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Sieg gegen England Kroatien erstmals im WM-Finale

Mario Mandzukic trifft in der Verlängerung, Kroatien geht ins WM-Endspiel. Der englische Traum ist geplatzt.

Mandzukic
Mandzukic (r.) bringt Kroatien ins Finale. Foto: afp

Die offizielle Hymne der englischen Nationalmannschaft heißt „Three Lions“, handelt bekanntlich von einem langen („Football’s coming home“) Nachhauseweg und ist gerade wegen der Weglänge ein fußballkulturpessimistisches Liedgut. Im Intro, in dem frühere Fernsehkommentare eingespielt werden, heißt es: „Ich denke, das sind schlechte Nachrichten für das englische Spiel.“ Oder: „Wir sind nicht kreativ genug, wir sind nicht überzeugt genug.“ Und natürlich: „Wir werden weiter mit schlechten Ergebnissen leben.“

Das Frustrationslevel englischer Fußballfans, gemischt mit ihrer immerhin unbesiegbaren Selbstironie, war dafür verantwortlich, dass „Three Lions“ es zweimal – während EM 1996 und überarbeitet vor der EM 2016 – an die Spitze der britischen Charts schaffte. Zwanzig Minuten vor dem Anpfiff des Halbfinals gegen Kroatien lief der aber nur zweitberühmteste Fußball-nach-Hause-Song der Welt natürlich auch im Olympiastadion Luschniki. Die englischen Fans sangen auf den Tribünen, sie sangen vor den Bierständen, sie sangen in den Toiletten. Aber über zwei Stunden und ein paar Biernachladungen später war ihr Singen verstummt. Das gigantische Grölen, dieses kratzige Kreischen aus den Kehlen des Wahnsinns kam von der anderen Seite.

Nach der Niederlage gegen Kroatien, 1:2 nach Verlängerung, gab es wieder schlechte Nachrichten für England, war keiner mehr überzeugt, dass die Tage der schlechten Ergebnisse gezählt sein könnten. Nur noch vier, dachten sie, dann würde eine neue Zeitrechnung beginnen. Am Sonntag spielt aber Kroatien im Finale gegen Frankreich. Kann England nicht mehr Weltmeister werden. Kann der Fußball wieder nicht nach Hause kommen. In den Schoß seiner Landesmutter.

Der Abend beginnt mit einem Höhepunkt

Dieser Abend begann gleich mit einem Höhepunkt. Alle kroatischen Spieler standen in der Mauer, nur vier englische nicht. Einer von ihnen war Kieran Trippier, und der schlenzte den Ball über Freund und weniger Freund ins Tor – das 1:0 für England nach fünf Minuten. Schwer beeindruckt waren die Kroaten danach und gezeichnet wie ein Boxer, der sich vielleicht nicht mehr erholen kann vom ersten Schlag. Einen zweiter und dritter hätte folgen können. Nach einer Viertelstunde sangen die zufriedenen Engländer erstmals auch ihr hymnisches Nationalständchen für ihre Queen.

Nach knapp zwanzig Minuten gelang Ivan Perisic der erste Annäherungsversuch, aber näher als einen Meter kam er dem Ziel nicht, wo Jordan Pickford ohnehin schon gewartet hatte. Namensvetter Strinic war auf der anderen Seite immer noch benommen und hätte fast einen Assist gutgeschrieben bekommen. Das Spiel schien zunächst ungleich zu sein wie die Laufduelle zwischen Raheem Sterling und Dejan Lovren. Wenn es ihm zu viel wurde, ließ der kroatische Abwehrhammer den englischen Flügelblitz stumpf im Rasen einschlagen. Einen Einschlag im Netz hätte sich Jesse Lingard gewünscht. Er hatte die Sicht frei von Gegenspielerschatten, doch sein Schuss aus etwa zwanzig Metern schlug neben dem Tor ein. Gleichzeitig viele Handflächen in ungläubigen Fangesichtern.

Seltsam, was am Ende der ersten Halbzeit passierte. Domagoj Vida bekam wegen seiner Freundschaft zur Ukraine wie aus dem Nichts den Unmut der russischen Stadionbesucher zu hören. Hätte nicht sein müssen. Der kroatische Fanblock hatte bereits vor dem Anpfiff ein versöhnliches Zeichen gesetzt. Auf dem Banner stand „spasibo Rossija“, danke Russland. Das klang irgendwie nach Abschied. Aber vielleicht war es nur das erste Ablenkungsmanöver.

Auch nach dem Seitenwechsel spielte diese englische Mannschaft erst mal wieder einen selbst im eigenen Strafraum entspannten Fußball. Fünf hinten in der defensiven Grundformation, drei in der Mitte und davor meist Sterling und Harry Kane, die sich die Aufgabengebiete teilten. Der eine rannte gern in die Räume, die der andere ihm öffnete. Gewohnt unauffällig verrichtete Jordan Henderson sein Zwischenraumspiel. Die englische Mannschaft war gedanklich schneller. Und Ihre Beine wurde es auch immer mehr.

Auf der anderen Seite war Luka Modric wieder das freieste Radikal auf dem Platz. Er schleppte die Bälle nach vorne oder forderte sie auf dem Flügel. Doch auch ihm waren die zwei Verlängerungen anzumerken. Ein gerade noch geblockter Schuss von Perisic war nach über einer Stunde die beste Chance zum Ausgleich. Das war so ein Zeichen, dass mehr möglich ist, dass sie nach dem Achtelfinale gegen Dänemark und dem Viertelfinale gegen Russland wieder einen Rückstand aufholen, ein Spiel drehen können.

Perisic hatte es am häufigsten probiert bislang, und in diese Flanke von rechts legte er alles rein, was er hatte. Den Frust, die Wut. Vor allem aber sein Bein, das er hoch über den Kopf von Kyle Walker hievte und so karatemäßig das 1:1 erzielte. Gut zwanzig Minuten waren es noch regulär, und mit jeder Sekunde seit dem Ausgleich verlor das englische Team an Ordnung. Perisic traf in der nächsten Szene den Pfosten. Der Leichtigkeit des englischen Jugendfußballs hatten die Kroatien mit all ihrer Turniererfahrung plötzlich schwere Ketten angelegt. So erzwangen sie die Verlängerung.

Über dreißig Minuten mehr freut sich jeder Beobachter, nur die Beobachteten nicht. Aber jeder hofft zumindest, dass ihm noch etwas Besonderes gelingt. John Stones zuerst, dessen Kopfball fast die Linie überquert hätte. Dann Mario Mandzukic, der aus vier Metern nur Pickfords Torwartknie traf. Dann wieder Pause. Her mit den Trinkflaschen. Taktikkreis. Letzte Worte. Wer hört da noch zu. „God saves the Queen“ von den Rängen. Ein letztes Mal. Denn dann schlägt es Minute 109, Walker macht was falsch, Perisic was richtig, und Mandzukic schießt das Finaltor. Wird ausgewechselt. Lässt sich feiern. Wird das nie wieder vergessen. Wie alle andere auch.

 

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