunde überstand Uruguay souverän, bekam in einer zugegebenermaßen leichten Gruppe mit dem Gastgeber Russland sowie Saudi-Arabien und Ägypten kein Gegentor. Im Achtelfinale schalteten die Tabárez-Schützlinge dann Europameister Portugal aus, chancenlos werden die Südamerikaner am Freitag (16 Uhr) im Viertelfinale gegen Titelfavorit Frankreich also keineswegs sein. Zu verdanken haben sie das vor allem Oscar Tabárez. 

Als der einstige Trainer des AC Mailand und der Boca Juniors aus Argentinien nach dem Scheitern in der Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland bereits zum zweiten Mal nach 1988 zum Coach der Celeste berufen wurde, da war das kleine Land fußballerisch am Boden. Es gab nur wenige Talente, auch Geld war kaum vorhanden. Tabárez musste die stolze Fußballnation, die immerhin 1930 im eigenen Land erster Weltmeister der Geschichte wurde, in mühsamer Kleinstarbeit wieder aufrichten. „Er ist der Vater des Erfolgs und für die gesamte Entwicklung der Nationalmannschaft verantwortlich“, sagt Stürmerstar Edinson Cavani: „Meine Wertschätzung ist unermesslich.“ 

In den zurückliegenden zwölf Jahren stehen erstaunliche Erfolge für das 3,3-Millionen-Einwohner kleine Land. WM-Vierter 2010 in Südafrika und Sieg bei der Copa América 2011. In Brasilien bei der deutschen Titelsause besiegte Uruguay in der Gruppe immerhin die Engländer und Italiener, scheiterte erst im Achtelfinale unglücklich an Kolumbien. Nun ist es wieder mindestens das Viertelfinale. „Es ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist, und uns jetzt die Möglichkeit gibt, einen anderen zu haben“, sagte Tabárez gewohnt verblümt nach dem 2:1 über Portugal. Plattitüden sind nicht seine Sache. Der 71-Jährige gilt als belesener, eloquenter Mann. Im Trainingszentrum in Uruguay hat er sogar eine Bibliothek einrichten lassen. Lange Jahre hatte Tabárez an mehreren Gymnasien in Montevideo Geschichte unterrichtet, bevor der bekennende Linke und Che-Guevara-Verehrer später seine Berufung als Fußballlehrer fand. 

So überrascht es auch nicht, dass „El Maestro“, der Lehrer, jüngst nach dem WM-Auftaktsieg gegen Ägypten ein ergreifendes Youtube-Video aus seiner Heimat mit der nach Sensationen gierenden Presse teilte. Zu sehen waren in diesem kurzen Clip Kinder in einer Schule. Statt Unterricht war an diesem Tag Fußballgucken angesagt. Als in letzter Minute das Siegtor für Uruguay fiel, verwandelten die Kleinen ihre Aula in ein Stadion. Sie tanzten, sie hüpften, sie rannten wild durcheinander und fielen sich in die Arme. Wenn er diese Kinder sehe, sagte Tabárez, dann denke er: „Sie werden das nie vergessen und es womöglich ihren Kindern erzählen, oder ihren Enkeln.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit. Stolz darauf, seinem Land durch die eigene Arbeit so viel zurückgeben zu können. 

Nach der WM in Russland läuft der Vertrag von Tabárez aus. Der Verband will den Erfolgstrainer natürlich halten, vermutlich wird es der „ewige Oscar“ aus Rücksicht auf seine Gesundheit aber doch lieber sein lassen mit einer Verlängerung. Irgendwie schade. Die Geschichte des Methusalix von Uruguay, der mit seinen unbeugsamen Draufgängern Luis Suarez und Edinson Cavani die große Fußballwelt aufmischt, hat Charme. Bleibt wohl nur die Hoffnung, dass Oscar Tabárez eine Flasche Zaubertrank findet.

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