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Sepp Herberger Stratege und Wundermacher

Sepp Herberger steht für den WM-Sieg von 1954 - taktisch hat ihn auch Maos Guerilla-Lehre inspiriert. Teil eins der FR-Serie „Deutschlands WM-Trainer“.

WM Finale 1954 in Bern Die BR Deutschland wird Weltmeister Bundestrainer Sepp Herberger obenauf
Die Stunde des Triumphs: Herberger wird von seinen Spielern durchs Wankdorf-Stadion getragen. Foto: imago

Ein ganz besonderer Ball ist die wichtigste Reliquie im Leben des Sepp Herberger, sein heiliger Gral, sein größter Schatz. Aufbewahrt hat er ihn daheim in Hohensachsen bei Mannheim, das Leder schimmert gelb, darauf stehen die Unterschriften seiner Weltmeister. Der Endspielball von Bern 1954 ist ein Unikat, damals gab es nur ein einziges Exemplar pro Spiel. Und immer wieder hat Herberger dieses besondere Andenken für Besucher hervorgeholt, um die Magie des Exponats mit dem Betrachter zu teilen. Besorgt hat es Herbergers robuster Verteidiger Werner Kohlmeyer auf Veranlassung von Fritz Walter, dem Kapitän. In der Kabine ging das Leder in den Besitz des gerührten Sepp Herberger über.

Heute ist dieser Ball ein zentrales Ausstellungsstück des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund. Dort hat man dem einstigen Reichs- und Bundestrainer Herberger eine ganze Abteilung gewidmet. Zu sehen sind unter anderem einige seiner Trainingspläne und auch die Eheringe der Eheleute Eva und Sepp Herberger.

Im Zentrum aber steht das Spielgerät, mit dem die deutschen Außenseiter im Finale von 1954 die jahrelang unbezwungenen Ungarn schlugen, 3:2. „Der Ball ist ein zeitgeschichtliches Dokument der jungen Bundesrepublik. Und er war ein wichtiges Erinnerungsstück für Herberger persönlich“, sagt Manuel Neukirchner, Museumsdirektor und Herberger-Experte.

Herbergers Geschichte ist die eines Aufsteigers. Geboren 1897, groß geworden in einer Mannheimer Arbeitersiedlung, Schulabschluss mit 14. Auf dem Weg nach oben half der Fußballsport, den er liebte. Er war der Quell seines Ehrgeizes: Fußballlehrer wollte er werden, unbedingt. Und wie es sich so fügt im Leben eines wild Entschlossenen: Er, ehemaliger Fußball- und Nationalspieler, schaffte es, durch Überzeugung und Hilfe von Unterstützern, seinen Traum zu verwirklichen.

Einer seiner Förderer war Otto Nerz, Reichstrainer seit 1926, den Herberger aus Mannheimer Fußballerzeiten kannte. Nerz lotste Herberger nach Berlin, wo er dank bester Referenzen mit einer Ausnahmegenehmigung ohne Abitur 1927 ein Studium an der Hochschule für Leibesübungen aufnehmen durfte, das er 1930 als Jahrgangsbester abschloss. 1932 bekam Herberger eine Anstellung als Cheftrainer beim Westdeutschen Fußballverband, und in dieser Funktion arbeitete er Nerz zu. Deshalb war es keine Überraschung, dass Herberger nach den verpatzten Olympischen Spielen von Berlin 1936, als die deutsche Elf im Viertelfinale an Norwegen scheiterte, als Reichstrainer nominiert wurde. Nerz war nicht mehr zu halten. Bundestrainer war Herberger schließlich ab 1950.

Zu Herbergers Nachlass gehören auch 1500 Bücher. Eine Bibliothek, die – wie Neukirchner mit seinem Werk „Herbergers Welt der Bücher“ zeigen konnte – die Grundlage für alle Weisheiten ist, die Herberger von sich gab. Neukirchner zeigt auf, dass sich Herberger für seine Taktik Anleihen bei Militärstrategen nahm, etwa bei Carl von Clausewitz (1780 bis 1831), einem preußischen Generalmajor und Militärethiker. Und auch in den drei Hauptwerken von Mao Tse-tung, der für Guerillakrieg gegen die Gruppe der Kuomintang stand, die 1912 die erste Republik China gründeten, wurde Herberger fündig.

Er sei eben wissbegierig gewesen, „ein ewig Suchender“, erzählt Neukirchner. Von Clausewitz nun empfahl, dass die Armee bei Übergewicht des Gegners in der Defensive verharren solle, bis der Kontrahent ermüdet sei, um dann selbst ein Übergewicht zu erlangen. Herberger entwickelte daraus eine Art Guerilla-Wirbel, permanente Bewegung, ständige Positionswechsel. Und schuf ein System, das Vorteile in Überraschungscoups suchte – sichere Abwehr und dann „Blitzangriffe“ setzen. Entstanden war so ein Mao-Clausewitz-Fußball, der 1954 im Halbfinale der WM gegen Österreich (6:1) und im Finale gegen die Ungarn seine Blüte erlebte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier WM-Trainer

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