Lade Inhalte...

Tim Cahill Prototyp des Sunnyboy

Tim Cahill ist mit 38 Jahren noch immer das Gesicht des australischen Nationalteams - auf dem Platz wird er aber nicht mehr gebraucht.

World Cup - Australia Training
50 Tore in 106 Länderspielen: Tim Cahill (r.). Foto: rtr

Der nach dem Schriftsteller Maxim Gorki benannte Park von Kasan ist ein beliebtes Erholungsareal der Millionenstadt. Frequentiert von Sonnenanbetern und Schachspielern, Joggern oder Fahrradfahrer. Und neuerdings auch von australischen Fußballern, die hier ihr WM-Quartier bezogen haben. Nachteil: Der Lärm der achtspurigen Schnellstraße in Richtung Millenniumbrücke über den Kasanka-Fluss dröhnt bis ins Stadion Trudovije Rezervij. Eine etwas aus der Zeit gefallene Spielstätte aus den 60er Jahren. Aber allemal ein akzeptabler Ort für das Training eines WM-Teilnehmers. 

Der Anpfiff für das zweite WM-Gruppenspiel der Australier gegen Dänemark am Donnerstag (14 Uhr/ZDF) erfolgt die Wolga ein gutes Stück südöstliche Richtung in Samara. Darauf richtet sich der Fokus aller. Australiens Co-Trainer Mark van Bommel, praktischerweise der Schwiegersohn des Cheftrainers Bert van Marwijk, hat zur Ausgangslage gesagt: „Wenn wir verlieren, ist es vorbei. Mit einem Remis sind wir noch drin, mit einem Sieg mischen wir die Gruppe auf.“ 

Mit 41 Jahren ist der ehemalige Bayern-Profi nur unwesentlich älter als das aktuell berühmteste Kadermitglied: Tim Cahill. Im Pulk der Protagonisten unschwer zu identifizieren. Als Träger der Nummer vier. Markanter Kurzhaarschnitt, tiefbrauner Teint. Sohn eines Engländers mit irischen Wurzeln und einer Samoanerin. Prototyp des Sunnyboy, den sich jeder auch am Strand von Sydney auf dem Surfbrett inmitten hoher Wellen vorstellen könnte. Noch aber hält der 38-Jährige seinen kräftigen Körper anders in Form: Bewegt sich inmitten jüngerer Gefährten und versucht beim Kreisspielchen am Anfang der Trainingseinheit den Ball zu ergattern. Er lauert, er wartet ab – dann schlägt er zu. „Good, Tim“ ruft einer der Mitspieler bei der Balleroberung. Er kann also noch mithalten. Zumindest im Training. 

Im Auftaktspiel gegen Frankreich (1:2) hat die lebende Legende 90 Minuten plus Nachspielzeit die Bank gedrückt. Der australische Angriff war nur ein laues Lüftchen, aber eingewechselt wurden die Stürmer Tomi Juric und Daniel Arzani. Nicht Routinier Cahill. Der eine zwölf, der andere 19 Jahre jünger. Der aus dem Iran stammende Arzani könnte sein Sohn sein. Sagt das nicht alles? Und doch würden Cahill viele Fans weltweit wünschen, gegen Dänemark oder wenigstens im letzten Spiel gegen Peru noch zum Einsatz zu kommen. Es wäre seine vierte WM auf dem Platz. 

Ohne seine zwei Treffer im asiatischen Playoff-Spiel gegen Syrien im Herbst vergangenen Jahres hätte es das Team aus Down Under vermutlich gar nicht zur WM geschafft. Fünf von insgesamt zwölf australischen WM-Toren gehen auf sein Konto. Bei allen drei Turnieren zuvor hat er getroffen: Bei der WM 2006 in Deutschland beim 3:1 gegen Japan traf er zweimal, 2010 in Südafrika gegen Serbien, 2014 in Brasilien gegen Chile und die Niederlande. Seine folgenden Boxeinlagen gerieten teilweise noch spektakulärer. Ihn verehren australische Anhänger über Generation. 

Bei vier Weltmeisterschaften zu treffen, haben nur Pelé, Uwe Seeler und Miroslav Klose geschafft. „Überhaupt mit diesen Größen erwähnt zu werden, ist verrückt“, sagte Cahill vor einer Woche. „Das bedeutet sehr viel für mich. Es ist der Traum eines jeden Kindes. Ich würde wahnsinnig gerne als ein Australier in die Reihe dieser großartigen Spieler gehören.“ Die Pressekonferenz in dem Raum mit den kinoähnlichen Polsterstühlen fand mehr Beachtung als jede andere bei den „Socceroos“. 

Immer wieder wird die Frage gestellt: Was kann Cahill wirklich dem Team noch geben? Nationaltrainer van Marwijk verlangt von seinen Spielern zuvorderst körperliche Fitness, hohe Laufbereitschaft und taktische Disziplin. Der 66 Jahre alte Pragmatiker findet, das müssten die Tugenden sein, um die fehlende Qualität zu kaschieren. „Dann können wir dafür sorgen, dass nicht die besseren Einzelspieler, sondern das bessere Team gewinnt.“ In diese Haltung passt der gealterte Rekordtorschütze (106 Länderspiele/50 Treffer) nur bedingt. Nur Mentalität reicht dem Trainerteam nicht.

Bemerkenswerte Figur der Premiere League

Cahill hat nach seinem Abgang vom FC Everton, wo er zwischen 2004 und 2012 zu einer bemerkenswerten Figur der Premier League reifte, weil er sich trotz seiner nur 1,78 Meter Körpergröße zum besonders durchschlagskräftigen Mittelstürmer avancierte, drei Jahre für die New York Red Bulls gespielt. Major Soccer League, das ist nicht allerhöchstes Niveau. Und erst recht galt das nicht für seine Engagements bei Shanghai Shenhua und Hangzhou Greentown. Gutes Geld, geringe Klasse. Danach ging es 2016 zurück in die Heimat. Melbourne City. Wieder geregeltes Auskommen, niedriges Niveau. Der Kämpfer spürte Anfang des Jahres, dass diese Anforderung nicht für seine vierte WM ausreichen würde. Also heuerte er beim FC Millwall an und sagte: „Ich habe mich dafür entschieden, meine Familie für fünf Monate zu verlassen. Ich weiß, dass ich älter geworden bin, aber ich werde umso härter dafür trainieren.“

Das Engagement beim englischen Zweitligisten, wo er bereits von 1997 bis 2004 unter Vertrag stand, hatte außer romantischen Verklärungen nicht viel zu bieten. Die Reporter in seiner Heimat haben seinen Weg verfolgt und klingen fürwahr ernüchtert. „Wer in einem halben Jahr nur 65 Minuten in seinem Klub Fußball spielt, kann bei einer WM keine Ansprüche stellen“, meinte Kevin Airs vom australischen Fachblatt „FourFourTwo“. Die fehlende Praxis fällt dem Veteran auf die Füße. Und einen Freifahrtschein will er wohl selbst nicht. Aber sie sollten ihn einfach ein paar Minuten bei dieser WM mitspielen lassen. Nicht nur beim Training im Gorki-Park von Kasan.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen